Träume in Tränengas erstickt – Bericht aus dem Gezi-Park/ Istanbul
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Würzburg erleben
12. Juni 2013

Symbolbild Würzburg
Ein Reisebericht meiner persönlichen Eindrücke, die ich im Zeitraum vom 3.-10. Juni bei der Teilnahme an der #OccupyGezi-Bewegung sammeln konnte – von Matthias Stumpf
Am Anfang ist es nur ein Brennen in den Augen. Der Hals fühlt sich trocken an, das Atmen fällt immer schwerer. Ein kratzender Husten setzt ein. Schutz bieten Kleidungsstücke oder Einwegmasken nur bedingt. Die Menschen drängen in alle Richtungen, in der Hoffnung dem Tränengas zu entkommen. Es ist der 3. Juni, Montagnacht und den Demonstrierenden sind die Entbehrungen der vergangenen Woche anzumerken. Alles begann mit der friedlichen Besetzung der letzten grünen Fläche im Zentrum Istanbuls. Die Antwort der Polizei ließ nicht lange auf sich warten. Polizeigewalt und massivster Einsatz von Tränengas führten zu tagelangen Ausschreitungen: Letztendlich gelang es den Demonstranten jedoch den Gezi-Park zurückzuerobern. Hier bin ich nun und versuche, wie viele andere, mich vor dem Gas zu schützen.
Als ich die Bilder im Fernsehen sah, fühlte ich mich ohnmächtig. Regelmäßig war ich in den letzten Jahren in der Türkei. Habe Freunde und Bekannte gewonnen, sowie an Seminaren bezüglich Meinungs- und Pressefreiheit teilgenommen. Durch mein Engagement für die Grüne Jugend und die Teilnahme an verschiedenen Seminaren über grün-politische Vereinigungen lernte ich die Türkei zu lieben. Durch den regelmäßigen Austausch mit türkischen Aktivisten wurde mir aber auch das Verlangen nach mehr Demokratie vor Augen geführt. Wirklich alle, die ich bei früheren Reisen in die Türkei kennen gelernt habe, waren bei der Besetzung des Gezi-Parks dabei oder haben an anderen Demonstrationen teilgenommen. Die Entscheidung fiel mir nicht ganz leicht, dennoch war für mich klar, dass ich etwas tun musste. Ich entschloss mich daher am Sonntag, den 2.Juni in die Türkei zu fliegen und kam schließlich einen Tag später in Istanbul an.
Montagnacht waren erneut tausende Menschen auf den Straßen rund um den Taksim-Platz, sowie in anderen Vierteln Istanbuls. Was in der folgenden Woche zu einer gut organisierten Zeltstadt heranwachsen sollte, machte noch einen provisorischen Eindruck. Die Menschen schliefen mit Schlafsäcken auf Isomatten. Immer wieder zogen Schwaden aus Tränengas vom nahe liegenden Viertel Beşiktaş zum Park hinauf. Dort fanden immer noch Auseinandersetzungen mit der Polizei statt. Ich traf meine Parteifreunde der türkischen grünen Partei. Viele wussten gar nichts über meine Anreise. Die Freude des Wiedersehens und über die Solidarität war groß. Wir verbrachten die Nacht gemeinsam im Park. Sie erzählten mir von den Ereignissen der vorherigen Tage, wir diskutierten über die innenpolitische Lage und hofften alle auf ruhigere Tage.
In der darauf folgenden Woche nahm ich an verschiedenen Kundgebungen teil. Ich beobachtete zudem, wie im Park ein kleines Utopia entstand. Der komplette Taksim-Platz wurde von der Polizei den Demonstranten überlassen. Überall fanden sich Stände, an denen kostenlos Essen verteilt, medizinische Versorgung oder Rechtsberatung angeboten wurde. Im Park entstand sogar eine kleine Bibliothek. An jeder Ecke spielte Musik, die Leute tanzten, lachten und es entstand ein unbeschreibliches Gefühl der Gemeinschaft.
Die unterschiedlichsten Parteien, Nichtregierungsorganisationen und Interessengruppen hatten ihre Stände nebeneinander eingerichtet. Das ganze oppositionelle politische Spektrum war vertret
en. Demokraten, Kommunisten, Sozialisten, kurdische Gruppen um nur einige zu nennen.
Ebenso traten die LGBT-Gemeinschaften Istanbuls und feministische Gruppen offen und selbstbewusst auf und waren mit vielen Teilnehmern an ihren Ständen vertreten.
Die ganze Stadt war wie elektrisiert. An jedem Ort, ob Cafe, Dolmuş (Minibus), Metro oder auf der Straße wurde über Politik diskutiert. Istanbul erlebte eine Explosion der Kreativität. Straßenkunst und Graffiti waren überall zu finden. Teils wurde die Wut gegen die Regierung oder die Polizeigewalt ausgedrückt oder das Geschehen mit Humor verarbeitet. Der Einfallsreichtum beeindruckte mich sehr. Der Wortwitz einiger Schriftzüge brachte mich zum Lachen. Mein Lieblingsgraffiti zeigte zwei Pinguine über dem Schriftzug „Antarktika Direniyor“, was so viel bedeutet wie: „Die Antarktis leistet Widerstand“. Das Graffiti bezieht sich auf den Fernsehsender CNN Türk. Dieser strahlte eine Dokumentation über Pinguine aus anstatt über die Proteste zu berichten. Diese Selbstzensur ist nur ein Beispiel von vielen, wie die hiesigen Medien mit der Bewegung umgingen. Andere große, türkische Medienkonzerne stehen der Regierung nahe oder verzichteten aus privatwirtschaftlichen Gründen über die Geschehnisse zu berichten. Wenn berichtet wird, fallen Worte wie Provokateure, Hooligans, Chaoten etc.. Das Gegenteil sah ich mit eigenen Augen. Die Besetzung ist eine hochintellektuelle, friedliche Bewegung. Das wird und wurde nur zu gern verschwiegen. Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter waren daher die Quelle für jede neue Entwicklung des Geschehens. Auch hier kursierten zeitweise Fehlinformationen, so dass es an einem selbst lag, sich ein Bild zu machen und jede Information, ob nun von stattlicher oder nichtstaatlicher, zu hinterfragen.
Schnell wurde in den westlichen Medien von einem arabischen Frühling gesprochen. Die Türkei ist aber kein arabisches Land und die Situation nicht mit den dortigen Bewegungen vergleichbar. Die Menschen wollen nicht das System abschaffen, in welchem sie leben. Erdogan wurde demokratisch gewählt und die Demonstranten wissen das auch, selbst wenn sie in Sprechchören den Rücktritt Erdogans fordern. Vielmehr erfuhr ich in persönlichen Gesprächen mit den Demonstranten, dass sie endlich gehört werden wollen, ein Zeichen für mehr Mitbestimmung, für mehr direkte Demokratie setzen wollen. An einen Tag wird ein neues Bauprojekt beschlossen, am nächsten Tag rollen die Bagger. Der Gezi-Park ist Ursprungsort der Bewegung und Paradebeispiel zugleich. Den Protestierenden geht es nicht nur um einen Park, an dessen Stelle ein Einkaufszentrum ersetzt werden soll.
Am Taksim-Platz und Gezi-Park hält die Opposition traditionell Versammlungen ab. Wird nun der letzte freie Platz im Zentrum bebaut, so wird ihnen die letzte Möglichkeit der öffentlichen Meinungsäußerung im Stadtzentrum genommen. Auch das in der deutschen Presse viel zitierte Gesetz zur Einschränkung des Alkoholverkaufs ist nur ein Tropfen von vielen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Auf unterschiedlichste Weise wurden die Rechte der Menschen schrittweise eingeschränkt.
Den Menschen reicht es nicht mehr alle fünf Jahre ihre Stimme abzugeben.
Ich war schon immer beeindruckt von dem Engagement meiner Freunde in der Türkei. Nun haben sie sich mit vielen Gleichgesinnten zusammengefunden. Sie alle waren überrascht und glücklich über das neue Gemeinschaftsgefühl. Viele bezahlten einen hohen Preis, manche mit ihrem Leben. Allgenwärtig waren die Bilder der ersten beiden Todesopfer und es folgten weitere. Am 9. Juni, Sonntagnacht, lief ich ein letztes Mal über den Platz und durch den Park. Abertausende Menschen haben sich ein weiteres Mal eingefunden. Besuchen Kundgebungen und staunen über die Organisiertheit der entstandenen Zeltstadt. Schweren Herzens verabschiede ich mich von meinen Freunden und fahre zum Flughafen. Meine Hoffnungen und Gedanken sind bei all den mutigen Menschen, die in dieser Woche so viel geleistet haben und viel für ihre Überzeugungen riskiert haben. Am heutigen Dienstag hat sich die Lage schon wieder verändert. Die Polizei ist auf den Taksim-Platz vorgedrungen und für die Nacht und morgen werden neue Demonstrationen erwartet. Ich hoffe all die Opfer, Mühen und Entbehrungen dieser mutigen Menschen werden am Ende belohnt werden. Wie es scheint werden am heutigen Tag die Hoffnungen enttäuscht und mit Härte und Gewalt der Polizei vergolten.
Über unseren Gastautor:
Mein Name ist Matthias Stumpf, ich studiere Jura und Europarecht als Begleitstudium an der Universität Würzburg. Ich bin Mitglied bei der Grünen Jugend BW. Facebook: www.facebook.com/matthias.stumpf. Email: Stumpfi_@gmx.de. http://whatcanidoforturkey.blogspot.de/.

