Gastbeitrag: Stolpersteine bewahren Erinnerungen
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Würzburg erleben
28. April 2014

Symbolbild Würzburg
Ab 8.Mai gibt’s wieder den „Würzburger“
Heute haben wir wieder einen stimmungsvollen Bericht von einer Gastautorin, diesmal von Denise Schäfer. Ab dem 8.Mai ist dieser mit weiteren Artikeln im neuen “Würzburger”, dem Stadtmagazin der Würzburger Medienakademie, kostenlos in vielen Cafés, Restaurants und Bars erhältlich. Denise schreibt über eine ganz besonderer Erinnerung der Würzburger Vergangenheit: Stolpersteine.
Würzburg stolpert durch seine Vergangenheit
Du hast sie bestimmt schon gesehen: die zehn Zentimeter großen, metallisch schimmernden Steine im Pflaster der Würzburger Straßen. Es handelt sich um sogenannte Stolpersteine. Diese sollen die Passanten nicht wortwörtlich zum Stolpern bringen, sondern das Auge stolpern lassen. Wenn man den Blick schweifen lässt, fallen die glänzenden Steine gleich auf, ohne eine Gefahr darzustellen, da sie eben zum Gehweg verlegt und integriert sind. Sie bestehen aus handgefertigten Betonwürfeln mit einer darauf verankerten Messingplatte, in die Name und bekannte Daten eines Opfers des Nationalsozialismus eingehämmert wurden.
Das europaweite Projekt wurde vom Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Sein Ziel ist es, mit Kunst Zeichen zu setzen. Seit seinem Studium der Kunstpädagogik und des Industrial Designs setzt er verschiedene Projekte um und erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, allen voran für das Projekt Stolpersteine, das ihn europaweit bekannt machte. Er setzt hiermit ein Zeichen für die Opfer des Nationalsozialismus: Er erinnert an unsere Mitbürger, die vielleicht nur ein paar Häuser entfernt gelebt haben, an die massenhaften Deportationen und erhält ihr Andenken für kommende Generationen. Durch die Inschrift bekommt außerdem jede Person, die zuletzt nur noch eine von vielen Zahlenkombinationen war, ihren Namen und ihre Identität zurück.
„Ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig erhält.“ – Gunter Demnig
Das Projekt wächst
Gunter Demnig begann mit einer nicht genehmigten Verlegung von Stolpersteinen auf einer öffentlichen Straße in Berlin-Kreuzberg im Jahr 1997. Seit 2000 werden die Steine legalisiert überall in Deutschland und Europa verlegt. Alleine in Deutschland finden sie sich in über 500 Orten wieder. Bis Dezember 2013 waren insgesamt etwa 1.000 Orte mit über 43.500 verlegten Steinen beteiligt. Bisher gibt es die Steine in Österreich, Ungarn, in den Niederlanden, Belgien, Tschechien, in Polen, Slowenien, Italien, Norwegen, in der Ukraine, der Slowakei und in Luxemburg. Weiterhin sind Russland, Kroatien und Frankreich in Planung und es gibt immer mehr Anfragen von Orten, die teilnehmen möchten.
„Wer den Namen des Opfers lesen will, muss sich herunterbeugen. In diesem Moment verbeugt er sich vor ihm.“– Gunter Demnig
Würzburg setzt Zeichen
Der Arbeitskreis Würzburger Stolpersteine hat bisher 239 Stolpersteine verlegt und dafür die Behr-Medaille erhalten, die für außergewöhnliche bürgerschaftliche Mitarbeit oder die Demokratie in Würzburg vergeben wird. Das Team hat am 17. Juli 2006 mit dem ersten Stein begonnen, im Jahr 2013 fand schon die 16. Verlegung mit mehreren Standorten statt. Es gibt bereits eine lange Liste von Sponsoren und Unterstützern: 36 Personen und Einrichtungen aus dem politischen und sozialen Bereich engagieren sich für das Projekt Stolpersteine.
Erinnerungskultur in Würzburg
Beispielsweise vor dem „Kaufhof“ erinnert ein Stolperstein an die früheren Eigentümer des Kaufhauses oder vor der Kiliansgruft an einen katholischen Pfarrer, der sich für seine Überzeugungen einsetzte. Abgesehen von den Stolpersteinen erinnert auch ein Gedenkstein am Geschwister-Scholl-Platz in der Ottostraße an die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl, die 1943 ermordet wurden. Im Gewerbegebiet auf dem Heuchelhof halten mehrere Straßennamen die Erinnerung an Verfolgte und Opfer der NS-Gewaltherrschaft aufrecht. In Heidingsfeld gedenkt der Herta-Mannheimer-Weg der jüdischen SPD-Stadträtin Herta Mannheimer, die im KZ Auschwitz ermordet wurde. So werden auf verschiedenen Wegen Andenken bewahrt.
Jeder kann etwas dazu beitragen
Das Projekt Stolpersteine wird durch Patenschaften finanziert. Jeder, der helfen möchte, kann gegen eine Spende von 120 Euro zum Paten werden. Von diesem Geld werden die Herstellung des Steins und die Verlegung vor dem letzten selbstgewählten Wohnort eines Opfers finanziert. Über dessen Leben wird der Pate dann möglichst umfassend informiert und anschließend zur Verlegung des Steins eingeladen. Vielleicht ist eine Patenschaft ja auch etwas für dich?

