Sewastopol und die Feuerzangenbowle

Anzeige

Würzburg erleben

23. April 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Sewastopol und die Feuerzangenbowle – von Roland Flade

Als die Internetseite Moviepilot vor zwei Jahren die bei ihren Usern beliebtesten deutschen Filme aller Zeiten auflistete, tauchte „Die Feuerzangenbowle“ auf Platz 12 auf, nach Meisterwerken wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (Fritz Lang, 1931) und „Das weiße Band“ (Michael Haneke, 2009), aber noch vor Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ (Werner Herzog, 1972). 70 Jahre ist der Film alt und immer noch ungemein populär, auch an Universitäten, wo gelegentlich partyartige Sondervorstellungen stattfinden. Dann rücken Studenten mit Weckern, Wunderkerzen und Glühwein an und spielen die schönsten Filmszenen mit. In Würzburg vor 70 Jahren, am 24. April 1944, erschien in der Mainfränkischen Zeitung eine Besprechung der „Feuerzangenbowle“, die gerade in Würzburg angelaufen war.

„Zwei Stunden Lachen und Entspannung“

„Zwei Stunden Lachen und Entspannung“ versprach die Autorin Dr. Irene Orth; der Film trage die Besucher „aus dem Alltag und der Gegenwart hinaus“; seine besondere Note erhalte der Streifen „durch Heinz Rühmann, dessen Geist über dem Ganzen waltet“. Heute wissen wir, dass Rühmann nicht nur als Pennäler Pfeiffer („drei ‚f’, eins vor dem ‚ei“, zwei nach dem ‚ei’“) dem Film seinen besonderen Stempel aufdrückt; er war es auch, der erreichte, dass „Die Feuerzahngenbowle“ überhaupt öffentlich gezeigt werden durfte.

NS-Erziehungsminister gegen Feuerzangenbowle

Im Januar 1944 hatte Reichserziehungsminister Bernhard Rust die Freigabe des Films mit der Begründung zu verhindern versucht, dass der Streifen die Autorität der Schule und der Lehrer gefährde, was die schwierige Situation durch den kriegsbedingten Lehrermangel noch verschärfe. Heinz Rühmann fuhr daraufhin mit einer Kopie in die Wolfsschanze, wo über Hermann Göring die Meinung Adolf Hitlers eingeholt wurde. Nach dessen Zustimmung erhielt Propagandaminister Joseph Goebbels die Anweisung, den Film freizugeben. „Die Feuerzangenbowle“ wurde am 28. Januar 1944 in Berlin uraufgeführt.

„Heldentod für Führer und Vaterland“

„Die Feuerzangenbowle“ wurde auch in Würzburg ein sensationeller Erfolg. Zwar war die Stadt bisher von größeren Bombenangriffen verschont geblieben, doch veröffentlichte die Mainfränkische Zeitung, Nazi-Organ und einzige noch in Würzburg erscheinende Tageszeitung, täglich unzählige Todesanzeigen von oft blutjungen Männern, die an der Front den „Heldentod für Führer und Vaterland“ gestorben waren. Die Versorgungslage in der Stadt wurde immer kritischer und langsam setzte sich auch bei den gläubigsten Hitleranhängern die Furcht durch, dass dieses Krieg womöglich nicht mehr zu gewinnen war.

Ablenkung aus Goebbel’s Propagandafabrik

In dieser Situation sorgte der unbeschwerte Film, einer von vielen aus Joseph Goebbels’ Propagandafabrik, für kurzzeitige Ablenkung, bevor man sich wieder der Frage zuwenden musste, ob man eine ausreichende Menge an Kartoffeln für seine Kinder würde besorgen können und ob der Mann oder Bruder, der beispielsweise auf der Krim kämpfte, zurückkommen würde.

Würzburger als Soldat auf der Krim

Hitler hatte befohlen, die Krim zu halten, und dort war in jenem April 1944 der 19-jährige Würzburger Soldat Rudolf Söder eingesetzt. Eigentlich hatte er Heimaturlaub bekommen sollen. Röder träumte schon von einer Bootsfahrt auf dem Main. Doch dann machte der sinnlose Kampf um die Krim, die von den Russen bereits weitgehend zurückerobert worden war, seine Pläne zunichte.

Die deutschen Soldaten hatten sich nach Sewastopol zurückgezogen, in jene Stadt, die nach der deutschen Bombardierung so ähnlich aussah wie Würzburg ein knappes Jahr später. Am 23. April 1944 trafen Granatsplitter Rudolf Söders Augen, andere die Stirn. Am 25. April wurde er ausgeflogen und verbrachte danach zwei Jahren in Lazaretten und Krankenhäusern. Sein Augenlicht war nicht zu retten. Erst am 9. Mai 1944 kam aus Berlin die Erlaubnis zur Aufgabe Sewastopols.

Zigtausende Tote bei Kämpfen 

Die Kämpfe um die Krim kosteten Deutsche und die zu diesem Zeitpunkt noch mit ihnen verbündeten Rumänen 60.000 Mann; auch Zehntausende von Russen sind bei der blutigen Rückeroberung ums Leben gekommen.

Würzburger Sinti-Familie Winterstein

Im sogenannten „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz-Birkenau litten unterdessen Mitglieder der Würzburger Sinti-Familie Winterstein Höllenqualen. Wenige Tage nach der Ankunft starb am 11. April 1944 die dreijährige Sieglinde Winterstein, die mit ihrer Mutter Karoline im vorangegangenen Dezember aus Würzburg deportiert worden war. Am 24. April, also am Tag der Rezension der „Feuerzangenbowle“ in der Mainfränkischen Zeitung, folgte der sechs Monate alte Waldemar, Sohn von Anneliese Winterstein, Sieglinde in den Tod.

Der tschechische Häftling und Arzt Frantisek Janouch notierte nach dem Krieg, das „schrecklichste und am meisten erschütternde Erlebnis“ sei gewesen, als er gemeinsam mit einem polnischen Arzt den Posten eines Kinderarztes im „Zigeunerlager“ innehatte: „Auf der Seite, wo die Kinder in den Krankenblock aufgenommen wurden, kamen die Mütter mit ihren Kindern, um sie weinend abzugeben. Sie wussten, dass sie ihre Kinder niemals wiedersehen würden. Auf der entgegengesetzten Blockseite suchten sie später ihre toten Kinder.“ Täglich starben zehn bis fünfzehn Jungen und Mädchen.

Täglich sterben zehn bis fünfzehn Kinder

Der Todestag von Eleonore Wintersteins Tochter Gisela ist ebenfalls bekannt: In den Akten des KZ ist der 14. Juni 1944 vermerkt; Gisela wurde 15 Monate alt. Auch Karoline Wintersteins Kinder Elisabeth und Rigo sowie Anneliese Wintersteins Sohn Karl-Heinz überstanden das Lager nicht, doch fehlen in den Lagerakten die Todesdaten.

Das Foto zeigt Anneliese Winterstein und ihren Sohn Karl-Heinz im Jahr 1942 am Main in Würzburg. Anneliese warf sich am 12. Juni 1944 in den elektrischen Zaun, der das Lager umgab, als sie im KZ-Bordell eingesetzt werden sollte.

Tod im Konzentrationslager

Am 23. April 1944, nur einen Monat nach seiner Einlieferung, starb im Alter von 47 Jahren Annelieses und Eleonores Vater Karl Winterstein. Vielleicht weil er schon zu schwach und krank gewesen war, hatte er die karge Brotration, die an diesem Tag ausgeteilt wurde, nicht mehr essen können. Dieses Stück Brot könnte ihm womöglich helfen, wenigstens diesen Tag und diese Nacht noch zu überstehen, muss sich Karls Neffe Otto gedacht haben. Die Würzburger Sintezza Rita Prigmore fasste später zusammen, was ihr Onkel Otto Winterstein von jenem 23. April erzählte:

„Immer waren zwei Personen auf einem Bretterbett. Mein Onkel lag neben einem Verwandten aus Würzburg. Er war schon tot. Die Verteiler des Brotes bemerkten es nicht, so bekam er zwei Stücke. Als man es bemerkte, wurde er aus dem Bett gezogen, raus in die Kälte, an den Händen aufgehängt; unten war ein Eimer mit Wasser. Er wurde gepeitscht; jedes Mal, wenn er mit den Füßen das kalte Wasser berührte und verschüttete, bekam er mehr Schläge, bis zur Ohnmacht. Dann nahmen sie ihn runter, zurück zum Bretterbett. Er war blutüberströmt, nur noch Haut und Knochen. Die anderen Sinti-Häftlinge halfen so gut sie konnten. Er hat durch diese Schläge ein krankes Herz bekommen und einen Lungenriss und andere gesundheitliche Schäden.“ Als kranker Mann kehrte Otto Winterstein nach Würzburg zurück. Er starb 1993.

Was Würzburger vor 70 Jahren erlebten 

Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ berichtet Roland Flade – Main-Post-Redakteur, promovierter Historiker und „Würzburg erleben“-Mitarbeiter – regelmäßig über Geschehnisse in Würzburg. Scheinbar Harmloses wie eine Meldung aus der Mainfränkischen Zeitung, dass wieder Fischmarinade zu kaufen ist, steht neben Texten, die die grausame Wirklichkeit des fünften Kriegsjahres erkennen lassen. So schrieb die 19-jährige Abiturientin Ortrun Koerber am 20. April 1944, dass russische Kriegsgefangene in Würzburg keine Brot mehr erhielten und fragte in ihrem Tagebuch: „Was sollen die Russen denn essen, wenn sie kein Brot mehr bekommen? Ich bin sicher, dass sie auch nicht genügend Kartoffeln bekommen, denn die Deutschen erhalten ebenfalls nicht genug.“

Einträge aus Würzburg und von fern der Heimat

Auch wenn noch keine Bomben auf die Stadt fielen, mussten die Bürger doch stundenlang in Luftschutzkellern ausharren, wenn alliierte Flugzeuge sich näherten. „Letzte Woche hatten wir einen Bombenalarm nach dem anderen, mehrmals am Tag und jede Nacht,“ schrieb Ortrun Koerber am 28. April. „Wie müde wir morgens sind, wenn wir aufstehen müssen!“

Eine zusätzliche Dimension erschließen jene Einträge, die Würzburger betreffen, die fern der Heimat den Krieg erlebten. Im April 1944 stehen hierfür stellvertretend Mitglieder der Würzburger Sinti-Familie Winterstein, die in Auschwitz starben, und der 19-jährige Soldat Rudolf Söder, der auf der Halbinsel Krim eingesetzt war, die von russischen Truppen zurückerobert wurde. Söders Hoffnung, Heimaturlaub zu bekommen, zerschlug sich; am 23. April 1944 verlor er bei erbitterten Kämpfen das Augenlicht. Auf der Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ sind seine ausführlichen Erinnerungen an jenen schicksalhaften Tag und den Rücktransport ins Reich nachzulesen. Einen Tag später erscheint in der Mainfränkischen Zeitung die euphorische Besprechung der „Feuerzangenbowle“.

Banner2
Topmobile2