Februar 1944: Ein kanadischer Bomber stürzt in Grombühl ab

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Würzburg erleben

24. Februar 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

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Josefschule / RückertschuleEs war eiskalt, als am Abend des 24. Februar 1944 auf die Josefschule in Grombühl, die im Dritten Reich in Rückertschule umbenannt worden war, ein kanadischen Lancaster-Bomber stürzte. Wahrscheinlich war er abgeschossen worden. Alle zehn Besatzungsmitglieder starben. Zwei Grombühler Buben, der fünfzehnjährige Albrecht Stock und der achtjährige Georg Götz, schilderten später ihre Erinnerungen an die Nacht und den nächsten Mittag, als die Leichen der Kanadier geborgen wurden.

„Militär war im Einsatz und pickelte aus dem zu Eis erstarrten Löschwasser die Leichen der kanadischen Besatzung“, erinnerte sich Georg Götz. „Andere Soldaten traten die Überreste mit den Stiefeln in die Särge.“

Augenzeugenberichte von Albrecht Stock und Georg Götz

Die Augenzeugenberichte von Albrecht Stock und Georg Götz veröffentlicht „Würzburg erleben“-Mitarbeiter Roland Flade an diesem Montag auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“, auf der regelmäßig die Geschehnisse in der Domstadt vor sieben Jahrzehnten nachzulesen sind.

Albrecht Stocks Familie lebte in einem Haus am Josefplatz 4, das zwischen der Josefkirche und dem Pfarrhaus stand. Albrecht war Ministrant in der Kirche gewesen, manchmal in der Kapelle des Luitpoldkrankenhauses und in der Psychiatrischen Klinik in der Füchsleinstraße. Der Vater Albin arbeitete in Heidingsfeld in einer Mehlmühle, in der auch Mehl für die Wehrmacht produziert wurde. Wegen dieser Arbeit war er vom Militärdienst freigestellt. Das ehemalige SPD-Mitglied stand wegen regimefeindlicher Sympathien unter Beobachtung.

1943 begann Albrecht Stock eine Lehre bei der Volksbank am Oberen Markt; die Filiale befand sich rechts vom Eingang im Erdgeschoss des Falkenhauses. Er wäre gern aufs Gymnasium gegangen, aber dafür reichte das Geld nicht.

60 Stunden Arbeitswoche

„Ich arbeitete meistens 60 Stunden pro Woche und erledigte die Aufgaben, für die unter normalen Umständen zwei Menschen zuständig gewesen wären“, schrieb Albrecht Stock, der 1950 in die USA auswanderte, später in einem Bericht für seine Kinder. „Jeden Morgen ging ich fast eine halbe Stunde zur Arbeit, da ich mir keine Straßenbahnkarte leisten konnte. Wenn ich abends fertig war – manchmal erst um 20 Uhr oder später –, lief ich wieder zu Fuß nach Hause.“

Die Geschehnisse des 24. Februar 1944 haben sich besonders in sein Gedächtnis eingebrannt: „In der Nacht ereignete sich etwas für uns Bedeutsames. Das Pfarrhaus verfügte über einen besonders sicheren Luftschutzkeller mit stabilen Fensterblenden, einer soliden Tür und dicken, aus großen Steinen gemauerten Gewölbegängen. Dort hatte unsere Familie ein Abteil, in dem wir Kohlen und Briketts lagerten, außerdem das Obst, das meine Mutter eingemacht hatte – und das ‚Weihwasser’ meines Vaters, sieben Liter Schnaps.“

Bomber stürzte auf das Schuldach

„Eines Nachts, als wir in diesem Keller saßen, ging mein Vater hinauf, um eine Zigarette zu rauchen und zu sehen, was oben los war. Ganz in der Nähe des Pfarrhauses stand die Rückertschule, die in ein Lazarett verwandelt worden war und viele Verwundete beherbergte. In der Luft ertönte der Klang zurückkehrender Bomber, als plötzlich einer dieser Bomber direkt auf das Schuldach stürzte. Er war offenbar von der Flak oder einem deutschen Kampfflugzeug abgeschossen worden.“

„Es stellte sich heraus, dass es sich um einen kanadischen Lancaster-Bomber mit zehn Mann Besatzung handelte, die alle starben. Dagegen überlebten alle Verwundeten im Keller. Sichtlich erschüttert von dem, was er gesehen hatte, kehrte mein Vater in den Keller zurück.“

Der achtjährige Georg Götz lebte mit seiner verwitweten Mutter in der Petrinistraße. Auch er erinnerte sich noch Jahrzehnte später an jedes Detail jener Nacht: „Der Fliegeralarm trieb uns am Abend wieder in den Keller. Wir saßen schon einige Zeit dort unten, als Hausbewohner, die sich oben aufhielten, in den Keller kamen und aufgeregt erzählten, dass der Himmel über dem Luitpoldkrankenhaus blutrot sei. Es stellte sich kurz danach heraus, dass dies der Feuerschein der brennenden Stadt Schweinfurt war, die an diesem Abend bombardiert wurde.“

„Die Nacht und der Luftalarm waren noch nicht zu Ende. Ein plötzliches ohrenbetäubendes Brummen, das mehr und mehr anschwoll und in einem gewaltigen Schlag endete, jagte allen, die mit uns im Keller saßen, Angst und Schrecken ein. Der Luftschutzwart stürzte die Treppe herunter und rief, dass es an der Josefkirche brenne. Jetzt drängte alles nach oben. Meine Mutter nahm mich an der Hand und wir gingen hinaus in die frostklare Nacht. Die Neugier trieb viele Leute zum in der Nähe liegenden Brandherd. Unterwegs erfuhren wir, dass ein Flugzeug auf die Josefschule (damals Rückertschule) gestürzt sei. Wir gingen über die Gutenbergstraße zum Josefplatz und betrachteten das feurige Schauspiel.“

Absturz wurde vertuscht

Am Tag wurde der Absturz in der Schule kaum erwähnte, so wie auch das Würzburger Nazi-Organ Mainfränkische Zeitung in den nächsten Tagen keine Zeile über das Geschehnis schieb. Nachdem einige Schüler nachgefragt hatten, meinte der Lehrer immerhin, wer etwas gesehen habe, könne ein Bild davon malen und es am nächsten Tag mitbringen.

Josefschule Detail

Nach Schulschluss ging Georg Götz an die Absturzstelle: „Alles war abgesperrt. Es gab aber trotzdem Möglichkeiten, vieles zu sehen. Militär war im Einsatz und pickelte aus dem zu Eis erstarrten Löschwasser die Leichen der kanadischen Besatzung. Andere Soldaten traten die Überreste mit den Stiefeln in die Särge. Wieder andere transportierten angesengte Fallschirme, Schnüre und sonstiges Material davon in bereitstehende Fahrzeuge.“

Obwohl oder vielleicht gerade weil die deutsche Niederlage in jenem Monat bereits abzusehen war, trieben die Würzburger Nationalsozialisten ihre Verfolgungsmaßnahmen mit verstärkter Energie weiter voran. Im März 1944 wurden mehrere Mitglieder der Würzburger Sinti-Familie Winterstein nach Auschwitz deportiert, und auch dies wird auf „Würzburg vor 70 Jahren“ nachzulesen sein.

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