Was Würzburger vor 70 Jahren erlebten – Roland Flades Facebook-Seite der anderen Art
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Würzburg erleben
24. Juli 2013

Symbolbild Würzburg
Eine 18-jährige Würzburgerin ist verliebt. Das ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Wenn sich die Sache aber im Juli 1943 ereignet und der junge Mann Medizinstudent ist, der nach dem gerade abgelegten Examen demnächst an die Front muss, sieht alles schon ganz anders aus.
Tag für Tag ist seit März im Internet nachzulesen, was Würzburger und Würzburgerinnen im Jahr 1943 erlebt haben. Auf der Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ versammelt Roland Flade, Main-Post-Redakteur und „Würzburg erleben“-Mitarbeiter, Augenzeugenberichte, Tagebucheinträge und historische Zeitungsartikel – und zwar immer genau sieben Jahrzehnte nach dem beschriebenen Ereignis.
Am 25. Juli 1943, einem Sonntag, notierte die 18-jährige Ortrun Koerber Folgendes in ihrem Tagebuch:
Tagebucheintrag vom 25. Juli 1943
„Seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr geschrieben. Mein Schweigen hat zwei Gründe. Der erste Grund ist, dass ich kein richtiges Tagebuch mehr habe. Seit einigen Monaten schreibe ich auf losen Blättern. Es ist unmöglich, ein Notizbuch oder etwas Ähnliches zu bekommen. Und der zweite Grund – nun, ich glaube ich habe mich verliebt. Ich traf ihn vor einiger Zeit und wir haben uns seitdem ziemlich oft gesehen. Er ist sehr lieb und ich mag ihn sehr gerne, aber ich weiß nicht, ob er meine Gefühle erwidert. Aber es ist gerne mit mir zusammen. Er kommt ziemlich oft zu uns nach Hause, und Vati und Mutti unterhalten sich gerne mit ihm – meistens über Politik. Er und ich sprechen auch über Politik, aber sonst meistens über Bücher und griechische Philosophen, über die Reform des Staates, Frauenemanzipation und so weiter. Es gibt nichts, worüber man sich mit ihm nicht unterhalten kann.
Übrigens ist er Arzt. Er ist im Ausland aufgewachsen und möglicherweise kommt er mir deshalb anders als die anderen vor. Wir waren ein paar Mal tanzen und vorgestern haben wir Schillers Schauspiel ‚Maria Stuart’ gesehen. Danach saßen wir einige Zeit in einem Café und dann gingen wir zum Fluss hinunter. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Sterne am Himmel leuchten sehen.Bald wird er Würzburg verlassen, da er sein Studium abgeschlossen hat, und in den Krieg ziehen. Ich bin glücklich, dass er zum Heilen und nicht zum Töten einberufen ist.“
Das Leben der „Durchschnittsbürger“ nachvollziehbar machen
Roland Flade, promovierter Historiker und einer der besten Kenner der Würzburger Geschichte des 20. Jahrhunderts, betrachtet es als seine Mission, das Leben der Durchschnittsbürger nachvollziehbar zu machen. Wie war es, in der Endphase des Krieges in der noch unzerstörten Stadt Würzburg zu leben? Ortrun Koerber, die dem Nazi-Regime äußerst kritisch gegenüberstand und das in ihrem Tagebuch nicht verhehlte, taucht immer wieder auf seiner Facebook-Seite auf. Sie lebt heute 88-jährig in Bad Dürkheim, gibt die Zeitschrift „The Beacon. The English Student’s Own Magazine“ heraus und ist auch auf Facebook unterwegs.
Hier zu einem weiteren Tagebucheintrag von Ortrun Koerber auf „Würzburg vor 70 Jahren“: 9. Mai 1943.
Aber es gibt auch den 52-jährige Otto Seidel, Angestellter der Universitätsaugenklinik am Röntgenring, der ebenfalls Tagebuch führte, und der noch an den Endsieg glaubte: zum „Seidel-Eintrag“ vom 17. März 1943.
Oder die 21-jährige Theresia Winterstein, Mitglied einer Würzburger Sinti-Familie. Sie brachte 1943 Zwillinge zur Welt, die in der Würzburger Universitätskinderklinik von fanatischen Nazi-Ärzten für medizinische Experimenten missbraucht wurden, wobei eines der Babys starb. Auch ihre Geschichte und die ihrer Angehörigen, die deportiert und ermordet wurden, ist auf „Würzburg vor 70 Jahren“ nachzulesen. Ihre Tochter Rita Prigmore erhielt vor kurzem den Würzburger Friedenspreis: zum „Winterstein-Eintrag“ vom 11. April 1943.
Die Geschichte von Ernst Ruschkewitz, der im Auschwitz-Außenlager Blechhammer in Oberschlesien in einem kleinen Adressbuch seine täglichen Erlebnisse notierte, wird ebenfalls erzählt. Das Tagebuch wurde 1944 aus dem Lager herausgeschmuggelt; ein Jugendfreund von Ernst Ruschkewiz übergab es Roland Flade 1985; jetzt wird es erstmals fast vollständig publiziert: zum „Ruschkewitz-Eintrag“ vom 10. März 1943.
Auch die Erlebnisse zweier junger Soldaten aus Würzburg spielen eine große Rolle. Einer von ihnen ist der 25-jährige Philipp S. Frank, der in russische Gefangenschaft geriet, der andere der 19-jährige Rudolf Söder, der an der Ostfront das Augenlicht verlor: zum „Söder-Eintrag“ vom 4. Mai 1943.
Außerdem gibt es Artikelauszüge aus der „Mainfränkischen Zeitung“, die Flade täglich auswertet. „Es ist geradezu gespenstisch zu beobachteten, wie die Nazis im Angesicht der sicheren Niederlage die Ablenkungs- und Propaganda-Maschine auf Hochtouren laufen ließen“, sagt er. 1943 und sogar noch 1944 fand das Mozartfest statt, Sportler traten zu Wettkämpfen auf dem Sanderrasen an und Humoristen gastierten im Platzschen Garten: zum Artikel der Mainfränkischen Zeitung vom 12. März 1943.
Das Projekt „Würzburg vor 70 Jahren“
„Auf Facebook wird ja viel Banales gepostet“, sagt Roland Flade, der zusätzlich eine persönliche Seite betreibt und gelegentlich auch mal Essensfotos hochlädt. „Aber Facebook lässt sich auch für seriöse Projekte nutzen.“ Am meisten freut ihn, dass fast die Hälfte der über 700 Fans von „Würzburg vor 70 Jahren“ jünger als 35 Jahre ist. Zehn Prozent rufen die Seite vom Ausland aus auf.
Das Projekt „Würzburg vor 70 Jahren“ ist auf Langfristigkeit angelegt. Im Lauf der Zeit sollen Berichte weiterer Würzburger dazukommen, beispielsweise die der 16-jährigen Schülerin Ilse Schiborr, die den 16. März 1945 und die Nachkriegszeit erlebte und 1948 zur ersten „Miss Würzburg“ gewählt wurde, und die des 24-jährigen GI Donald Carner, der Anfang April 1945 an der Eroberung Würzburgs beteiligt war, ebenso wie die Erlebnisse von Angehörigen der Trümmerräum-Kommandos.
Danach ging es langsam wieder aufwärts, und auch dies soll täglich nachvollziehbar werden.

