Poesie-Projekt „Weckworte“

Anzeige

Würzburg erleben

1. August 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Poesie alltäglich machen

Der 29-jährige Vollzeit- und Herzblut Poetry Slammer Lars Ruppel entwickelte das Poesie Projekt „Weckworte“ für Menschen mit dementiellen Veränderungen und brachte in zwei Workshops dreißig Schülerinnen der Maria-Ward-Realschule und des Ursulinengymnasiums das lebendige Vortragen von Gedichten nahe und ließ sie die Wirkung der Poesie auf Menschen mit Demenz erfahren.

Würzburg. “Gedichte sind Drehbücher, die wir inszenieren“, erklärt Lars Ruppel den Teilnehmerinnen seiner Weckworte-Workshops. „Wenn ich alt bin und nicht mehr in Konzerte gehen kann, möchte ich, dass die Konzerte zu mir kommen“, so Ruppel weiter „und ich will nicht nur Bekanntes, sondern auch Neues hören“. Der erfolgreiche Poetry Slammer entwickelte 2009 das Poesie-Projekt Weckworte für Menschen mit dementiellen Veränderungen und anderen geistigen Beeinträchtigungen. Seitdem ist er mit seinen Workshops in ganz Deutschland unterwegs und bringt Schülern, Pflegekräften und Angehörigen das lebendige Vortragen von Gedichten nahe.

Eva-Maria Pscheidl, Diplom-Pflegewirtin beim Caritasverband für Stadt und Landkreis Würzburg und zuständig für die Pflegeweiterentwicklung holte Ruppel bereits zum zweiten Mal nach Würzburg. Im Vorfeld hatte sie an beiden Schulen zu Formen einer demenziellen Erkrankung referiert und erklärt, wie man mit dementen Menschen agieren und auf sie reagieren kann. Das Projekt wurde finanziell unterstützt durch die Sparkassen Stiftung PS-Sparen sowie durch Dr. Hannig (Luitpold-Apotheke).

Was will das Poesie-Projekt Weckworte erreichen?

Ruppel will mit seiner „Alzpoetry“ Differenzen schließen. Er will Poesie alltäglich machen und versteht sie als kulturelle Aufwertung der Pflege. Vor allem aber will er seinem jeweiligen Gegenüber hundertprozentige Aufmerksamkeit schenken, Leben ins Wort bringen und Erinnerungen wecken.
„Es ist absolut großartig, wenn achthundert Zuschauer bei einem Poetry-Slam-Auftritt klatschen“, erzählt er den Schülerinnen der beiden Würzburger Schulen, „aber das ist Nix im Gegensatz zu einer dementen Person, die nicht kommuniziert, aber durch das, was ich mache, ‚wach‘ wird.“

Es ist wichtig, jeden einzelnen Senior in den Fokus zu nehmen

Ruppel steckt die Schülerinnen der neunten und elften Jahrgangsstufe der Maria-Ward-Realschule und des Ursulinengymnasium mit seiner Energie und seiner unglaublichen Präsenz an. Ein Workshop mit ihm dauert rund vier Stunden. Zum Warmwerden gibt er den Teilnehmerinnen eine kleine Kostprobe und rezitiert ein paar bekannte und weniger bekannte Gedichte, trägt eigene Texte vor, fordert sie auf, sich aus seinen mitgebrachten Gedichten eines auszusuchen und vorzutragen. Ruppel verdeutlicht sein Konzept mit vielen lebhaften Beispielen. Er gibt Tipps, geht auf die möglichen Defizite der Senioren im Bereich des Hörens, Sehens und Fühlens ein und erklärt, dass es gerade deshalb so wichtig ist, sich beim Vortragen auf jeden einzelnen Senior zu fokussieren.

Eine kleine Reise in die Erinnerung

Nach zwei Stunden Entwicklung und Erarbeitung von Vortragskonzepten, geht es in die Anwendung. Ruppel und seine Workshop-Teilnehmerinnen schenken zwei Seniorengruppen, einer im ABZ Heiligkreuz und einer im Caritas-Seniorenzentrum St. Thekla, je eine vergnügliche Poesie-Stunde. Nachdem jeder einzelne im Publikum von jedem persönlich begrüßt wurde, nehmen Schülerinnen zwischen den Demenzkranken Platz. Und dann geht es los. Eine Stunde lang bietet Ruppel sich als Fixpunkt für sein Publikum an. Er schreitet durch den Kreis, erzählt kleine Anekdoten, erfindet Geschichten, lässt durch Worte Bilder im Kopf entstehen und rezitiert Gedichte, die er durch Mimik und Gestik gekonnt und humorvoll unterstreicht. Immer wieder geht er durch den Kreis, nimmt Blickkontakt auf, berührt Hände, bezieht die Menschen in seine Geschichten und Lieder ein, nimmt sie mit auf eine kleine Reise in eine Erinnerung, die bei den meisten von ihnen im Alltag oft nicht zugänglich ist. Unterstützt wird er durch die fünfzehn bis achtzehn-jährigen Mädchen, die Gedichte von Erich Fried, Hans Dieter Hüsch oder Joseph von Eichendorff vortragen.

Poesie entsteht im Herzen

Nach einer temporeichen Poesie-Stunde ist die gute Laune im Raum förmlich greifbar. „Der hat’s drauf“, ruft ein 82-jährige fröhliche Frau, die viele Texte mitsprechen konnte, begeistert. Eine andere bedankte sich mit Tränen in den Augen, für den wundervollen Nachmittag: „Das war mal was anderes und hat viel Spaß gemacht.“
Auch für die Weckworte-Teilnehmerinnen war es ein besonderer Nachmittag, den Theresa in die Worte fasst: „Es ist schön, zu erleben, wie Erinnerungen erwachen und wie froh und dankbar die Menschen uns für diese fröhliche Stunde sind.
Auch Ruppel ist zufrieden. „Die Schülerinnen haben das total gut gemacht, die Leute im Publikum waren beeindruckt.“ Und er fügt hinzu: „Jedes Gedicht ist geeignet, wichtig ist, das ich Freude habe am Vortragen. Die Poesie entsteht im Herzen.“

Banner2
Topmobile2