Obdachlos: Eine junge Frau teilt ihre Erfahrung

Anzeige

Würzburg erleben

31. Oktober 2014

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Obdachlosigkeit in Würzburg

Wir hatten kürzlich einen Facebook-Post zum Thema Obdachlosigkeit und Hilfsbereitschaft in Würzburg, der eine große Diskussion hervorrief. Insbesondere der von manchen geäußerte Vorwurf „Selber Schuld“ führte zu heftigen Kommentaren. Triny schrieb in direkter Reaktion darauf, dass auch sie von Obdachlosigkeit betroffen war und dieses Schicksal einen schneller ereilen kann, als so mancher denken würde. Wir wollten das genauer wissen. Triny hat deshalb diese ganz persönlichen und emotionalen Erfahrungen für Euch in einem Gastbeitrag niedergeschrieben:

„Vom Leben auf der Straße und zurück

Ich zog im Oktober 2008 nach Würzburg, genau genommen nach Lengfeld. Wohnte dort mit meinem damaligen Freund zusammen. Wir lebten uns sehr schnell auseinander, da er viel Spätschicht arbeitete und ich nur halbtags beschäftigt war. Ich arbeitete in einem Hotel in Kitzingen, war jedoch meistens schon um 14 Uhr wieder Zuhause. So wie es kommen sollte, lernte ich an einem Tag im März 2009, einen meiner besten Freunde kennen. Er fragte mich an der Bushaltestelle nach einer Zigarette, worauf ich nur antwortete: „Gegen einen Schluck von deinem Met gerne“.

Wie alles anfing…

Wir stellten fest, dass wir Nachbarn waren. Wir hatten gerade beide Arbeitsschluss und beschlossen daher, ein wenig zu quatschen und uns kennenzulernen. Hört sich alles ulkig an und so war es auch. Ich hatte knapp ein halbes Jahr keine neuen Leute kennengelernt, bis zu diesem Tag. Es stellte sich heraus, dass er die Leute vom Bahnhof kannte, da er dort seinen besten Freund sitzen hatte. Den wollte er mir unbedingt vorstellen. Gesagt getan, also fuhren wir abends noch in die Stadt. An diesem Tag hat alles angefangen, langsam aber stetig. Danach blieb ich jeden Tag nach der Arbeit am Bahnhof, am Anfang immer nur ein paar Stunden, dann immer länger und teilweise kam ich abends sturzbetrunken nach Hause. Ich muss dazu sagen, dass ich, durch meinen damaligen Lebensstil, dem Alkohol auch davor schon viel Aufmerksamkeit schenkte.

Erst Umzug, dann heimatlos

Es kam wie es kommen sollte, ich verliebte mich natürlich dort in Jemanden. Dann hatte es auch nicht mehr lange gedauert, bis ich meinen damaligen Freund verließ und aus meiner normalen Wohnung ins „Punkhaus“ zog. Leider konnte ich mich dort nicht lange wohlfühlen. Einen Monat später wurde das Haus angezündet und sieben Personen landeten auf der Straße. Als wir den Anruf bekamen, das Haus stünde in Flammen, glaubten wir es nicht.

Erst als wir mit Nachdruck gesagt bekommen haben, dass es tatsächlich stimmt, machten wir uns so schnell wie es ging auf den Weg. Als wir ankamen war die Feuerwehr schon beim Löschen und wir konnten nur noch zusehen wie unser aller Hab und Gut vom Feuer zerstört wurde. Erst eineinhalb Monate später durften wir mit Aufsicht ins Haus, um etwaige Dinge zu retten. Mich hat es nicht ganz so schlimm getroffen, da es bei uns im Zimmer nicht brannte, aber dennoch hat das Löschwasser ganze Arbeit geleistet. Es war so gut wie nichts mehr zu retten.

Zufluchtsstätte „Underground“

An diesem Tag, als das Haus abbrannte, wandelte sich mein ganzes Leben. Die einen werden jetzt denken, warum ging Sie nicht zu ihren Eltern, Freunde etc? Wäre schön gewesen wenn, aber manche Dinge gehen einfach nicht. Seit diesem Tag waren wir mit Zelt und Seesack unterwegs. Da „Wildcampen“ ja verboten ist, wurde auch das mit der Zeit zu einem Problem. Konnten natürlich hin und wieder bei Freunden schlafen, denn nicht alle, die am Bahnhof sitzen, haben keine Wohnung oder Arbeit. Auch im Winter besserte sich unsere Lage nicht, im Gegenteil. Mal hier, mal da schlafen, oder eben dick eingekuschelt unter irgendeiner Brücke. Waschen und Essen konnten wir im „Underground„. Natürlich hat man in dieser Situation versucht alleine da durch zukommen, was aber ganz klar nicht ging.

„Ohne festen Wohnsitz“

Zu diesem Zeitpunkt war ich schon eine hochkarätige Alkoholikerin. Schnorren stand auf dem Tagesplan, sowie andere illegale Dinge. Jetzt kommen wir aber mal zu dem Mysterium, dass es ja ganz leicht ist eine Wohnung zu finden und Hartz 4 zu beziehen. Wenn du auf der Straße lebst, steht auf deinem Ausweis keine Anschrift mehr, sondern „ohne festen Wohnsitz“. Gehst du mit diesem zum Jobcenter wirst du abgelehnt. Also kein gleiches Recht für alle. Man wird leider als Assi gesehen, obwohl die Menschen deine Geschichte nicht kennen.

Es gibt Viele, die sich für ein Leben auf der Straße entscheiden, um ihr eigenes Leben so führen zu können, wie Sie es wollen. Das klappt natürlich nur teilweise, da wir ja Gesetze haben. Eines davon besagt leider, dass solche Leute keinen Anspruch auf Harzt 4 haben, da es ja sowas wie Tagessatz für diese Menschen gibt. Erst mit einem gültigen Mietvertrag bekommt man Hartz 4 und somit die Chance, sein Leben wieder auf die Beine zu stellen. Bei mir hat dieser Kampf zwei Jahre gedauert. In diesen zwei Jahren war ich zweimal im Gefägnis. Unter anderem wegen Schwarzfahren, Diebstahl und Beamtenbeleidigung.

Der Weg zurück

Als ich das zweite Mal aus dem Gefägnis kam, lernte ich einen anderen besten Freund lieben. Er ist heute noch mein Partner. Wir fanden einen Vermieter der bereit war, uns ein Dach über den Kopf zu geben. Ich bekam eine Eingliederungsphase zurück in die Arbeitswelt und, keine 2 Monate später, arbeitete ich in der A.J.A.

Nachdem alles immer geregelter lief in unserem neuen Leben, dauerte es nicht allzu lange und ich wurde schwanger. Wir zogen dann raus aus Würzburg und bauten uns unser Leben weiter auf. Das war im Jahre 2011.Jetzt, drei Jahre später, ist unser Sohnemann zweieinerhalb Jahre alt. Wir sind immer noch eine Familie, was sich auch nicht mehr ändern wird, und stehen mitten im Leben. Bald steige auch ich wieder in die Arbeitswelt ein, worauf ich mich sehr freue.

Ich hoffe ich konnte mit meiner Geschichte den Menschen das Thema Obdachlosigkeit etwas näher bringen, und so mancher denkt vielleicht beim nächsten mal, wenn er am Bahnhof entlang geht, etwas anders.“

Ein Gastbeitrag von Sabrina (Triny).

Sendet uns Euer Thema

Habt Ihr auch ein besonderes Thema am Herzen oder eine Geschichte zu erzählen? Wir wollen sie hören und mit unseren Fans teilen. Schreibt uns doch an redaktion@wuerzburgerleben.de.

Banner2
Topmobile2