März 1944: Karl Walther malt das unzerstörte Würzburg

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Würzburg erleben

10. März 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Im weißen Kittel stand ein gedrungener Mann im März 1944 auf dem oberen Markt in Würzburg, vor sich die Staffelei, neben und hinter sich neugierige Passanten. Der 38-jährige Karl Walther war einer der bekanntesten Städtemaler Deutschlands, und Würzburg, das er von einem ersten Arbeitsbesuch im Jahr bereits 1930 bereits kannte, war ein Motiv, das er besonders schätzte.

Walther malt das (noch) unzerstörte Würzburg 

Viele deutsche Städte hatten zu diesem Zeitpunkt schon große Bombenangriffe erlebt – nicht jedoch Würzburg, das „nach Norden verirrte Florenz“, wie der französische Schriftsteller Paul Claudel nicht zu Unrecht gesagt hat. Zu wohl kaum einer anderen deutschen Stadt hatte der weitgereiste 38-Jährige eine so enge Beziehung. Das war wahrscheinlich kein Zufall, denn auch Florenz, das er 1933 in vielen Bildern festgehalten hatte, gehörte zu seinen Lieblingsmotiven. Das Leichte, die südliche Sonne verband beide. Davon war freilich in diesem kalten Märztag des Jahres 1944 nicht viel zu spüren

 

Dem Aufenthalt Karl Walthers in Würzburg ist an diesem Dienstag eine Meldung auf der Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ gewidmet. Hier berichtet „Würzburg erleben“-Mitarbeiter Roland Flade regelmäßig über das, was sich vor sieben Jahrzehnten in Würzburg ereignete.

Totenhemden im Wäschehaus Schlier

„Ich war noch ein Kind mit acht Jahren und wohnte mit meiner Mutter in Grombühl“, berichtet Georg Götz, heute Vorsitzender des Main-Franken-Kreises auf „Würzburg vor 70 Jahren“: „Fast zweimal wöchentlich fuhr ich in Begleitung meiner Mutter mit der Tram in die Stadt, manchmal durfte ich dies auch alleine. Hier in der Domstraße im Wäschehaus Schlier lieferte meine Mutter die von ihr gefertigten Hemden aus Papier ab. Aus besonders geprägtem Papier entstanden nach einem bestimmten Schnittmuster Totenhemden, diese wurden noch mit seidig glänzenden Knöpfen verziert, bevor sie dann gefaltet und zu je zehn Stück verpackt wurden. Zum knappen Unterhalt war diese Nebenbeschäftigung meiner Mutter ein willkommenes Zubrot.“

 

Georg Götz weiter: „Die Stadtgänge wurden natürlich immer mit anderen Besorgungen verbunden. Gerne gingen wir ins Kaufhaus Neckermann, wo die Spielzeugabteilung für mich immer anziehend wirkte. Am oberen Markt stand ein Maler neben dem Milchkiosk. Ich sehe ihn noch heute, wie er im dicken Kittel, einen Hut auf dem Kopf, mit gütigen Augen dastand und auf die vor ihm stehende Leinwand die Marienkapelle, das Falkenhaus und den Platz davor malte; es war fast schon ein fertiges Bild.“ Karl Walthers Spezialität – hier bei der Arbeit in der Neubaustraße fotografiert – war die künstlerische Abbildung der Realität, seien es Menschen,

Landschaften oder Städte. Abstraktion und Gegenstandslosigkeit, die im 20. Jahrhundert Einzug in die Kunst hielten und sie zu dominieren begannen, lehnte er ab. Geboren 1905 in Zeitz bei Leipzig, hatte er nach einer Lithographenlehre, einem zugunsten der Malerei abgebrochenen Musikstudium und einem kurzen Aufenthalt an der Leipziger Kunstakademie als 21-Jähriger erste Erfolge. Von Max Liebermann, Oskar Kokoschka, Erich Heckel und Max Slevogt überschwänglich gelobt, startete er eine erfolgreiche Karriere.

Schüler von Max Slevogt

Walthers Stil basierte auf dem Impressionismus;  Kritiker feierten ihn schon 1927 als „Naturtalent“, als „Erscheinung, wie sie nur alle Jubeljahre einmal auftritt“. In Berlin sollte er Schüler des von im bewunderten Max Slevogt werden, doch der starb 1932, bevor es so weit war. Walther ging seinen Weg konsequent weiter. „Aus der Tradition schöpfend, entwickelte er seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil eines Impressionismus der zweiten Generation, einer Ausdrucksmöglichkeit, der er bis zu seinem Tod am 9. Juni 1981 treu blieb“, schrieb der Würzburger Kunsthistoriker Josef Kern.

 

Vom Kriegsdienst zunächst noch freigestellt wegen seiner Fähigkeit, Städte stimmungsvoller als jede Fotografie zu charakterisieren, kam Walther im Februar und März 1944 zum zweiten Mal nach Würzburg. Eingeladen hatte ihn Heiner Dikreiter, Gründer und Direktor der Städtischen Galerie sowie Vorsitzender der Künstlergilde „Hätzfelder Flößerzunft“.

Walther im Dritten Reich angesehener Künstler

Über Dikreiter, Mitglied der NSDAP und in seiner Aufkaufpolitik Vertreter einer rückwärtsgewandten Kunstanschauung, war im Jahr 2013 in der Ausstellung „Tradition & Propaganda. Eine Bestandsaufnahme. Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Städtischen Sammlung Würzburg“ sowie im Begleitband viel Neues zu erfahren. Obwohl er nie plumpe Propagandabilder schuf und offensichtlich auch der NSDAP nicht beitrat, gehörte Karl Walther zu den im Dritten Reich besonders angesehenen Künstlern, was seine lange Befreiung vom Kriegsdienst erklärt. Die von Heiner Dikreiter geleitete Städtische Galerie kaufte mehrere seiner Werke auf, von denen einige noch heute im Rathaus hängen.

 

Besonders faszinierten den 38-Jährigen berühmte Ansichten wie Alte Mainbrücke, Dom, Domstraße oder Falkenhaus und Marienkapelle. Auf dem oberen Markt beobachtete der achtjährige Georg Götz im März 1944 mit großen Augen, wie Walther nach Schneefall ein noch nicht fertiges Bild den neuen Witterungsbedingungen anpasste: „Schon kurz später – ich weiß heute nicht mehr genau, ob es zwei oder drei Tage waren – hatte es über Nacht gescheit und wir mussten wieder ein Paket zum Schlier bringen und dort auch Rohmaterial, eine Rolle Papier in Packpapier eingebunden, abholen. Obligatorisch gingen wir wieder über den Markt, und der Maler stand genau am gleichen Platz.

Ich staunte, denn nun lag überall Schnee auf der Straße und auf den Dächern, und der Maler gab seinem Bild ein neues Aussehen. Er mischte Weiß mit anderen Farben und trug dies auf die Gebäude und Wege auf. Eine Winterbild war entstanden. Ich konnte mich nicht sattsehen, ich bettelte noch verweilen zu dürfen, doch Mutter wollte nach Hause.“

 

Der unverwechselbare Eindruck Würzburgs

„Wer Steine zählt oder fotographisch getreue Wiedergabe erwartet, wird rasch enttäuscht werden“, unterstreicht Josef Kern. „Klar zu entziffernde Inschriften, eindeutig bestimmbare Hausfiguren, namentlich benennbare Passanten sucht man vergeblich. Dies war niemals Walthers Bestreben – ihm ging es einzig und allein um den unverwechselbaren Eindruck, um die Impression.“

Im August 1944 kam Walther erneut nach Würzburg. Mit den Künstlerfreunden von der „Hätzfelder Flößerzunft“ feierte er seinen 39. Geburtstag. Heiner Dikreiter verfasste zu diesem Anlass ein launiges Gedicht für die Chronik der Zunft: „Ein Meister ist er, trefflich gut / Der hier bei uns die Straßen tut / Bei jedem Wetter runtermalen. / Ob Sommer, Winter – Keine Qualen / Der Hitz‘ und Kälte ihn genieren. / Wenn die Passanten fast erfrieren / Steht er vergnügt auf einer Gass / Und malt drauflos ohn‘ Unterlass.“

 

1944 in Kriegsgefangenschaft geraten – ab 1947 wieder in Würzburg

Am 1. September 1944 wurde Karl Walther doch noch zur Wehrmacht eingezogen und in Norditalien eingesetzt. Hier geriet er in Gefangenschaft; im Lager in Rimini freundete er sich mit dem Würzburger Maler und Graphiker Josef Scheuplein an. Auch Scheuplein hatte ihm – 1930 – als Zwölfjähriger beim öffentlichen Arbeiten in Würzburg über die Schuler geschaut.

Nach dem Krieg war Walther schon Ende Mai 1946 und dann 1947 wieder in Würzburg. Im Sommer 1947 wurden seine Gemälde im Wenzelsaal des Rathauses ausgestellt. Der Künstler malte bei dieser Gelegenheit weitere Bilder, die das zerstörte Würzburg dokumentieren. Eines soll ein amerikanischer Offizier gekauft und mit in die USA genommen haben.

15 Walther-Gemälde in städtischem Besitz

Karl Walther, der sich in Seeshaupt am Starnberger See niederließ, bleibt seinem Stil treu und kämpfte – vergeblich – um Anerkennung. Eine Krankheit hindert ihn während der letzten Lebensjahre an der Arbeit; am 9. Juni 1981 starb er. Seine Werke befinden sich heute in vielen Privatsammlungen sowie in den Museen und Galerien von Bayreuth, Chemnitz, Mannheim, München, Nürnberg, Stettin, Stuttgart und Würzburg.  Die Domstadt besitzt mit 15 Gemälden die größte Walther-Kollektion in öffentlicher Hand.

Wir entnahmen die Bilder dem Buch von Roland Flade „Zukunft, die aus Trümmern wuchs. Würzburg 1944 bis 1960: Würzburger erleben Krieg, Zerstörung, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“, das in allen Main-Post-Geschäftsstellen verkauft wird.

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