Ein Würzburger in russischer Gefangenschaft – von Roland Flade

Anzeige

Würzburg erleben

22. Mai 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Ein Würzburger in russischer Gefangenschaft – von Roland Flade

Der 22. Mai 1944 war ein Montag. Seit zehn Tagen war der 25-jährige Würzburger Philipp S. Frank in russischer Gefangenschaft. Er gehörte zu jenen Tausenden von deutschen Soldaten, die nach der Rückeroberung der Krim durch die Rote Armee nicht mehr evakuiert worden waren. An jenem 22. Mai 1944 schleppte sich Frank mit anderen Gefangenen durch Simferopol, seit dem umstrittenen Anschluss der Krim an Russland heute die Hauptstadt der „Autonomen Republik Krim“.

Kämpfe um Halbinsel Krim

Nach dem erbitterten Kampf um die Halbinsel, bei dem Zehntausende Deutsche und Russen gefallen waren, hatte man den 25-Jährigen mit Granatsplittern in der linken Gesichtshälfte zurückgelassen. In Simferopol erlebte er auf dem Marsch zu einem Sammellager etwas, das er kaum fassen konnte, als ihm und den anderen deutschen Soldaten Russen entgegenkamen, die kurz zuvor in Sewastopol noch gegen sie gekämpft hatten. Auf ihrem ersten Weg in die Gefangenschaft waren sie bei den Russen noch auf Wut und Hass gestoßen, schrieb Frank später. In Simferopol geschah am 22. Mai 1944 das Wunder: „Die Rotarmisten hatten jetzt Mitleid mit den deutschen Landsern und schenkten ihnen Brot, Konserven und Schokolade.“

Philipp S. Frank, geboren 1918 in Würzburg

Philipp S. Frank, 1918 in Würzburg geboren, hatte in seiner Heimatstadt das Schriftsetzerhandwerk erlernt. Im Januar 1940 eingezogen, kam er nach dem Fall von Stalingrad auf der Krim und nahm an den schweren Kämpfen teil, die mit der deutschen Niederlage endeten. Was er in den Jahren nach der Gefangennahme erlebte, brannte sich in sein Gedächtnis ein. In den neunziger Jahre schrieb er seinen Leidensweg nieder. 1995 veröffentlichte er den autobiographischen Roman „Leb solang du kannst“, der längst vergriffen ist.

„Würzburg vor 70 Jahren“ – Erinnerungen

Auf der Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ sind jetzt Auszüge aus dem Roman nachzulesen, zusammen mit den Erinnerungen anderer Würzburger aus jener Zeit. In seinem Buch spricht Frank von sich selbst als „Georg Berger“. Obwohl er Schlimmes mitmachte, kommt an keiner Stelle Hass auf die Russen zum Ausdruck. Im Gegenteil: Frank skizziert auch Szenen von allmählicher Annäherung zwischen Siegern und Besiegten.

Roman „Leb solange Du kannst“

Am Tag nach der Gefangennahme war das freilich noch nicht abzusehen. Die Geschehnisse des 13. Mai 1944 beschreibt er in seinem Buch so: „Sie waren keine Soldaten mehr. Alles, was sie besaßen, trugen sie auf dem Leib. Georg Berger hatte noch einen Brotbeutel. Allerdings war es nur dem Namen nach ein Brotbeutel, denn in ihm befand sich kein Krümelchen Brot mehr, sondern nur noch eine kleine Konservendose mit der eisernen Ration. Wenn er sich im Gelände umsah, so erblickte er andere Panzer, anderes Kriegsgerät, andere Uniformen, und eine fremde Sprache klang da und dort auf. Und immer wieder im Gelände gefallene Soldaten. Sie lagen da, still und regungslos, in deutschen Uniformen, in rumänischen Uniformen, in russischen Uniformen.“

Fünfjährige Odyssee durch 12 Gefangenenlager

In seinem Buch und nun auch auf „Würzburg vor 70 Jahren“ schildert Frank eine fünfjährige Odyssee, die ihn durch insgesamt zwölf Lager führte. Das Schreiben half ihm dabei, das Erlebte zu verarbeiten, gestand er 1995: „Ich wollte es mir von der Seele schreiben. Ich hatte oft Alpträume. Seitdem sind sie weg.“ Ein Gefangenenlager blieb Frank in besonderer Erinnerung: „Da dachte ich, ich sehe Würzburg nicht wieder.“ Mit 400 Mann waren sie dort angekommen, nach kurzem waren viele tot, von den Übrigen war der Großteil krank. Zur Arbeit gingen nur noch 30 bis 40 Mann in die nahegelegenen Kohlengruben.

Abgemagert und entkräftet 

Auch Frank war arbeitsunfähig und wog nach vier Monaten nur noch 90 Pfund. Doch das war letztendlich sein Glück, denn alle Kranken wurden in ein Erholungslager im Norkaukasus gebracht. Ein Freund, der noch arbeitsfähig war, musste im Lager bleiben; er kam nicht zurück. „Ab da ging’s aufwärts“, sagte Frank, als er sein Buch präsentierte. Die Männer mussten nicht arbeiten, die Verpflegung war etwas besser. Dort traf er auch auf einen deutschenfreundlichen Arzt. Frank: „Er hat Tausenden von deutschen Soldaten das Leben gerettet.“ Später erfuhr er, dass der Mediziner erschossenen wurde, wahrscheinlich wegen seiner menschlichen Einstellung den Gefangenen gegenüber.

 Arbeitseinsatz: Benzinfässer füllen

Besonders eindrucksvoll ist Franks Schilderung eines Arbeitseinsatzes in der Nähe der armenischen Stadt Armawir, die damals noch zur Sowjetunion gehörte. Zusammen mit dem deutschen Gefangenen Franz und dem russischen Aufseher Nikolay soll er Benzinfässer füllen lassen und mit einem Laster ins Lager bringen. Nachdem der erste Teil des Auftrags erfüllt ist, befiehlt der Russe überraschenderweise nicht, ins Lager zurückzufahren.

In einer kleinen Kneipe in der Innenstadt spielt sich dann folgende Szene ab: „Georg beobachtete, wie der Wirt drei Wodkagläser, man könnte sagen, drei nur ein bisschen kleinere Zahnputzgläser, auf die Theke stellte und sie mit wasserklarer Flüssigkeit füllte. Danach legte er neben jedes Glas einen kleinen Teller, auf dem ein Stück Speck lag. Nikolay ergriff sein Glas und bedeutete den Gefangenen, das gleich zu tun. ‚Nastarowje’ ertönte es im Chor, denn auch der Wirt hatte sich eingeschaltet und schon hatte Nikolay Fjodorowitsch Semjonow sein Glas an den Lippen und trank es mit einem Zug leer.“

„Auch Georg und Franz nahmen einen kräftigen Schluck, setzten aber dann das Glas prustend und pustend ab. Der ungewohnte Genuss brannte ihnen wie Feuer in Magen und Kehle. Nikolay sah sie an und musste lachen. ‚Maltschiki’, sagte er spöttisch, was übersetzt ‚Kinder’ heißt.“

Hoffnung auf Rückkehr nach Deutschland 

Im Herbst 1947 konnte Philipp S. Frank ein Bild von sich, das ein Mitgefangener gezeichnet hatte, an seine Familie in Würzburg schicken. „Hoffe bald selbst nachzukommen. Bin gesund, frisch und munter“ schrieb er dazu. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis es so weit war. Später führte Franks Odyssee über Arbeit auf Staatsgütern bis nach Krasnodar, die Hauptstadt Nordkaukasiens. Inzwischen sprach er leidlich Russisch. Im September 1949, nach fast zwei Jahren Arbeit in Bergwerken des Donezbeckens, wurde er endlich nach Deutschland entlassen.

Lebensende mit 91 in Würzburg 

Nach der Rückkehr arbeitete Philipp S. Frank bei der Main-Post und war bis 1982 Abteilungsleiter für Satz- und Zeitungsherstellung. Bis zu seinem 91. Lebensjahr wohnte er auf dem Heuchelhof; die letzten Lebensmonate verbrachte er in einem Seniorenpflegeheim in Fürstenfeldbruck in der Nähe seiner Kinder und deren Familien. Im Jahr 2011 ist er gestorben.

Hintergrund: Was Würzburger vor 70 Jahren erlebten

Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ berichtet Roland Flade – Main-Post-Redakteur, promovierter Historiker und „würzburg erleben“-Mitarbeiter – regelmäßig über Geschehnisse in Würzburg. Scheinbar Harmloses wie eine Meldung aus der Mainfränkischen Zeitung, dass wieder Fischmarinade zu kaufen ist, steht neben Texten, die die grausame Wirklichkeit des fünften Kriegsjahres erkennen lassen.

So schreibt die 19-jährige Abiturientin Ortrun Koerber, dass russische Kriegsgefangene in Würzburg keine Brot mehr erhalten und fragt in ihrem Tagebuch: „Was sollen die Russen denn essen, wenn sie kein Brot mehr bekommen? Ich bin sicher, dass sie auch nicht genügend Kartoffeln bekommen, denn die Deutschen erhalten ebenfalls nicht genug.“

Obwohl noch keine Bomben auf die Stadt fallen, müssen die Bürger stundenlang in Luftschutzkellern ausharren, wenn alliierte Flugzeuge sich nähern. „Letzte Woche hatten wir einen Bombenalarm nach dem anderen, mehrmals am Tag und jede Nacht,“ notiert Ortrun Koerber. „Wie müde wir morgens sind, wenn wir aufstehen müssen!“

Eine zusätzliche Dimension erschließen jene Einträge, die Würzburger betreffen, die fern der Heimat den Krieg erleben. Im Mai 1944 und in den folgenden Monaten steht hierfür stellvertretend der Würzburger Soldat Philipp S. Frank, der am 12. Mai 1944 auf der Krim in russische Gefangenschaft gerät.

Banner2
Topmobile2