Was ein Würzburger 1943 im KZ erlebte: das Tagebuch des Ernst Ruschkewitz

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Würzburg erleben

24. Oktober 2013

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Der Satz, den der 39-jährige Würzburger Ernst Ruschkewitz heute vor 70 Jahren niederschrieb, besteht nur aus vier Worten und zwei Zahlen, aber er erzählt eine schreckliche Geschichte. Ernst Ruschkewitz war seit einem halben Jahr Zwangsarbeiter im oberschlesischen KZ Blechhammer, einem Außenlager von Auschwitz, wo er mit Tausenden anderen Gefangenen unter anderem eine gigantische Hydrieranlage zur Herstellung von synthetischem Benzin errichten sollte.

„Krankentransport 95 Personen, darunter 15 Mädels“ lautet der Satz, den Ruschkewitz am 24. Oktober 1943 in seinem Tagebuch, einem kleinen Adressbuch, notierte, zusammen mit anderen Sätzen, in denen er von einer Explosion mit zehn Toten und einer Typhusepidemie in einem nahegelegenen Lager berichtete. „Krankentransport“ bedeutete den sicheren Tod, denn jeder in Blechhammer wusste, dass Häftlinge, die nicht mehr als Zwangsarbeiter zu gebrauchen waren, nach Auschwitz geschickt und dort ermordet wurden.

 

Tagebuch erstmals in großen Auszügen veröffentlicht

Das Tagebuch des Ernst Ruschkewitz ist ein bedeutsames historisches Dokument und es wird seit einigen Monaten erstmals in großen Auszügen veröffentlicht. Der Historiker Dr. Roland Flade, Main-Post-Redakteur und Mitarbeiter von „Würzburg erleben“, hat dafür die Facebook-Seite Würzburg vor 70 Jahren“ geschaffen, auf der er, immer genau 70 Jahre nach der Niederschrift, das Tagebuch zugänglich macht, ergänzt durch Augenzeugenberichte von Würzburgern, die in der Domstadt lebten oder an der Ostfront kämpfen mussten, sowie zeitgenössische Zeitungsartikel.

Aufwühlende Lektüre

Flade erhielt das 1944 aus dem Lager geschmuggelte Tagebuch bereits in den achtziger Jahren, als er Recherchen für ein Buch über die jüdische Gemeinde Würzburg anstellte. Besonders aufgewühlt hat schon damals die Tatsache, dass sich der im März 1945 im KZ Buchenwald ermordete Ernst Ruschkewitz in seinem Tagebuch immer wieder direkt an seine Frau Ruth und den kleinen Sohn Jan wandte, nicht wissend, dass beide längst dem Holocaust zum Opfer gefallen waren.

 

Bisher hatte Flade nur kleine Teile des Tagebuchs in verschiedenen Büchern veröffentlicht. Das Internet bietet nun die Möglichkeit zu einer umfangreicheren Publikation, da kein Verleger Einspruch gegen einen zu großen Umfang erheben kann.

Wer war die Familie Ruschkewitz?

Die Familie Ruschkewitz war die bekannteste jüdische Familie in Würzburg. Ihr gehörte das äußerst populäre Warenhaus in der Schönbornstraße. Der älteste Sohn Max starb 1930 an den Spätfolgen einer im Ersten Weltkrieg erlittenen schweren Verwundung. Die Eltern Siegmund und Mina Ruschkewitz kamen 1940 bei einem Auswanderungsversuch um.

 

Hans Ruschkewitz, der Bruder von Ernst und Max, emigrierte 1936 nach Südafrika. Aus seinem Besitz und dem von Bekannten der Familie stammen Dokumente und Fotos, die Flade dem Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken (Valentin-Becker-Straße 11) zur dauernden Aufbewahrung übergeben hat. Auch das Tagebuch kann dort eingesehen werden.

 

Im Sommer 2012 kam die Enkelin von Ernsts Bruder Fritz, der nach Palästina ausgewandert war, nach Würzburg. Mit Yael Ruschkewitz besuchte Roland Flade jene Orte, die noch heute an die Familie erinnern: die Stolpersteine vor dem Kaufhof, wo sich bis zur Übernahme durch Josef Neckermann 1935 das Warenhaus Ruschkewitz befand, und das „Ruschkewitz-Brünnle“ im Ringpark, das Ernsts Vater Siegmund der Stadt 1913 zum Geschenk gemacht hatte.

Yael Ruschkewitz brachte die Neuauflage eines Kalenders mit nach Würzburg, der Bilder ihres Großvaters aus der unmittelbaren Nachkriegszeit enthält. Der Grafiker Fritz Ruschkewitz hatte in Palästina und im wenig später gegründeten Staat Israel Kinderbücher illustriert. Seine Bilder sind farbenfroh und lebensbejahend; nichts lässt erkennen, dass ihr Schöpfer im Krieg seine Eltern und seinen Bruder verloren hatte.

Roland Flades Video über die Familie Ruschkewitz auf YouTube:

httpvh://www.youtube.com/watch?v=lNfmfHuQJM4

Tagebuchauszug 1943

Der Eintrag vom 24. Oktober 1943 in Ernst Ruschkewitz’ Tagebuch (leicht gekürzt):

„Gestern Explosion in der Hauptwerkstätte, zehn Tote, darunter vier Engländer und Overste (Amsterdam), der in meiner Kolonne Gleiwitz war. Overste zur Unkenntlichkeit zerrissen, drei Juden verletzt.

Sperre in Gleiwitz, Typhus.

Holzschuhe neu gemacht, aber zu klein, großer Reinfall. Durch den Abenddienst am Tor komme ich erst um 21 Uhr ins Bett und kann nicht schlafen.

Schießbefehl beim Kartoffelstehlen, je vier Schieber haben Nachtwache an den Mieten. – Krankentransport 95 Personen, darunter 15 Mädels!“

 

Weitere Forschung  über die Geschichte der Würzburger Juden

Roland Flade forscht weiter über die Geschichte der Würzburger und unterfränkischen Juden. Am 9. November wird ein zweiseitiger Artikel über den Novemberpogrom von 1938 in der Main-Post erscheinen. Sein Spektrum hat sich in den letzten Jahren allerdings erweitert. Am 29. Oktober liest Flade um 19 Uhr im „Miravilla Aktiv-Treff“ in der Hackstetterstraße 4 unter anderem ein unveröffentlichtes Kapitel seiner Familiengeschichte, die in Niederschlesien, der Heimat seines Vaters spielt. Auf der Basis von gesicherten Fakten hat er, angereichert mit hinzuerfundenen Details, die Hochzeit seines Urururururururgroßvaters Georg Flade mit einer jungen Frau namens Susanna beschrieben, die sich so oder ähnlich 1674 im kleinen Städtchen Friedland (heute Mieroszow in Polen) abgespielt haben könnte.

„Bevor ich mit den Recherchen über das Leben meiner Vorfahren in Schlesien anfing, hatte ich keine Ahnung, wie es dort gewesen sein könnte“, sagt der Historiker. „Genauso war es mit dem Hubland. Aber das macht die Sache ja gerade spannend.“

Geschichte des Stadtteils Hubland

Außerdem befasst sich Flade seit einiger Zeit mit der Geschichte des neuen Würzburger Stadtteils Hubland. Im nächsten Jahr wird das Stadtarchiv ein Buch mit seinen Forschungsergebnissen, angereichert mit zahlreichen unveröffentlichten Fotos, herausbringen.

Da weite Teile des Hublands von 1945 bis 2008 in amerikanischer Hand waren, spielen die Einrichtungen der Leighton Barracks, vom größten amerikanischen Supermarkt Europas bis zur High School, eine wichtige Rolle in seinen Recherchen. So kam er auch in Kontakt mit ehemaligen Schülern der High School, die in diesem Tagen eine Wiedersehensfeier im texanischen San Antonio veranstalten. An diesem Freitag wird Flade dort die Ergebnisse seiner Hubland-Forschungen vorstellen.

 

 

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