Archiv: Erlebnisse als Rotkreuz-Schwester in Würzburg von 1944-45
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Würzburg erleben
19. März 2013

Die erst 18-jährige Margareta Steinmetz als Rotkreuz-Schwester (links) I Drei Freundinnen und Margareta (rechts). Fotos: Privat/Margareta Steinmetz
Es ist eigentlich ganz unglaublich. Unter das Posting mit dem Video zum Mahnläuten am Samstag, den 16. März 2013, setzt Margareta Steinmetz einen Kommentar: „War als DRK-Schwester im Schottenanger eingesetzt.“ Wir waren überrascht: Die Dame müßte über 85 Jahre sein – und ist auf Facebook? Margareta hat uns daraufhin damals per E-Mail angeschrieben und uns ihre Erlebnisse als Krankenschwester in Würzburg geschildert. Wir freuen uns sehr, diese bewegenden Erinnerungen immer wieder mit Euch zu teilen.
Meine Erlebnisse als Rotkreuz-Schwester in Würzburg von 1944-45
Mein Kriegseinsatz als DRK Schwester führte mich 1944 nach Würzburg in den Schottenanger, einer Heeresfachschule für Kriegsblinde, ein von der Wehrmacht beschlagnahmtes Kloster. Ich war damals 18 Jahre alt. Jede Schwester hatte 4 Blinde zu betreuen, aber keine Krankenpflege. Alle hatten den Krankenhausaufenthalt hinter sich. Es war keine leichte Aufgabe, weil diese Menschen sich in einem sehr depressiven Zustand befanden. Unser Jüngster war 21 Jahre alt und hatte bei einem Fallschirmabsprung beide Augen verloren und seine Braut hatte ihm den Verlobungsring auf die Bettdecke gelegt und ist gegangen. Solche Dinge waren an der Tagesordnung.
Fühlten uns sicher in Würzburg
Von meinen vier zu betreuenden Blinden waren es zwei, die diese Erfahrung machten. Die Post musste ja vorgelesen werden und die Antwort nieder geschrieben. Von Seiten der Wehrmacht wurde viel getan um die Stimmung aufzuheitern. Unterrichtet haben Offiziere die im Beruf Lehrer waren. Wir wurden zu Konzerten in der Residenz eingeladen, zu Weinproben in diese riesigen Weinkeller. Im Winter mit Pferdeschlitten fuhren wir durch den tief verschneiten Winterwald in ein Forsthaus und wurden dort fürstlich bewirtet. Mein Akkordeon musste oft dabei sein und dann gab es ein Wunschkonzert oder man wünschte die damals üblichen Marschlieder etc. etc. Wir waren schon glücklich, wenn man ein zaghaftes Lächeln auf einem Gesicht bemerkte. Man fühlte sich relativ sicher in Würzburg. Zu Hause, in Düsseldorf, wohnten meine Eltern und Brüder schon eine Weile im Keller, das was von unserer Wohnung übrig geblieben war.
Der Bombenangriff am 16. März
Nun kam aber über Würzburg der Bombenangriff 1945. Es wurden starke Bomberverbände gemeldet und wir bekamen die Anweisung, nicht den Keller aufzusuchen, sondern einen nicht weit vom Kloster durch Fels gehauenen Gang, der in Frohnarbeit wohl im 16. Jahrhundert geschaffen wurde, als Fluchtweg zur Burg aufzusuchen. Der Gang war sehr niedrig und schmal, auch feucht. Wir hockten uns an das Felsgestein gelehnt dort nieder und das ganze Inferno nahm seinen Gang. Als die Bombardierung aufhörte, schaute ich hinaus und starrte das Bild an, was sich mir bot. Der Himmel war hell erleuchtet und silbrig glänzende Gebilde schwebten herab um all das, was noch nicht kaputt war in Flammen, aufgehen zu lassen.
Wir versuchten noch etwas von der Blindenbibliothek zu retten, aber die Flammen holten uns ein. Nach einigen Stunden holten wir unsere völlig verängstigten Blinden aus dem Grottengang und wussten nicht wohin mit uns allen. Wir fanden nach langem Suchen eine halb verfallene Scheune auf einer Wiese und als wir am anderen Morgen hinaus schauten, lagen dort halb verkohlte Leichen, sie lagen übrigens fast 8 Tage dort in der Sonne und ringsherum blühten die Frühlingsblümchen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen.
„Das waren Todesängste“
Um uns notdürftig mit Wasser zu versorgen mussten wir es aus dem Main holen, unter Begleitung von Tieffliegerbeschuss. Man hört irgendwie auf zu registrieren, man verhält sich wie eine Marionette. Wir beschlossen dann an Bahngeleise zu gehen. Dort war die flüchtende Wehrmacht, zum Teil offene Waggons mit Panzer. Ich habe noch die Erinnerung, dass wir uns ihnen anschließen konnten, mussten nur immer raus in den Graben, wenn die Tiefflieger kamen, das waren wieder Todesängste, aber am Schlimmsten für unsere leidenden Blinden.
Es gäbe noch so manches zu berichten, von den Soldaten, die in der Stadt in ihren Betten verbrannt sind, von den aufeinander geschichteten Leichen in der Kirche, etc. etc. Mittlerweile habe ich die halbe Welt bereist, aber Würzburg bleibt für mich etwas ganz Besonderes mit einer einzigartigen Ausstrahlung….
Liebe Grüße Margareta.

