Stellungnahme der Uni Würzburg zur Pentagon-Forschung

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Würzburg erleben

25. November 2013

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

In Bezug auf den Artikel „Uni forscht für US-Militär – Millionen für Grundlagenforschung“ hat Würzburg erleben der Universität einige Fragen gestellt und eine ausführliche Antwort erhalten.

Fragen an die Universität

Folgende Fragen wurden gestellt:

  • Um welche konkrete Projekte handelt es sich?
  • Welche Vereinbarungen bestehen bezüglich einer Veröffentlichung/ Lizensierung der Ergebnisse?
  • Für welche Zwecke werden die Ergebnisse genutzt? Zivil oder militärisch?
  • Haben die Forschunsgeinrichtungen der Uni ein ethisches Leitbild? Wenn ja, wie ist es formuliert?

Antwort der Uni Würzburg

Vielen Dank für Ihre Anfrage zu Drittmittelvorhaben an der Universität Würzburg, die mit Mitteln der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) und des US Department of the Navy finanziert wurden. Trotz des Ursprungs der Mittel im US-Verteidigungsministerium handelt es sich hierbei an keiner Stelle um militärische Forschung.
Die DARPA bzw. US Navy Finanzierung umfasst sowohl Themen der nicht militärischen Grundlagenforschung (unclassified research) wie auch militärische Forschung (classified research). Arbeitsgruppen der Universität Würzburg waren und sind ausschließlich an Verbundprojekten des nichtmilitärischen Grundlagenbereichs beteiligt.
Die Finanzierung der Grundlagenforschung in den USA erfolgt über verschiedene Ministerien (z.B. Gesundheitsministerium, Verteidigungsministerium, Energieministerium, Wirtschaftsministerium) und Organisationen (z.B. National Institute of Health, National Science Foundation NSF, DARPA).
Im Vergleich zu Deutschland fehlt eine dem Bundesministerium für Bildung und Forschung entsprechende Einrichtung zur generellen Bundesforschungsförderung. Die Anteile der verschiedenen öffentlichen Mittelgeber für Grundlagenforschung können beispielsweise der Homepage der National Science Foundation (NSF) unter http://www.nsf.gov/statistics/seind12/c5/c5s1.htm#s3 („Science and Engineering Indicators 2012 / Expenditures and Funding for Academic R&D“) entnommen werden.

Widerspruch zu militärischer Geheimhaltung

Im Grundlagenbereich der DARPA werden beispielsweise Programme für Forschungsanträge zu Themen wie Spintronic, Quantum Entanglement Science and Technology (QuEST) usw. öffentlich ausgeschrieben. Auf diese Ausschreibungen hin bewerben sich vorrangig Gruppen aus amerikanischen Universitäten und Forschungsinstituten – häufig in der Form von Verbundanträgen mehrerer Partner, um alle Aufgaben der Ausschreibung abdecken zu können. An diesen Verbünden können auch Gruppen aus dem Ausland teilnehmen, in einzelnen Fällen werden Verbünde auch von Nicht-US-Gruppen koordiniert. Die Forschungsziele im Grundlagenbereich sind generell sehr ambitioniert und betreffen in den uns bekannten Ausschreibungen die Überprüfung von theoretischen Vorhersagen, zum Beispiel zur Nutzung des sogenannten Spins der Elektronen zur Informationsübertragung und -verarbeitung (Spintronic). Die Experimente finden unter typischen Bedingungen der Grundlagenforschung (z.B. bei Temperaturen von -260 °C) in Labors statt. Eine Umsetzung in Anwendungen ist im Allgemeinen nicht absehbar.

Der Grundlagencharakter der Arbeiten im nichtmilitärischen Bereich der DARPA-Förderung wird auch durch die Regeln zu Publikationen und zu Patenten klar unterstrichen, die völlig im Widerspruch zu militärischer Geheimhaltung stehen: Die Vertragstexte und die Vertragspraxis zeigen klar, dass die Forschungsresultate einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aus den sechs Würzburger Projekten mit US Förderung sind 90 Veröffentlichungen in weit verbreiteten internationalen Fachzeitschriften wie Nature, Science, Physical Review Letters, Physical Review etc. entstanden. Die Ergebnisse wurden darüber hinaus in mehr als 100 Vorträgen und Postern auf deutschen und internationalen Tagungen und Workshops der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt. Wir fügen die Publikationslisten in Zusammenhang mit den Projekten und einige Beispiele der Arbeiten bei. Wir sind gerne bereit, Ihnen zu den Inhalten der Publikationen und zu den Zielen der Projekte detailliert Auskunft zu geben und stellen Ihnen auf Wunsch gerne weitere Arbeiten zur Verfügung.

Multinationale Teams

Das Fehlen eines militärischen Bezugs bei den von Gruppen der Universität Würzburg durchgeführten Arbeiten wird auch durch die gemeinsame Autorenschaft von Angehörigen verschiedener Staaten bei der Mehrzahl der Veröffentlichungen sichtbar. Wie aus den Institutszugehörigkeiten der Autoren ersichtlich wird, sind die Ergebnisse häufig durch multinationale Teams, an denen über deutsche und amerikanische Wissenschaftler hinaus Forscher aus Russland, Polen, Japan, Kanada usw. mitgewirkt haben, erarbeitet worden.
Die Regelungen zu Patenten bzw. geistigem Eigentum in den Projekten sehen vor, dass dies von der jeweiligen Gruppe, die die Erfindung macht, geschützt werden kann, ohne dass eine Verpflichtung für eine Nutzung/Lizensierung damit verbunden wäre.
Die Grundlagenorientierung eines Teils der DARPA Förderung wird auch durch DARPA finanzierte Arbeiten verschiedener Nobelpreisträger deutlich.

Zusammenarbeit zu rein akademischen Themen

Vertragspartner bei den die Universität Würzburg betreffenden DARPA Drittmittelprojekten sind Gruppen an amerikanischen und europäischen Universitäten sowie das Naval Research Laboratory (NRL). Das NRL hat eine weite Forschungsbereiche umfassende Grundlagenabteilung, mit der – ohne finanzielle Förderung – seit mehr als 30 Jahren eine Zusammenarbeit deutscher Forschungsgruppen zu rein akademischen Themen besteht. Der kooperierende Wissenschaftler am NRL hat über die Jahrzehnte verschiedene Theorien zu Halbleiter(nano)strukturen entworfen, von denen einige durch unsere Experimente überprüft werden konnten. Diese Effekte (u.a. Eigenschaften der Kondensation von Elektron-Loch-Tröpfchen bei tiefen Temperaturen, vorausgehende Theorie eines Wissenschaftlers der damaligen Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, jetzt: Russische Akademie der Wissenschaften) sind wichtig für das Verständnis der Eigenschaften der Halbleitermaterialien, aber sie haben keinen Bezug zu Anwendungen.
Im Rahmen des DARPA Projekts mit dem NRL hat eine Gruppe der Universität Würzburg Untersuchungen zu Hinweisen auf eine Kopplung zwischen Halbleiterquantenpunkten untersucht. Hauptziel war der Nachweis der Kopplung eines einzelnen Photons mit einem einzelnen Quantenpunkt, der im Rahmen des Vorhabens erstmals überhaupt gelang. Die Ergebnisse wurden wie auch bei den anderen mit DARPA-Mitteln finanzierten Vorhaben komplett publiziert (z.B. in Nature, Physical Review), siehe entsprechende Publikationsliste.

Finanzierung gemeinsamer Projekte

Eine internationale Finanzierung von Forschungsarbeiten im Bereich der Grundlagenforschung ist in den letzten Jahrzehnten nicht nur in der EU üblich. Im Rahmen von EU-Programmen können Verbünde Partner aus Amerika oder Asien aufnehmen. Mit Japan und anderen Ländern bestehen ebenfalls Regeln zur Finanzierung gemeinsamer Projekte.
Internationale Kooperationen sind ein wichtiges Element für Forschungsarbeiten im Grundlagenbereich. Wichtige Themen werden von Gruppen weltweit untersucht und erfordern häufig eine hohe Expertise auf verschiedenen Gebieten – von der Technologie, über Experimente bis zur Theorie. Eine entsprechende Expertise zu allen Bereichen ist nur in den seltensten Fällen an einem Ort/in einem Land vorhanden. Deshalb sind Verbünde, wie sie im Grundlagenbereich der DARPA angeregt werden, für den wissenschaftlichen Fortschritt im nicht militärischen Bereich von zentraler Bedeutung. Verbundstruktur wie auch die Publikationstätigkeit und Patentsituation sind völlig unverträglich mit den Geheimhaltungsregeln militärisch motivierter Forschung.

Ihre abschließende Frage, ob Kooperationen mit politisch-militärischen bzw. wirtschaftlichmilitärischen Einrichtungen zum Alltag der Universität Würzburg gehören, können wir klar verneinen.

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