In Würzburg lebende Brasilianerin spricht über ihre Muttersprache
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25. Juni 2014

Symbolbild Würzburg
Warum Portugiesisch nicht gleich Portugiesisch ist
Wer Portugiesisch kann und nach Brasilien verreist, muss sich auf Überraschungen sprachlicher Art gefasst machen. Warum das so ist, erklärt Andreia Fernandes vom Zentrum für Sprachen der Uni Würzburg. Sie hat auch Tipps für Brasilien-Reisende parat.
In Südamerika wird Spanisch gesprochen, außer in Brasilien – dort ist Portugiesisch die Landessprache: Das dürfte den meisten Europäern geläufig sein. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn das brasilianische Portugiesisch unterscheidet sich vom europäischen Portugiesisch.
Brasilien vs. Europa
„Wer hier Portugiesisch gelernt hat, wird in Brasilien beim Lesen von Beschilderungen und anderen Texten keine Probleme haben“, sagt Andreia Fernandes. Die 34-jährige Brasilianerin weiß das genau, denn Sprachen sind ihr Metier: Sie ist Dozentin für Portugiesisch am Zentrum für Sprachen der Uni Würzburg.
Unterschiede hinsichtlich der Aussprache
Komplizierter wird es aber beim Sprechen und Verstehen. „Portugiesen haben eine sehr geschlossene Aussprache“, sagt Fernandes. Was sie damit meint, aber nicht so deutlich sagt: Portugiesen nuscheln und „verschlucken“ auch mal Teile dessen, was sie sagen wollen. Brasilianer dagegen pflegen laut Fernandes eine offene, das heißt sehr deutliche Sprechweise. Wer also Brasilianer mit seinem „Schul-Portugiesisch“ anspricht, muss damit rechnen, dass sie ihn nicht auf Anhieb verstehen.
Englisch löst Sprachbarriere-Problem nur bedingt
Brasilien-Touristen dürften sich im Land der Fußball-WM 2014 aber auch mit nur wenigen Brocken Portugiesisch verständigen können – weil Brasilianer in der Regel gastfreundlich sind und sich Mühe mit Fremden geben, wie Fernandes sagt. Worauf sich Brasilien-Reisende noch einstellen sollten: „Mit Englisch kommt man nicht überall durch, im Alltag auf der Straße ist das nicht so verbreitet.“
Unterschiede auch im Vokabular
Weitere Unterschiede birgt auch das Vokabular. „Frühstück“ zum Beispiel heißt auf Portugiesisch „pequeno almoço“ (kleines Mittagessen), auf brasilianisch aber „café da manhã“ (Morgenkaffee). Zu einem Bus sagt man in Portugal „autocarro“, in Brasilien dagegen „ônibus“. Hier noch mehr Vokabeln, die sich unterscheiden – zuerst die portugiesische, dann die brasilianische Variante:
Sport: o desporto – o esporte
Mannschaft: a equipa – o time oder a equipe
Fan: o adepto – o torcedor
Eckball: o canto – o escanteio
Tor: o golo – o gol
Torwart: o guarda-redes – o goleiro
Belegtes Brot: a sandes – o sanduíche
Saft: o sumo – o suco
Schinken-Käse-Toast: a tosta mista – o misto quente
Fernandes über Brasilien, Traditionen und die WM
„Im Alltag duzt man sich in Brasilien. Entsprechend nennt man die bekannten brasilianischen Fußballer nur beim Vornamen, also Diego, Ailton oder Lucio. Das „Sie“ gibt es aber auch, zum Beispiel an der Arbeitsstelle. In der Regel siezen junge Menschen die älteren, manchmal siezen auch Kinder ihre Eltern und Großeltern.“
„Zur Begrüßung in Brasilien gibt es mehr Körperkontakt als nur ein Händeschütteln, üblich sind Umarmungen und mindestens zwei Küsschen auf die Wangen. Man sagt auch, ein drittes Küsschen ist fürs Heiraten.“
Busfahrt in Großstadt gefährlich
„Wenn mein Mann und ich nach Brasilien fliegen, bin ich immer wieder erstaunt, wie viel sich dort verändert. Das Leben ist in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. Das liegt sicher auch am Wirtschaftsboom und an der Bereitschaft vieler Brasilianer, sich etwas zu leisten.“
„Viele Brasilianer werden die Spiele wahrscheinlich in der Öffentlichkeit sehen, zum Beispiel auf der Straße oder am Strand. Die teuren Tickets für die Stadien können sich die meisten wohl nicht leisten.“
„Mit normalen Bussen in einer Großstadt zu fahren, kann wirklich gefährlich sein, je nachdem durch welche Viertel die Busse fahren.“
Heute: besseres Bild von Deutschland
„Einerseits ist es schön, dass die WM in Brasilien stattfindet. Andererseits frage ich mich, ob sie diesen riesigen finanziellen Aufwand wert ist. Und wer verdient damit Geld? Auch all die kleinen Straßenverkäufer und Geschäftsinhaber? Vermutlich nicht.“
„Als ich jünger war, haben viele Brasilianer Deutschland vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht. Ich denke aber, dass die Brasilianer heute ein besseres Bild von den Deutschen haben, und das liegt bestimmt auch an der Fußball-WM von 2006. Da haben viele Brasilianer sehr viel Positives über Deutschland erfahren.“
Portugiesisch-Stammtisch in Würzburg
Gibt es eine brasilianische Community in Würzburg? Andreia Fernandes zumindest kennt keine. „Es gibt aber einen Portugiesisch-Stammtisch, der von deutschen Studenten organisiert wird.“ Das nächste Treffen des Stammtisches ist am Dienstag, den 1. Juli 2014, um 20 Uhr in der Katholischen Hochschulgemeinde KHG in der Hofstallstraße 4. Auf Facebook hat der Stammtisch eine offene Gruppe namens „Portugiesisch Stammtisch Würzburg“.
Infos über Andreia Fernandes
Andreia Fernandes (34) ist in der 300.000-Einwohner-Stadt Petrolina im Nordosten Brasiliens aufgewachsen. Die Region ist bekannt für ihre Obstplantagen, die Mangos in deutschen Supermärkten zum Beispiel stammen oft von dort.
Nach mehreren kürzeren Aufenthalten in Deutschland kam Fernandes 2004 zum Studium der Fächer Geschichte und Spanisch an die Universität Würzburg. Ihre Magisterarbeit schrieb sie über ein regionales Thema: „Schäfereien in Unterfranken und ihre ökonomische und ökologische Relevanz im 20. Jahrhundert“.
Ansprechpartner
Andreia Fernandes, Zentrum für Sprachen der Universität Würzburg, andreia.fernandes@uni-wuerzburg.de

