Am 29.10.1914: Würzburg und der 1. Weltkrieg

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Würzburg erleben

28. Oktober 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Würzburg und der Erste Weltkrieg am 29. Oktober 1914

Ein 18-jähriger Student aus Würzburg liegt in Nordfrankreich in einem Schützengraben und fiebert seinem ersten Sturmangriff entgegen. Ein 27-jähriger Würzburger kommt in ein belgisch-französisches Grenzstädtchen, wo er mit Tausenden anderen bayerischen Soldaten ein Jahr lang stationiert sein wird. Ein 33-jähriger Schotte liegt halbgelähmt in einem Lazarett in Nordfrankreich und erhält Besuch von seinem Lebensretter. Wenig später ist er Gefangener in Würzburg. Der 25-jährige Adolf Hitler wird in seinen ersten Kampf geschickt, dessen Verlauf er später hemmungslos manipulieren wird.

Das alles geschieht heute vor 100 Jahren, am 29. Oktober 1914, einem regnerischen Donnerstag. Die vier Männer sind sich nie begegnet. Doch ihre Geschichten werfen ein jeweils ganz unterschiedliches Licht auf alltägliche Begebenheiten im Ersten Weltkrieg.

„Hitlers erster Krieg“

Der Historiker und „würzburg erleben“-Mitarbeiter Roland Flade hat die Aufzeichnungen gesammelt und veröffentlicht sie – zusammen mit Augenzeugenberichten aus dem Jahr 1944 – täglich auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“. Die Erlebnisse Hitlers sind dem 2010 erschienenen Buch „Hitlers erster Krieg“ von Thomas Weber entnommen.

Im Sommer 2014 hat Flade zudem einige dieser Schauplätze besucht. Bei Ypern fand er eine rekonstruiertes Grabensystem mit kleinen Betonbunkern, das bayerische Truppen im Herbst 1914 angelegt haben; sie gaben ihm den Namen „Bayernwald“, den die Örtlichkeit noch heute trägt.

Der Student Richard Rosenburg hat im Sommer 1914 ein Semester lang Jura und Philosophie in Würzburg studiert und ist dann als Freiwilliger nach kurzer Ausbildung in den Krieg gezogen. Am 29. Oktober 1914 liegt er bei dem Dorf Fournes-en-Weppes in der Nähe von Lille in einem Schützengraben. Er will sich beweisen, will allen zeigen, dass er ein richtiger Mann ist, obwohl er weiß, dass er sterben könnte.

 

 

„Seitengewehr pflanzt auf!“

In einiger Entfernung steht ein in Brand geschossenes Haus in Flammen. In seinem Tagebuch schildert der 18-Jährige die aufregenden Minuten vor dem erhofften Sturm:

„Umschnallen, Gruppen, Züge einteilen und ‚Seitengewehr pflanzt auf!’. Der blutige Kampf soll beginnen und bangfrohe Erwartung in jedem.“ Doch der Sturm, es wäre sein erster, wird zu Rosenburgs Enttäuschung abgesagt. Der 18-Jährige weiter: „Um 4 Uhr kommt vom Leutnant der Befehl zum Abrücken. Auf flachem Felde starkes Feuer. Wenige Meter entfernt schlagen Geschosse ein. Mich lassen sie eigentlich ganz kühl, etwa wie Hagelgeschosse, doch wird es einige Male recht ungemütlich.“

Hinter der Front angekommen, sind die Soldaten völlig erschöpft: „Der Mantel ist total nass, das Knie feucht und der ganze Kerl dreckig. Und wie! Wir sind zu müde, um den ganzen Dreck abzuschaben.“

 

Ganz anders die Situation des 27-jährigen Würzburger Berufssoldaten Adelbert Gümbel. Der Schreiber des Divisionsarztes befindet sich stets hinter der Front. Gümbel hat seine 20-jährige Frau Maria und den wenige Monate alten Sohn Wilhelm in Würzburg zurücklassen müssen und ist mit den bayerischen Truppen in Frankreich und Belgien einmarschiert.

An jenem 29. Oktober 1914 kommt Gümbel in das von Deutschen besetzte belgisch-französische Grenzstädtchen Comines, 15 Kilometer von Ypern entfernt, und bezieht im belgischen Teil der Stadt ein Zimmer im Haus eines Landwirts und Fuhrunternehmers. Dieser und seine Familie müssen sich notgedrungen mit den deutschen Besatzern arrangieren.

„Es war ein recht hübsches Quartier und unser Hauswirt war äußerst entgegenkommend“, schreibt Gümbel später in seiner Kriegschronik. „Im Parterreraum des Hauses befand sich eine hübsche und sauber gehaltene Küche, deren Vorplatz mit alten, buntbemalten Porzellantellern geschmückt war. Unsere Kost, die wir an der Verpflegungsstelle in natura fassten, wurde in ausgezeichneter Weise von der Hausfrau zubereitet.“

„Anstoßend an die Küche befand sich ein kleines, ‚besseres’ Zimmer. Hier stand ein Piano, und auf diesem spielte außer mir, dem Generaloberarzt und dem Oberarzt, auch öfters die kleine 14-jährige Jeanne. Dazu sang sie ein französisches Liedchen, dessen Melodie mir heute noch in den Ohren klingt.“

Comines im Sommer 2014. Foto: Roland Flade

Comines im Sommer 2014. Foto: Roland Flade

Adolf Hitler maschiert auf Geluveld zu

Soweit die Situation in der „Etappe“, hinter der Front. Zehn Kilometer entfernt marschiert Adolf Hitler, Angehöriger des bayerischen Reserveinfanterieregiments 16, an jenem 29. Oktober 1914 auf das belgische Dorf Geluveld zu, das von den Briten gehalten wird. Die österreichischen Behörden hatten ihn wegen seiner schlechten körperlichen Verfassung als untauglich für den Militärdienst eingestuft, doch in Bayern war er akzeptiert worden.

Das deutsche Heer setzt alles daran, an diesem Punkt die feindlichen Linien zu durchbrechen. Kaiser Wilhelm wartet wenige Kilometer hinter der Front auf den triumphalen Einzug in Ypern.

Dazu wird es, trotz des späteren Einsatzes von Giftgas und der völligen Zerstörung Yperns durch Artilleriebeschuss, bis zum Ende des Krieges nie kommen. An diesem Donnerstag stehen die Chancen besonders schlecht, denn die Briten wissen von dem bevorstehenden Angriff, weil sie am Vortrag eine deutsche Funkmitteilung abgefangen haben.

349 Angehörige des Regiments gefallen

Als die Bayern über die Felder bei Geluveld stürmen, mäht eine britische Maschinengewehreinheit reihenweise Angreifer nieder. Während des ganzen Tages sind die Bayern in Kämpfe Mann gegen Mann verwickelt; allein an diesem 29. Oktober fallen 349 Angehörige des Regiments, viele durch eigenes Feuer.

Hitler wird später behaupten, alle Mitglieder seines Zuges, außer ihm, seien gefallen – eine maßlose Übertreibung. Thomas Weber, der zahlreiche Berichte über die vier Tage andauernde Schlacht ausgewertet hat, schreibt, der kaum ausgebildete Hitler habe „nicht aufgrund überlegenen Kampfgeschicks überlebt“, sondern weil er sich „im richtigen Augenblick wegzuducken verstand“.

Am 29. Oktober 1914 liegt der halbgelähmte schottische Offizier Malcolm Hay in einem Lazarett in der von Deutschen besetzten nordfranzösischen Stadt Cambrai. Bei Nachgefechten der Schlacht von Mons ist er am 27. August 1914 in der Nähe, an der Straße zwischen Caudry und Beaumont, lebensgefährlich verletzt worden. Er ahnt nicht,  dass er – immer noch schwer krank – im Januar 1915 nach Würzburg kommen wird, wo er mit anderen französischen und britischen Offizieren als Kriegsgefangener auf der Festung inhaftiert wird.

Ein Spaziergang nach Beaumont

An jenem 29. Oktober erhält Hay im Lazarett in Cambrai Besuch von dem Mann, der den Verwundeten damals gesucht und geborgen hatte. Der Tierarzt Heloire berichtet Hay am Krankenbett, was danach geschah: „Mehrere Tage lang bat mich meine kleine Enkelin, die erst acht Jahre alt ist, dass ich sie zu jenem Ort führen sollte, wo grandpère den armen verwundeten Offizier gefunden hatte. An einem Sonntagnachmittag, als das Wetter gut war, machten wir einen Spaziergang entlang der Straße von Caudry nach Beaumont, an die Sie sich so gut erinnern müssen.“

„Als wir den Ort erreicht hatten, den Graben am Straßenrand, wo ich Sie am Morgen nach der Schlacht nach langer Suche fand, bat mich mein kleines Mädchen, ihr genau den Ort zu zeigen, wo Sie gelegen hatten. Sie pflückte an dieser Stelle etwas Gras und einige Wildblumen, die sie als Andenken an Großvaters verwundeten Soldaten behalten wollte.“

Als Gefangener in die Festung

Malcolm Hay kommt im Januar 1915, immer noch halb gelähmt, als Gefangener auf die Festung in Würzburg. Im folgenden Monat wird er ausgetauscht. In London übernimmt er die Leitung der für die Dechiffrierung feindlicher Nachrichten zuständigen Abteilung im englischen Kriegsministerium. Über seine Verwundung und die Gefangenschaft in Würzburg berichtet er 1915 in dem Buch „Wounded and a Prisoner of War“, das zunächst nur anonym erscheinen darf.

Kriegstagebücher

Der Student Richard Rosenburg fällt am 4. Dezember 1914 an der russischen Front, wohin seine Einheit verlegt worden ist. Sein Kriegstagebuch wird 1917 von der Würzburger jüdischen Studentenverbindung „Salia“, deren Mitglied er war, veröffentlicht.

Adelbert Gümbel kehrt Ende 1915 zu seiner Frau Maria und dem Sohn Wilhelm zurück und arbeitete in verschiedenen Würzburger Reservelazaretten. Sein Kriegstagebuch befindet sich heute im Staatsarchiv Würzburg.

 Darstellung Hitlers in „Mein Kampf“

Adolf Hitler wird keine weitere Schlacht als Frontsoldat erleben; den Rest des Krieges verbringt er als Meldegänger beim Regimentsstab, also hinter der Front. In dieser Eigenschaft muss er hauptsächlich Mitteilungen zu den Hauptquartieren der verschiedenen Bataillone des Reserveinfanterieregiments 16 bringen. Dazu Thomas Weber: „Das bedeutete nicht, dass Hitler nie bis an die Front zu einem Schützengraben laufen musste, aber normalerweise war das nicht seine Aufgabe. Die größte Gefahr für ihn waren hinter der Front einschlagende Artilleriegeschosse, nicht jedoch Gewehr- und Maschinengewehrfeuer oder die anderen großen Bedrohungen für das Leben der Frontsoldaten, darunter Minenexplosionen unter den Schützengräben.“

In seinem Buch „Mein Kampf“ stilisierte er sich dennoch zum Frontsoldaten, der vier Jahre lang das Schicksal seiner Kameraden in den Gräben nah am Feind geteilt hat. Die nationalsozialistische Propaganda verbreitet diese Lüge bis zu Hitlers Tod – bezeichnenderweise durch eigene Hand und nicht, wie von Goebbels behauptet, im Kampf gegen die Russen.

Die Stadt Ypern (flämisch: Ieper, französisch: Ypres) wird nach dem Krieg weitgehend originalgetreu wieder aufgebaut.

„Würzburg und der erste Weltkrieg“

Roland Flade hat mit Hilfe der Würzburger Schauspieler Britta Schramm und Rainer Appel auch ein 15-minütiges Video „Würzburg und der Erste Weltkrieg“ erstellt und auf YouTube hochgeladen.

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