Die große Illusion vor 70 Jahren: Schäferspiel beim Mozartfest
Anzeige
Würzburg erleben
25. Juni 2014

Symbolbild Würzburg
Die große Illusion vor 70 Jahren: Schäferspiel beim Mozartfest – Von Roland Flade
Juni 1944: Die Alliierten sind in der Normandie gelandet und dringen in Frankreich vor. Die Mainfränkische Zeitung ist voller Todesanzeigen von Soldaten, die den „Heldentod“ für Führer und Vaterland gestorben sind. Die Würzburger Stadtverwaltung ruft die Bürger auf, „unersetzliche Dinge an einer oder auch mehreren Stellen außerhalb der Wohnung“ vor einem Bombenangriff in Sicherheit zu bringen. Und im Hofgarten der Residenz findet, als sei nicht geschehen, die Nachtmusik des Mozartfestes statt, das in „Mozarttage“ umbenannt wurde.
Romantisches Schäferspiel zum „Endsieg“
Es ist ein Versuch, den Menschen vorzugaukeln, dass ja alles doch noch gut wird, dass der „Endsieg“ nicht mehr lange auf sich warten lässt. Denn wer würde schon ein romantisches Schäferspiel mit zahlreichen Beteiligten fast fünf Jahre nach Kriegsbeginn organisieren, wenn der Krieg längst verloren wäre? Das Schäferspiel wird so zum großen Illusionstheater, das sich Propagandaminister Joseph Goebbels nicht besser hätte ausdenken können.
Vorzeitiger Beginn aus Angst vor Bombenangriff
Einziges Zugeständnis an die Zeit, in der jederzeit mit einem nächtlichen Bombenangriff auf Würzburg gerechnet werden muss und die Menschen fast täglich Schutz im Luftschutzkeller suchen, ist die Anfangszeit: Nachtmusik und Schäferspiel beginnen am Samstag, 24. Juni bereits um 18.30 Uhr.
Die Rezensentin der Mainfränkischen Zeitung kommt bei ihrer Besprechung des Spektakels am folgenden Montag nicht umhin, dies zu erwähnen: „Die Nachtmusiken – das heißt jetzt sind sie mehr als Abendmusiken anzusprechen – während der Würzburger Mozarttage haben ihren eigenartigen Reiz und ihre besondere Anziehungskraft“ schreibt sie und lobt die Programmzusammenstellung durch Hermann Zilcher.
„Geheimrat Zilcher leitete wie in jedem Jahr die Nachtmusik am Samstag“, heißt es da. „Sehr fein war das Programm – bis auf die Chöre nur Mozart – zusammengestellt.“
Hermann Zilcher in der „Gottbegnadeten“-Liste
Aufgrund einer langjährigen Kontroverse mit dem NS-Gauleiter von Mainfranken Otto Hellmuth, der ihm noch 1937 den Mainfränkischen Kulturpreis verliehen hatte, ist Zilcher 1943 die Leitung des Mozartfestes entzogen worden, steht im Online-Lexikon Wikipedia. Trotzdem ist er 1944 an den Vorbereitungen der Mozarttage beteiligt. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wird Zilcher im August 1944 sogar in die von Hitler genehmigte „Gottbegnadeten“-Liste aufgenommen, was ihn vom Fronteinsatz bewahrt, aber zum „Künstlerkriegseinsatz“ (auf Befehl bei kulturellen Veranstaltungen) verpflichtet.
Höhepunkt der Nachtmusik am 24. Juni 1944 ist das traditionelle Schäferspiel. Dazu die Mainfränkische Zeitung: „Den Abschluss bildete wie in jedem Jahr das von Derra de Moroda einstudierte reizvolle Schäferspiel, das mit seinen anmutigen Spielen und nicht zuletzt den lustigen kleinen Negerknaben in jedem Jahr den gleichen freudigen Beifall der den Garten auf Sitzplätzen um das Rondell und mehr noch auf Steh- und Gehplätzen in den zahlreichen Wegen füllenden Nachtmusikhörer fand.“
Das höfische Leben der Rokoko-Zeit
Zum Chorgesang von den Wallterrassen und Orchesterklängen vor dem Gartensaal drehen sich beim Schäferspiel seit Jahren auf der Rasenfläche um den Brunnen bis zu 100 Paare der Würzburger Tanz- und Gymnastikschulen sowie des Stadttheater-Balletts. Letzteres stellt aus seinem Fundus auch die prächtigen Rokoko-Kostüme, schrieb Andreas Mettenleiter vor einigen Jahren in der Main-Post.
Zeitgenössische Bilder zeigen die Tänzer in symmetrischen Gruppen um den Brunnen, darum eine zweite Gruppe in historischen Gewändern, wie zu einem Picknick gelagert, und schließlich im Rund um das Geschehen, auf Klappstühlen, die Zuschauer in feinen Garderoben. So stellte man sich damals das höfische Leben der Rokokozeit vor.
Der „tanzende Schäfer“
Für Theateraufführungen der Schönbornzeit wurden bei Schäferspielen sogar lebende Schafe auf die Bühne gebracht. Der „tanzende Schäfer“, eine lebensgroße Sandsteinplastik von Ferdinand Tietz, die in Veitshöchheim steht, ist bis heute zum Symbol und Wahrzeichen des Mozartfestes geworden; eine verkleinerte Porzellankopie wird seit 1980 vom Würzburger Oberbürgermeister als Gastgeschenk an auswärtige Besucher gegeben.
Seit der Machtergreifung wird das Mozartfest laut Andreas Mettenleiter zunehmend ideologisch instrumentalisiert: Das lässt sich nicht zuletzt an den ab 1936 in Frakturschrift gedruckten Programmheften erkennen. Gauleiter Otto Hellmuth legt zudem großen Wert auf die Feststellung, dass das Mozartfest mit dem germanischen Sonnwendfest zusammenfällt.
Verdunklungsvorschriften und Luftschutzvorkehrungen erschweren Durchführung
Seit 1942 hat der Tanzausschuss der NS-Kultusgemeinde zusammen mit Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und dem Reichsausschuss für Leibesübungen die Tanzdarbietungen übernommen. Aufnahmen der Fotografin Erika Groth-Schmachtenberger zeigen Mitglieder einer Berliner Gruppe der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) unter der Leitung der Ballettmeisterin Friderica Derra de Moroda bei der Vorbereitung auf den Aufritt und beim eigentlichen Schäferspiel.
Verdunklungsvorschriften und Luftschutzvorkehrungen erschweren die Durchführung des Mozartfests bzw. der Mozarttage in den letzten Kriegsjahren: 1944 finden sich auf der letzten Seite des Programmhefts eine Übersicht über die nächstgelegenen Schutzräume.
Wenige Monate später wird auch die Residenz ein Opfer des Bombenkriegs. Doch bereits 1947 findet vor den ausgebrannten Fenstern der Gartenfassade wieder ein „Frühlingsfest“ statt, das die bis heute fortgeführte Tradition der Mozartfeste aufnimmt.
Dies freilich ist kein Illusionstheater mehr, sondern Ausdruck des Willens der Würzburger, ihre fast völlig zerstörte Stadt wieder aufzubauen.
Hintergrund: Friderica Derra de Moroda
Friderica Derra de Moroda (1897 bis 1978) war eine Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin österreichisch-ungarischer Herkunft. Nach der Ballettausbildung debütierte sie mit 14 Jahren 1912 als Tänzerin in Wien. Ab 1914 war sie in England und gründete in London später ihre erste eigene Tanzschule. 1923 trat sie erstmals in Salzburg auf: Ein Solotanzabend im Großen Saal des Mozarteums begeisterte das Publikum. 1936 wurde sie englische Staatsbürgerin.
1941 übernahm sie in Berlin die Leitung und künstlerische Verantwortung des Balletts der nationalsozialistischen Kulturorganisation Kraft durch Freude, das bis 1944 regelmäßig Tourneen unternahm. Moroda wurde gegen Ende des Krieges als englische Staatsbürgerin in einem Lager am Bodensee interniert.
1952 richtete sie in Salzburg eine Ballettschule ein, die sie bis 1967 betrieb und die vor allem die Mitglieder des Balletts aus dem Salzburger Landestheater, aber auch die spätere Solotänzerin Margot Werner besuchten. (Quelle: Wikipedia)
Hintergrund: Was Würzburger vor 70 Jahren erlebten
Auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 Jahren“ berichtet Roland Flade – Main-Post-Redakteur, promovierter Historiker und „würzburg erleben“-Mitarbeiter – regelmäßig über Geschehnisse in Würzburg. Scheinbar Harmloses wie die Meldung aus der Mainfränkischen Zeitung, dass die Nachtmusik bereits um 18.30 Uhr beginnt, steht neben Tagebuchtexten, deren Entdeckung durch die Gestapo schärfste Strafen nach sich gezogen hätte.
So schrieb die 19-jährige Abiturientin Ortrun Koerber, die bei der ihr zugewiesenen Arbeit bei Koenig & Bauer den italienischen Kriegsgefangenen Carlo kennengelernt hatte, am 6. Juni 1944 in ihr Tagebuch: „Wir haben den 6. Juni, und dieses Datum werden wir wohl nie vergessen. Die Invasion hat begonnen! Ich war in der Fabrik, als ich die Nachricht von einem Mann hörte. Obwohl ich sie täglich erwartet hatte, war ich so überrascht, dass meine Beine fast versagten.“
„Dies ist der Beginn der letzten Schlacht. Ich kann nur hoffen, dass alles sehr schnell zu Ende geht. Die Alliierten sind mit Tausenden von Schiffen gelandet, das Unternehmen ist sicher erfolgreich. Ich wünschte nur, dass das Radio pausenlos darüber berichten würde. Als ich mit Carlo heute über die Invasion sprach, sagte er: ‚Aber du bist doch eine Deutsche!’ Natürlich, aber kann er nicht verstehen, dass ich auf den Sieg der Alliierten hoffen muss, wenn ich ein besseres und freieres Deutschland herbeisehne?“

