Würzburger 24-Stunden-Läufer erobert Griechenland

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Würzburg erleben

16. Oktober 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

260 km, 24 Stunden – Florian läuft und läuft und läuft

Florian Reus ist gebürtiger Würzburger und außerdem Ultramarathonläufer. Seine Spezialität sind 24-Stunden-Läufe. Ja, Ihr lest richtig und Nein, das ist kein Tippfehler – und es wird noch verrückter. In diesen 24 Stunden läuft er in etwa 260 km – am Stück. So geschehen Ende September beim Spartathlon in Griechenland, bei dem insgesamt 246 km von Athen nach Sparta zurückgelegt werden und die Teilnehmer dafür höchstens 36 Stunden brauchen dürfen. Wir haben Florian befragt, zu seiner Sportart, seiner Heimat und seiner Lieblings-Laufstrecke durch Würzburg.

Trainingsstrecke in Würzburg? 40 km in 4 Stunden

Würzburg erleben: Du wohnst laut deiner Webseite bei Frankfurt/Main, kommst du noch öfter in 
deine Heimatstadt Würzburg? Wenn ja, warum und was vermisst du an 
Würzburg?

Florian Reus: Da fast meine ganze Familie in Würzburg wohnt, versuche ich, mehr oder weniger regelmäßig, in die Heimat zu kommen. Leider schaffe ich es aber aus zeitlichen Gründen zurzeit nur ziemlich selten, in Richtung Franken zu fahren. In diesem Jahr kann ich die Heimatbesuche bislang an einer Hand abzählen und ich hoffe, dass ich es in absehbarer Zeit wieder häufiger einrichten kann. Umso mehr freue ich mich schon jetzt auf die Zeit zwischen den Jahren, wo ich dann auch endlich wieder mal über mehrere Tage am Stück in Würzburg bin.

Auch wenn mir das Leben in einer sehr modernen Gesellschaft im Rhein-Main-Gebiet gut gefällt, ist für mich Würzburg immer noch die absolute Lieblingsstadt. Gerade seitdem ich nicht mehr in Würzburg lebe, nehme ich die Stadt bei meinen Heimatbesuchen viel intensiver wahr. Ich freue mich dann über das besondere Flair – oder einfach den vertrauten Dialekt zu hören – auch wenn ich mittlerweile nicht mehr in Würzburg lebe, wird die Stadt, in der aufgewachsen bin, immer meine Heimat sein.

WE: Was ist dein Lieblingsort in Würzburg?

FR: Für mich gibt es in Würzburg eigentlich nicht den einen Lieblingsort. Ich habe jedoch schon seit Jahren rund um Würzburg eine Trainingsrunde über rund 40 Kilometer, bei denen ich bewusst einige meiner Lieblingsorte ansteuere. Sie führt mich zuerst über die Annaschlucht hoch zur Frankenwarte, am Käppelle vorbei wieder zum Main. Nach dem Burkarder Tor geht es dann durch die Weinberge hoch zur Festung und später durch das ehemalige Gelände der Landesgartenschau 1990. Danach geht es weiter zum Kloster Oberzell und vorbei am Schenkenturm, um nach dem Passieren des Dürrbachtals die Steinburg zu erreichen. Durch den Ringpark und den Hofgarten geht es weiter nach Randersacker, und dann über die Staustufe wieder auf die linke Mainseite zu kommen. In weniger als vier Stunden komme ich so an mehreren wunderschönen Aussichtspunkten über Würzburg vorbei. Bei diesen Läufen nehme ich mir dann auch immer die Zeit, das zu genießen, manchmal unterbreche ich sogar kurz das Training, um noch einen Abstecher durch die Gewächshäuser des Botanischen Gartens zu machen.

 

WE: Wie wird man Ultramarathonläufer und was kann sich ein Laie 
darunter vorstellen?

FR: Ganz grob gesagt, zählen alle Distanzen, die die Marathonmarke von 42,195 Kilometer überschreiten, zum Ultramarathon. Ich selbst habe mich schon seit einigen Jahren auf den 24-Stunden-Lauf als Hauptdisziplin spezialisiert. Dabei geht es darum, innerhalb der vorgegebenen Zeit auf einem Rundkurs von meist 1,5 bis 3 Kilometern möglichst viele Kilometer zu sammeln, wobei in meinem Fall um die 260 Kilometer zusammenkommen. Da die besten internationalen 24-Stunden-Läufer zusätzlich auch meist beim Spartathlon starten, hat mich auch dieser Lauf in seinen Bann gezogen, da er mittlerweile schon so etwas wie eine zusätzliche inoffizielle Meisterschaft darstellt.

„Es ist immer etwas möglich“


WE: Du läufst ja unglaubliche Distanzen, wie ist sowas überhaupt auszuhalten?

Ein entscheidender Faktor ist auf jeden Fall die Erfahrung. Da habe ich den Vorteil, dass ich, obwohl ich mit meinen 30 Jahren zwar noch zu den Jungen im Ultralauf gehöre, mittlerweile auf fast 20 Läufe mit einer Größenordnung von 24 Stunden verteilt auf die letzten 10 Jahre zurückblicken kann. In den Anfangsjahren hab ich schon auch mal den einen oder anderen Lauf abgebrochen.

Mittlerweile weiß ich aber aus meiner Erfahrung heraus, dass immer etwas möglich ist. Oft macht man schon nach 12 Stunden im Wettkampf eine Phase durch, in der man sich schon total kraftlos fühlt und man eigentlich gar nicht mehr daran glauben kann, noch ein gutes Ergebnis zu erzielen. Da ich diese Situation aber mittlerweile schon oft genug erlebt habe und am Ende oftmals doch noch ein Topergebnis herauskam, fällt es mir heute viel leichter, Ruhe zu bewahren und mein eigenes Ding durchzuziehen. Für mich macht unter anderem auch genau diese hohe Bedeutung des mentalen Aspekts die Faszination an meiner Sportart aus.

WE: Und ist das nicht gefährlich?

FR: 
Über genau diese Frage habe ich auch schon jahrelang nachgedacht. Mittlerweile bin ich aber der Überzeugung, dass die Ausübung dieses Sports sogar gesünder ist, als gar keinen Sport zu betreiben. In der Ultramarathonszene gibt es viele Läufer, die diesen Sport vor über 20 Jahren auf einem guten Leistungsniveau ausgeübt haben und auch heute noch mehr oder weniger regelmäßig an Ultraläufen teilnehmen. Wenn man bedenkt, dass genau diese Läufer teilweise ihren 60. Geburtstag schon hinter sich haben, scheint die Gesundheit dieser Personen wohl deutlich besser zu sein, als die des gesellschaftlichen Durchschnitts.

An mir selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich in den ersten Jahren als Ultraläufer mir schon immer wieder verschiedene Überlastungserscheinungen wie z. B. Knochenhautreizungen eingefangen habe. Mittlerweile betreibe ich meinen Sport mit einem deutlich höheren Aufwand, habe aber schon seit vielen Jahren keine der klassischen Überlastungsverletzungen mehr gehabt. Von daher gehe ich davon aus, dass der Körper sich über die Jahre an die Belastungen gewöhnt hat. Die Grundvoraussetzung, um den Sport lange Zeit ohne Verletzungen ausüben zu können, ist jedoch ein gewisses Maß an Vernunft hinsichtlich Wettkampfhäufigkeit und Trainingsgestaltung. Deshalb laufe ich in der Regel auch maximal zwei dieser ganz langen Ultramarathons pro Jahr.


7.000 km Laufstrecke pro Jahr

WE: Wie trainiert man für so einen Ultramarathon eigentlich?

FR: In der Regel absolviere ich, außer in den Regenerationsphasen, zwei Trainingseinheiten pro Tag. Zusätzlich zu den Laufeinheiten kommen ergänzende Maßnahmen wie Kräftigen und Dehnen mit dazu. Eine Trainingswoche in der Vorbereitungsphase auf einen Wettkampf enthält irgendwas zwischen 140-250 Kilometer, worin eine lange Einheit mit einer Distanz zwischen 40 und 80 Kilometer enthalten ist. Auf ein komplettes Jahr gerechnet komme ich auf etwa 7.000 Kilometer. So investiere ich zwar sehr viel Zeit und vor allem Energie in meinen Sport, allerdings ist das auch nicht mehr als in den meisten anderen Wettkampfsportarten, wenn man diese mit hohen Ambitionen ausübt.

WE: Du hast erst kürzlich beim Spartathlon teilgenommen! Erzähl doch 
einfach mal davon, was genau ist das und was hat man da für ein 
Feeling und bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

FR: Der Spartathlon, der über eine Distanz von 246 km führt, findet schon seit 32 Jahren immer am letzten Freitag im September statt. Der Lauf startet an der Akropolis in Athen und das Ziel ist mit dem Berühren des Fußes der Leonidas-Statue in Sparta erreicht. Einige der Hauptherausforderungen sind die Hitze und der Sangaspass, der nach 160 Kilometern in der Dunkelheit über gerölligem Untergrund überquert werden muss. Ich selbst habe mir das Ziel gesetzt, die schnellste jemals von einem deutschen Läufer gelaufene Zeit von 24:20 Stunden zu verbessern und im Idealfall sogar die 24-Stunden-Marke zu knacken. Letztendlich konnte ich nach 23:57 Stunden das Ziel in Sparta erreichen, was ein total emotionales Erlebnis war. Es ist zwar etwas schade, dass die Zeit trotzdem genau wie im letzten Jahr „nur“ für den zweiten Platz gelangt hat, aber das hat man halt nicht selbst in der Hand.

WE: Du bist sehr erfolgreich in deiner Sportart, aber kaum jemand hat je von 24-Stunden-Läufen gehört. Warum ist diese Sportart relativ unbekannt?

FR: Der 24-Stunden-Lauf ist, obwohl schon seit einigen Jahren Welt- und Europameisterschaften mit einem vergleichsweise hohen Leistungsniveau ausgetragen werden, wirklich sehr unbekannt. Ein Grund  dafür ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass sich diese Disziplin am Schnittpunkt zwischen Wettkampfsport, bei dem es vor allem um Ergebnisse geht und Extremsport, welcher hauptsächlich auf das Erleben und Grenzen überwinden abzielt, zu verorten ist. Ich selbst betreibe meinen Sport in allererster Linie mit den Motiven eines Leistungssportlers, d. h. mich fasziniert es, sich mit besten Wissen und Gewissen vorzubereiten, um dann am Tag X die möglichst optimale Leistung abrufen zu können. Dementsprechend bewundere ich auch ein wenig die Ironmanszene im Triathlon, da mittlerweile die Langdistanzwettkämpfe in der öffentlichen Wahrnehmung absolut als seriöser Leistungssport betrachtet werden.

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