„Wenn die Bilder schon verblassen“ – ein Vortrag des KZ-Überlebenden Salle Fischermann

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Würzburg erleben

23. Februar 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

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Nachdem der Vortrag im Jahr 2013 über 500 Zuhörer anzog, sodass er wegen Überfüllung des Hörsaals wiederholt werden musste, lud die Fachschaftsvertretung der Philosophischen Fakultät I den Holocaust-Überlebenden Salle Fischermann 2014 erneut ein, damit er über seine Erlebnisse im KZ Theresienstadt berichtet.

Resümee der Zuhörer.

Auch wenn die nachfolgenden Zeilen von einer Studentin stammen, die den Vortrag 2013 besuchte, war das Auditorium 2014 von Salle Fischermann und seiner Lebensgeschichte nicht minder tief bewegt und beeindruckt.

„Worte können nicht beschreiben, was Salle Fischermanns Geschichte, vielmehr seine Lebensgeschichte, in mir ausgelöst hat. Dabei bin ich nur Zuhörer und stiller Teilhaber an seinem Leid, das er erfahren musste. Und doch schafft ER es, all das in Worte zu fassen und alle damit zu berühren, zu treffen und diese Gefühle nicht nur in ihr Herz, sondern auch in ihre Gedanken zu lassen. Dass nicht nur er, sondern auch wir immer daran denken und nicht vergessen, wozu Menschen fähig sind. Damit so etwas nie wieder passiert.“

Doch bevor der Vortrag anlässlich des Holocaustgedenktages, der jedes Jahr an die Befreiunng des Konzentrationslagers Auschwitz am 27.1.1945 erinnert, begann,  gab Prof.  Dr. Rainer Schmidt eine geschichtswissenschaftliche Einführung zur Deportation dänischer Juden und dem Lager Theresienstadt. Anschließend berichtete Salle Fischermann über sein Leben.

Salle Fischermanns Lebensgeschichte.

Am 2. 10. 1943, Fischermann war gerade 14 Jahre alt, wurde er gemeinsam mit seiner Mutter und drei der sechs Geschwister von Wehrmachtssoldaten aus ihrer kopenhagener Wohnung abgeholt und mit Lastwagen, per Schiff und mit der Eisenbahn nach Theresienstadt gebracht. Sein Vater und einer der Brüder retteten sich heimlich mit einem Bettlacken aus dem Fenster. Ein weiterer Bruder und eine Schwester befanden sich nicht in der Wohnung, da sie auf der Arbeit waren. Sie versuchten später mit einem Boot zu fliehen, dies kenterte aber und nur die Schwester überlebte.

Theresienstadt, das als Durchgangslager galt, war eine normale Stadt mit eigenem Bürgermeister.  Die SS war nur daran interessiert, dass es dort ruhig zuging. Zu essen gab es Kartoffelschalensuppe und ein kleines Stück Brot für drei Tage. Fischermann musste als junger Mann diverse Tätigkeiten übernehmen. So beispielsweise Malerarbeiten in einer Pilotenschule oder Arbeiten in einer Wäscherei, wo ihm auch etwas Menschlichkeit begegnete.

„Einer der dort stationierten Offiziere hat mir erzählt, dass er in Berlin bei einem Bombenangriff seine Familie, seine Frau und sein Kind verloren hat. Er hat mir zwei Stückchen Kuchen geschenkt. Er war einer der wenigen, die ein Herz hatten.“

Eines nachts musste Fischermann in einem Transportzug den Ofen des Begleitpersonals anzünden. Im dunklen Wagen schlief ein Soldat und als Fischermann ihn versehentlich weckte, trat dieser ihm so fest mit dem Stiefel auf die Hand, dass einer seiner Finger zerquetscht wurde. Fischermann streckt dem Publikum seine Hand entgegen, an welcher der Mittelfinger zur Hälfte fehlt und wirft amüsiert die Frage in die Runde, ob der Soldat sich wohl bewusst genau diesen Finger ausgesucht hat.

Propaganda: Der Führer schenkt den Juden eine Stadt.

Im August und September 1944 wurde ein Propagandafilm in Theresienstadt gedreht, um die angeblich guten Lebensverhältnisse im Lager darzustellen und die Vernichtungspolitik  des NS- Regimes zu verschleiern. Die Filmleute waren tschechische Nicht-Juden, die nicht mit den Inhaftierten sprechen durften. Extra für diesen Film wurde ein Teil des Lagers komplett neu hergerichtet. Es wurden Geschäfte und Parks errichtet und viele Inhaftierte wurden gezwungen, ein normales und schönes Leben vorzuspielen. Wenn sie sich weigerten, wurde ihnen mit dem Transport nach Auschwitz gedroht. Auch Fischermann musste in einer Szene mitspielen, allerdings wurde diese in der endgültigen Fassung des Films nicht verwendet.

Rettung aus Theresienstadt.

1945 kam es schließlich zu einer großen Rettungsaktion durch schwedische Freiwillige, die mit weißen Bussen dänische Lagerinsassen in Theresienstadt abholten und sie über einige Umwegen nach Schweden brachten. Dort wurden sie medizinisch untersucht, bekamen ausreichend zu essen und Geld. Fischermanns Schwester und seine Mutter wurden in einem Sanatorium untergebracht, eine weitere Schwester starb kurze Zeit später an einer Krankheit, die sie sich im KZ eingefangen hatte. Dort traf  die Familie auch Fischermanns große Schwester wieder, welche das Schiffsunglück überlebt hatte und so war die Familie zumindest teilweise wieder vereint. Fischermann und seine Brüder wurden nach dem Krieg Ingenieure, die Schwester Krankenschwester. Seine Mutter verstarb mit 87 Jahren. „Wir haben ein gutes Leben führen können.“

 

Ein glückliches Leben ohne Hass.

Als Fischermann begann von seiner, wie er betont, sehr jungen Frau, einer Illustratorin und Kinderbuchautorin und von seinen wohlgeratenen Söhnen zu sprechen, erhellt sich sein Gesicht und man merkte deutlich, dass er zufrieden ist mit seinem Leben.

Nach diesem Vortrag erhielten die Anwesenden die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Nach kurzem Zögern meldeten sich einige zu Wort. Hierbei wurde Fischermann beispielsweise gefragt, wann und wie er Deutsch gelernt hat. Er hat schon in der Schule mit Deutsch begonnen und vor allem in Theresienstadt viel gelernt. Allerdings entpuppt sich Fischermann als wahres Sprachentalent: er spricht 6 Sprachen fließend. Auf die Frage, wann er zum ersten mal wieder nach Deutschlang gekommen ist, antwortet er, dass er 1946 durchgefahren sei und weiter, dass er auf einer Gala einmal gefragt wurde, ob der Holocaust wirklich so schlimm gewesen wäre. Dies war der Anstoß für seine Vorträge, die er nun in vielen Ländern hält, um zu zeigen, wie es wirklich war.

Weiterhin wurde Fischermann gefragt, wie es ihm gelungen ist, die Wut nach dem Krieg zu überwinden. Er gesteht, dass die Trauer über den Verlust viele Jahre angehalten hat. Aber er hat realisiert, dass man nur ein Leben hat und man das Beste daraus machen sollte.

Haben Sie den Deutschen verziehen?

Auf die Frage, die wohl alle beschäftigt „Haben sie Deutschland verziehen?“, fragt er zurück:

„Was bekommt man schon vom Hass? Es ist möglich, dass Macht eskaliert und manche Menschen den Teufel herausholen, den sie unter ihrer Haut tragen.“

Er hat gelernt, andere so zu behandeln, wie er selbst behandelt werden möchte. Und so kann er es auch nur jedem raten. Auch Theresienstadt hat er noch einmal besucht. Er hat dort eine Zeit lang als Guide ausgeholfen und  auch seiner Familie das Gelände gezeigt, damit auch sie sich ein Bild von seinem Schicksal machen konnte. Nach der Fragerunde entließ Fischermann die Anwesenden mit herzlichem Dank. Sichtlich bewegt verließen die Zuhörer den Hörsaal.

 

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