Ein Literaturabend mit Denis Scheck

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Würzburg erleben

19. Dezember 2013

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Würzburg – Am 12. Dezember gastierte Denis Scheck im Philosophiegebäude am Hubland. Als Fernsehkritiker durch die ARD-Sendung „Druckfrisch“ bekannt, folgte der zum Zeitpunkt noch 48-jährige einer Einladung der Fachschaft der Philosophischen Fakultät I, deren Sprecher Stephan Hemmerich die Veranstaltung umrahmte.

„Wo fängt man mit einer Eingrenzung für die literarischen Höhepunkte eines Jahres an, wenn die Gesamtzahl der Neuerscheinungen im Jahr 2013 zwischen 80.000 und 90.000 Stück liegen?“, beginnt Scheck seinen kurzweiligen Vortrag. Es gibt eine Vielzahl von Büchern, die eigentlich keine Erwähnung verdient hätten, derer sich Scheck jedoch trotzdem humorgeladen annimmt. Als Beispiel genügen ihm die zahllosen Bücher mit vergleichbaren Titeln wie „Zu Gast bei Prominentenhunden“, in denen es um „die Tölen Prominenter geht“, die selbst den Roman über Christian „Wu(l)ff“ in den Schatten zu stellen vermögen. An Formulierungen wie „die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun“ erkennt Scheck eindeutig die Handschrift des Autors, ohne Zweifel Oliver Kahn. Über alle Zweifel erhaben ist er ein deutscher Bestsellerautor per Definition.

Von Best- und Longsellern oder was unter den Baum darf

Scheck entscheidet sich für die Variante der meisten Verkäufe pro Buch. Und so startet die Reihe der Bestseller des Jahres mit „Der Alchimist“ von Paulo Coelho, dem der Kritiker eine typisch provinziell anmutende Natur unterstellt. Die Handlung verortet er per Wunschgedanken ins bayrische Voralpenland und zitiert dort vorkommende stimmungserhellende Holztäfelchen mit Inschriften tiefer Sinnhaftigkeit à la „Wenn‘s Arscherl brummt, ist‘s Herzerl g‘sund.“ Sehr viel mehr Gehalt traut er dem „Fänger im Roggen“ von Jerome David Salinger zu, der in diesem Jahr in einer Übersetzung von Eike Schönfeld erschienen ist. Ursprünglich 1951 auf den Buchmarkt gebracht, zählt dieser Roman mit über eineinhalb Millionen verkauften Exemplaren auch zu den sogenannten Longsellern.

Sakrileg

Auf Platz acht verortet der deutsche Leser das „Sakrileg“ des Dan Brown, das zwar wahrheitsgehaltstechnisch von Scheck als reiner Schund abgestempelt wird, sich aber immer noch grandios liest, weil man durch den Plot, also die angeblich immer noch existierende Blutlinie Jesu (Sangreal) in der Gegenwart, von Anfang an mitgerissen wird. Der im Original englischsprachige Roman „She“ von Henry Rider Haggard behandelt das Verhältnis zwischen weißem Mann und schwarzer Frau im Zeitalter des Kolonialismus. Überraschend findet Scheck die Platzierung des zweiten Teils von Narnja, der von Clive Staples Lewis verfasst wurde. Warum weder der erste, noch der letzte Band einer Reihe, sondern gerade der mittlere so oft verkauft wurde, bleibt auch nach der Buchvorstellung ein unbeantwortetes Rätsel.

Und dann gab’s keines mehr

Mit dem fünften Platz in der Bestsellerliste begann das Kapitel des Abends, das einen negativen Beigeschmack mit sich brachte, weil es die oftmals aufkommende Frage nach Rassismen in der Literatur erneut hervorbrachte und letztlich zu Spannungen im Auditorium führte. Die Rede ist von Agatha Christies Longseller „Und dann gab’s keines mehr“. Vielen Deutschen, ebenso Denis Scheck, war dieser Name zunächst ein Mysterium, man kannte ihn schlicht nicht. Im Englischen wurde der Roman 1939 auf den Markt gebracht und trug den leicht verfänglichen Namen „Ten Little Niggers“. Wegen eben dieses Titels verkaufte sich das Buch auf dem amerikanischen Markt jedoch so schlecht, dass man bereits 1941 über eine Umbenennung nachdachte und dies dann zugunsten von „And Then There Were None“ auch tat. Thema gegessen. Zumindest für die Briten. In Deutschland änderte sich der Name aus diversen Gründen erst im Jahr 2011 und stößt deshalb oft auf Unkenntnis oder vielmehr Unverständnis. Trotz alledem ein zeitloser Bestseller und der am meisten verkaufte Krimi der Welt.

Der Traum der roten Kammer

Auf Platz vier verortete der deutsche Buchmarkt das Buch „Der Traum der roten Kammer“ von Cao Xueqin, einer Art chinesische Buddenbrooks, wenn man der Einschätzung Schecks glauben darf. Er empfiehlt das Buch zwar nicht nur den anwesenden Sinologen, allerdings handelt es sich bei der momentan auf dem Markt erhältlichen Version um eine auf 15% herabgespeckte Version, die der Verlag (Suhrkamp) eigenständig erwogen haben soll. Ganz klar ein zeitloser Klassiker ist der „Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery, neu erschienen in einer Übersetzung von Elisabeth Edel.

Nach einem Exkurs über die Faschismusvorwürfe gegenüber J. R. R. Tolkien, die Scheck mit einem eloquent vorgetragenen Antwortschreiben Tolkiens an die Reichskanzlei für aberwitzig abklärt, folgt die Vorstellung des zweiten Platzes, wobei es sich um zwei Werke handelt, beide von eben diesem Bestsellerautor. Lange an der Listenspitze wurde „Der Herr der Ringe“ nun vom „Kleinen Hobbit“ abgelöst.

Für alle, die die Mittelerde-Saga noch nicht kennen, eine absolute Weihnachtsempfehlung. Warum ausgerechnet der Roman „The Tale Of Two Cities“ von Charles Dickens auf Platz eins gelandet ist, kann sich Denis Scheck selbst beantworten. Das britische Bildungssystem empfiehlt dieses Buch seit jeher zur Lektüre im Schulunterricht, weshalb es noch heute jährlich klassenweise über die Tresen britischer Kaufhäuser wandert.

Wenn Sie einen guten Porno lesen wollen, lesen Sie „Haus der Löcher“

Zuletzt amüsiert Denis Scheck sein Publikum mit Auszügen aus dem Roman „50 Shades of Grey“ von Erica Leonard James. Mit ungewohnt rauchiger Stimme interpretiert er eine der berühmt-berüchtigten Sexszenen des Romans und dichtet dem Werk auf diese Weise mehr Erotik an als es in Wahrheit preiszugeben vermag. Für jaulendes Gelächter und tosenden Beifall hat es allemal ausgereicht. Nicht zuletzt empfiehlt Scheck seinen Gästen ein Werk ganz besonders als Geschenk für das Weihnachtsfest. Mit den Worten „der wichtigste Autor des 19. Jahrhunderts war Karl Marx, der wichtigste Autor des 20. Jahrhunderts war Karl Barx“ öffnet er die Pforte nach Entenhausen, zu den Donaldisten und dem Klassiker „Entenhausen – Die ganze Wahrheit.“ Nicht nur an Weihnachten eine Lesestunde wert.

Denis Scheck liest aus 50 Shades of Grey

 

(Riccardo Altieri)

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