Sich nicht selbst zum Opfer machen
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Würzburg erleben
19. Februar 2014

Symbolbild Würzburg
Ellbogenspitzen pieksen in die Rippen, Schultern werden ins Kinn gerammt. Wann habt Ihr zum letzten Mal versucht, durch eine Menschenmenge durchzugehen, ohne angerempelt zu werden? Schultern hoch, Kopf einziehen und bloß niemanden ansehen. Augen zu und durch. Wenn ja: Dann seid Ihr die perfekten Opfer.
Wie sich das Menschenmeer (fast) von selbst vor Euch teilt und Ihr Euch einige blaue Flecken spart, könnt Ihr in einem Selbstbehauptungskurs lernen, oder Euch auch einfach ein paar einfache Dinge angewöhnen. Damit kann man im Ernstfall auch Schlimmeres verhindern.
„In Würzburg ist es schon sehr sicher“
In Würzburg ist es ja nicht gerade gefährlich. Man kann nachts durch den Ringpark gehen, ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden. Das bestätigt auch die Polizei Unterfranken: Im Jahr 2012 waren in ganz Unterfranken von 57.269 Straftaten 1.707 Gewaltdelikte. Das sind 3,1 Prozent aller Straftaten: Dazu gehören Schlägereien, gefährliche und schwere Körperverletzungen. Die machen den Großteil aus. Es gab lediglich 209 Raube und 15 Tötungsdelikte. Bezogen auf einen Landkreis, in dem 1,34 Millionen Menschen leben.
„In Würzburg ist es schon sehr sicher, was solche Gewaltdelikte angeht. Aber wenn es doch zu einem Raub oder einem Überfall kommt, ist das ein Fall zu viel“, sagt Kriminalhauptkommissarin Kathrin Reinhardt, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Unterfranken in Würzburg.
Prävention durch Selbstbehauptungskurse
Zwar bietet die Polizei einiges zur Prävention – Vorbeugung – an, Selbstbehauptungskurse gehören nicht dazu. Stattdessen verweist sie auf die Angebote der Volkshochschulen und Sportvereine. Denn bestimmte Techniken zur körperlichen Verteidigung werden am besten über längeren Zeitraum eingeübt und trainiert, so die Auskunft der Polizei Unterfranken.
Am wichtigsten ist es aber, sich selbst nicht zum Opfer zu machen. Man macht sich selbst zum Opfer? Ja! Es gibt Situationen, in denen man sich unbewusst in diese Rolle drängen läßt. Wer den Kopf einzieht, die Schultern hoch schiebt, lieber verzweifelt in sein Smartphone hackt, drückt aus: „Ich hab Angst. Ich seh‘ Dich nicht. Also siehst Du mich auch nicht.“
Täter suchen sich Opfer, bestätigt auch die Polizei Unterfranken. Das beste ist also: nicht zum Opfer werden. Aufrecht gehen, Brust raus, Bauch rein und die Schultern zurück. Den Kopf geradeaus und Blickkontakt mit den Menschen suchen, die uns entgegen kommen. Das wirkt schon in der Menschenmenge, durch die man dann viel geschmeidiger durchkommt.
„Hauen Sie Ab!“
Einem Täter signalisiert eine solche Haltung: „Ich bin da. Ich sehe Dich und ich wehre mich.“ Das funktioniert auch, wenn man hinter sich Schritte hört und sich verfolgt fühlt: Umdrehen, schauen, wer das ist und denjenigen ansprechen. Möglichst laut, und die Öffentlichkeit mit einbeziehen. Dazu gehört auch, denjenigen zu Siezen. Das stellt für die Außenstehende die Distanz klar. Genau das wollen Täter nicht, sich ertappt fühlen. Die meisten Täter lassen schon da von ihrem Vorhaben ab.
Klar, gegen geplante Gewaltanwendung hilft auch Selbstbewusstsein nichts. Oft ist es ja die physische Überlegenheit des Täters oder einer Gruppe, die den Ausschlag gib. Zum Opfer wird man durch den Täter! Eindeutig. Aber hier geht es um die psychische Situation, der Selbstwahrnehmung, um die niederschwelligen „Gewalt-„Momente.
Die meisten Täter suchen leichte Beute – man kennt das ja von vielen Tierdokumentationen. Sollte es dennoch zu einem körperlichen Übergriff kommen, ist es wichtig, sich auch zu wehren. Zur Furie werden. Chancen nutzen. Denn die gibt es immer. Wer sich wehrt, kann verlieren. Wer sich nicht wehrt, hat schon verloren, hieß bei meinem letzten Selbstbehauptungskurs.
Ein Gastbeitrag von Lydia Dartsch, Volontärin bei der Internet-Lokalzeitung rheinneckarblog.de und im Februar auf Austausch bei der Main-Post. Die nächsten zwei Tag hospitiert sie bei Würzburg erleben. Einen weiter führenden Bericht über den Selbstbehauptungskurs des Polizeipräsidiums Mannheim gibt es HIER.

