Unvorbereitet in das Inferno – Würzburgs mangelhafter Bombenschutz
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Würzburg erleben
23. November 2013

Symbolbild Würzburg
Am 16. März 1945 starben fast 5000 Würzburger beim nächtlichen Bombardement der Royal Air Force. Vor 70 Jahren, 16 Monate vorher, konnte sich eine solche Katastrophe kaum jemand vorstellen. Nur einmal, am 21. Februar 1942 waren einige Bomben auf die Stadt gefallen, ohne Opfer zu fordern.
Zwar berichtete die Mainfränkische Zeitung, die einzige in der Stadt noch vorhandene Tageszeitung, regelmäßig über Bombenschutz-Maßnahmen und gab Tipps für das richtige Verhalten. Die Tendenz des Nazi-Blatts war allerdings immer dieselbe: Die Behörden tun alles Menschenmögliche zum Schutz der Bürger und jeder kann selbst dazu beitragen, das Schlimmste zu verhindern. Beides war eine dreiste Lüge.
Erkennungsschilder für Kinder
Heute vor 70 Jahren erschien in der Mainfränkischen Zeitung eine Meldung mit der Überschrift „Erkennungsschilder für Kinder“. Kleinkinder, die nach einem Luftangriff von ihren Eltern getrennt wurden oder diese verloren hatten, könnten „manchmal nur schwer namentlich festgestellt werden“, hieß es darin. Es sei daher „zweckmäßig, Kindern bis zu zehn Jahren bei Fliegeralarm ein Erkennungsschild umzuhängen, auf dem Name und Wohnort sowie möglichst auch Anschriften von Verwandten des Kindes angegeben sind.“
Der Artikel ist heute auf Roland Flades Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ nachzulesen, wo täglich die Geschehnisse in der Domstadt im fünften Kriegsjahr geschildert werden.
NSDAP-Ortsgruppe Sanderau: Luftschutzteich
Es machte keinen Sinn mehr, angesichts der verheerenden Auswirkungen von Flächenbombardements auf andere Städte so zu tun, als ob diese keine Todesopfer fordern könnten, auch in Würzburg. Dominierend waren aber Meldungen wie die vom 20. Oktober 1943, als die Anlegung eines Luftschutzteiches durch den Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Sanderau und seine Mitarbeiter bejubelt wurde: „Am Sternplatz waren die Männer am Samstagnachmittag eifrig am Ausgraben. In wenigen Stunden schafften viele Hände beachtliche Erdmassen zu Tage und trugen somit dazu bei, die Arbeiten zur Fertigstellung des Luftschutzteiches zu beschleunigen.“
Appell: Aufenthalt im Luftschutzraum rettet Leben
Am 27. Oktober 1943 hatte die Mainfränkische Zeitung einen weiteren Rat parat gehabt: „Es muss nochmals mit aller Deutlichkeit gesagt werden, dass alle Volksgenossen, die bei Fliegeralarm den Luftschutzraum nicht aufsuchen oder ihrer Aufsicht Unterstellte hierzu nicht anhalten, in unverantwortlicher Weise kostbares Menschenleben gefährden.“ Welche Lehre sollten die Würzburger aus diesem Appell ziehen? Der Aufenthalt im Luftschutzraum rettet Leben. Nur dass am 16. März 1945 in vielen Fällen genau das Gegenteil eintrat.
Grauenhafter Tod prophezeit
Einer wusste es besser. „Wenn Würzburg einmal einen größeren Terrorangriff mitmachen wird, werden ungezählte Tausende in der Altstadt einen grauenhaften Tod finden, dessen Schrecken zu beschreiben die kühnste Phantasie nicht imstande sein wird.“ Der 69-jährige Matthäus Schleypen notierte am 31. August 1944 diese prophetischen Worte. Der pensionierte Telegraphendirektor, der am Oberen Bogenweg wohnte, versuchte verzweifelt, die Würzburger Behörden zum Handeln zu bewegen.
„fast nur leichte Fachwerkhäuser mit alten brüchigen Kellern“
In mehreren Briefen wies er auf die seiner Ansicht nach unzureichenden Luftschutz-Einrichtungen hin. Schleypen, der mit Evakuierten aus zerstörten Städten gesprochen hatte, sah „fürchterliche Verluste“ voraus, da die Altstadt „fast nur leichte Fachwerkhäuser mit alten brüchigen Kellern“ aufweise. Diese morschen Gewölbe könnten Menschen nicht schützen, warnte Schleypen in einem seiner Briefe, die heute im Staatsarchiv aufbewahrt werden. Plastisch malte der 69-Jährige das unvermeidliche Chaos aus, „wenn die Menschen in ihrer Todesnot sich aus den Kellern herausarbeiten, um in ein Flammenmeer zu geraten“.
Massiver Hochbunker aus Beton
Eine durchgreifende Verbesserung war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erreichen. Ein einziger massiver Hochbunker aus Beton stand nahe dem Haus des bei vielen Bürgern verhassten NSDAP-Gauleiter Otto Hellmuth am Letzten Hieb. Er beherbergte die Luftschutz-Befehlsstelle und wurde auch von Hellmuth und seiner Familie genutzt. Eindringlich mahnte Schleypen den Bau weiterer Hochbunker an – vergebens. Für die Würzburger blieben private Keller, öffentliche Luftschutzkeller und unfertige Stollen, die in die Höhen um die Stadt gegraben wurden.
Gewaltige Lösch-Anstrengungen vorbereitet
Dass ein Angriff gewaltige Lösch-Anstrengungen nötig machen würde, wussten die Verantwortlichen immerhin. Zur Verbesserung der Wasserversorgung entstanden Löschwasserbehälter, zum Beispiel ein unterirdischer am Residenzplatz sowie überirdische an Marktplatz, Wagnerplatz, Paradeplatz, Dominikanerplatz, an verschiedenen Stellen im Glacis, am Zeller Tor, vor dem Luitpoldkrankenhaus, vor der Stephanskirche, hinter dem Dom, in der Sedanstraße und der Weißenburgstraße und – wie erwähnt – am Sternplatz.
Oasen im Feuersturm
Ihre Bewährung erlebten diese Behälter am 16. März „zwar nicht im Sinne ihrer eigentlichen Bestimmung zum Löschen von Bränden, sondern als Oasen im Feuersturm, zu denen sich die gejagten Menschen flüchteten, um Haut und Kleidung zu kühlen oder Decken und Mäntel voll Wasser saugen zu lassen und damit den Weg ins Freie zu erkämpfen“, schreibt Max Domarus in seinem Buch „Der Untergang des alten Würzburg“.
Kriegswichtige Stätten in Würzburg
Die Würzburger klammerten sich bis ins Jahr 1945 hinein an den Glauben, ihre Stadt werde verschont, weil so viele Lazarette sich in ihren Mauern befanden, was zutraf, weil Winston Churchill in Würzburg studiert habe, was nicht stimmte, und weil es hier keine nennenswerte Industrie gebe. Tatsächlich aber war mit der Errichtung eines Zweigwerkes der Schweinfurter Star Kugelhalter GmbH im Opel-Betrieb in der Eichendorffstraße eine kriegswichtige Produktionsstätte entstanden, was unter den Bürgern beträchtliche Unruhe auslöste. Im Rahmen des „totalen Kriegs“ mussten Würzburger Firmen ihre Kapazitäten zur Verfügung stellen. Bei der Stahlbaufirma Noell entstanden Teile von U-Booten; die Werkstatt der Schnellpressen-Fabrik Koenig & Bauer reparierte nach jedem Angriff auf Schweinfurt die dort beschädigten Kugellagermaschinen und produzierte Granaten. Städtische Betriebe, die Stadtwerke, der Schlachthof und der Holzhof, wurden zu Rüstungszwecken freigegeben, hauptsächlich zum Abfüllen von Munition.
Für Fluchtwege Durchbrüche geschaffen
Um Fluchtwege aus der eng bebauten Innenstadt zum Main zu schaffen, wurden zum Main hin mehrere Durchbrüche geschaffen. Neben dem Holztor in der Kärrnergasse verschwand beispielsweise eine Stallung und neben dem Hotel Schwan (heute Wöhrl) in der Büttnergasse ein kleines Haus. Diese Mauerdurchbrüche erwiesen sich ebenso wie jene zwischen den Kellern von Privathäusern in der Innenstadt in der Nacht des 16. März 1945 für viele als rettender Fluchtweg.
Luftschutzkeller und Stollen im Felsen
Weil die Stadt aber nicht als besonders luftgefährdet galt, bestanden die behördlichen Vorkehrungen aller vor allem im Bau und Ausbau von Luftschutzkellern in Privathäusern und Amtsgebäuden. Unter dem Marktplatz und dem Sternplatz, bei der Tellsteige, unter dem Kriegerdenkmal im Husarenwäldchen, unterhalb der Hofgartenmauer am Rennweg und an der Jahnhöhe in Heidingsfeld befanden sich öffentliche Schutzräume, ebenso wie am Letzten Hieb neben Helmuths Betonbunker. In einige Felsen wurden Stollen gebohrt. Am 16. März 1945 waren sie nicht fertig, weil für die Arbeiten Bohrmaschinen und Fachkräfte fehlten, aber teilweise benutzbar: in der Füchsleinstraße, in der Mergentheimer Straße bei der Löwenbrücke und an der Veitshöchheimer Straße.
Im 2005 erschienen Band 57 des „Mainfränkischen Jahrbuchs“ schrieb Herbert Schott:
„Der Bunkerbau ließ sehr zu wünschen übrig. Die Bevölkerung schimpfte, weil nur der Bunker des Gauleiters besonders ausgebaut wurde. OB Memmel schob die Schuld für den unzureichenden Bunkerbau auf den Polizeipräsidenten als örtlichen Luftschutzleiter, der ‚unter Androhung von Zuchthaus’ der Stadt Würzburg verboten hatte, Baustoffe wie Eisen oder Zement für den Bunkerbau zu verwenden, da Würzburg als nicht besonders luftschutzgefährdet eingestuft worden sei.“ Schotts eindeutiges Fazit: „Würzburg war auf die Katastrophe des 16. März 1945 nicht vorbereitet.“
Matthäus Schleypen sah dem von ihm befürchteten Inferno für sich persönlich gefasst entgegen. „Ich wohne nicht in der Altstadt“, schrieb er am 15. Oktober 1944, „und ich beabsichtige auch nicht, im Keller meines Hauses zu ersticken oder zu verbrennen.“ So weit kam es nicht. Der Pensionär starb am 12. März 1945; die Beerdigung fand am 15. März statt.
Seine Frau und seine Tochter befolgten am nächsten Tag genau jenen Rat, den Schleypen ihnen immer wieder gegeben hatte. Sie verließen das Haus am Oberen Bogenweg 21 und verbargen sich in der Nähe des Gutes Keesburg. Als sie noch in der Nacht zurückkehrten, fanden sie das Gebäude nur leicht beschädigt. Entsetzt blickten sie hinab in das flammende Inferno im Talkessel, wo sich die Prophezeiung des Matthäus Schleypen erfüllte.

