Axel Gerling: Seelsorger, Feingeist und Agrarpionier
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Würzburg erleben
12. November 2014

Symbolbild Würzburg
Pfarrei des „Padre Alejo“ in Aramasi
Pfarrer Axel Gerling ist vor 40 Jahren von der Diözese Würzburg nach Bolivien entsandt und dort geblieben. Inzwischen ist er 69 Jahre alt und in Bolivien als „Padre Alejo“ bekannt. Die Pfarrei des gebürtigen Karlstädters ist in Aramesi, ein Indiodorf, das zwei Fahrstunden von Cochabamba entfernt ist. Wo einst der Hof eines Großgrundbesitzers war, befindet sich heute ein rustikales Anwesen mit Pfarrhaus, Pfarrbüro, Gemeindesaal und einem interessanten Gartenprojekt drumherum.
„Lateinamerika ist das Land für mich“
Gerling, graue Locken unter dem Strohhut, grauer Bart, ruht in sich und ist gleichzeitig charmant quirlig. Ein Original, eine „Marke“, ein Mann, der vor Geschichten nur so übersprudelt. Er gehört der Generation von Theologen an, die in der wilden Zeit um 1968 herum studiert haben. „Es war die Zeit der Revolution. Wir waren beeindruckt von Che Guevara und Ho Chi Minh“, erzählt er. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt in Mexiko, um Spanisch zu lernen. „Da war ich sechs Monate, es war herrlich, und dann habe ich gesagt: Lateinamerika ist das Land für mich.“ Und warum? „Es war mir zu eng in Unterfranken. Ein typisches Beispiel: In Karlstadt gibt es ganz enge Gassen. Und – das ist allerdings eine Interpretation im Nachhinein, nach 40 Jahren – ich wollte einfach Luft, Freiheit, einfach weg.“
Viele Priester aus Würzburg nach Südamerika gereist
Damals ist eine ganze Reihe von Priestern aus dem Bistum Würzburg nach Südamerika gegangen. Männer, die, wie Domkapitular Christoph Warmuth während der Südamerikareise immer wieder sagt, das „Missionars-Gen“ haben. Individualisten, Abenteurer, unruhige Geister. Auch Gerling erhielt vom damaligen Würzburger Bischof Josef Stangl die Erlaubnis für den Missionseinsatz.
Nicht nur eine Form des Glaubens wie in Unterfranken
In Bolivien erlebte er zunächst eine Überraschung: „Die Volksfrömmigkeit war damals bei uns nicht so angesehen. Und hier traf ich nur auf Volksfrömmigkeit: Prozessionen, Rosenkranz, Gebete, der ‚Engel des Herrn‘. Da habe ich mich erst einmal geweigert. Aber dann sind meine Träume schon in Erfüllung gegangen. Hinter dieser Volksfrömmigkeit steht ein Volk, das ganz selbstverständlich glaubt und viele Formen des Glaubens zulässt, nicht nur eine Form wie in Unterfranken.“
Mischkultur: Katholischer Glaube & alte Religion verwoben
Die indigenen Völker der Quechua und Aymara sind seit 500 Jahren christlich missioniert und trotzdem auch ihren alten Glaubensvorstellungen weiter verhaftet. Religiöse Vorstellungen, die ganz eng mit der Natur und ihren Erscheinungen verbunden sind. „Es ist eine Mischkultur“, erklärt Gerling. „Katholischer Glaube und die alte Religion sind miteinander verwoben. Man betet den Rosenkranz, und danach betet man die Pachamama an.“
Religiös in zwei Welten zu Hause
In der Welt der Hochanden begegnet einem die „Pachamama“ ständig. Es ist die Mutter Erde, eine weibliche Gottheit, die das Leben repräsentiert. In gewisser Hinsicht vermischt sie sich heute mit Maria, der christlichen Muttergottes – das aber nur teilweise. Die indigenen Völker verehren sie nach wie vor eigenständig als Urprinzip des Lebens. Pfarrer Gerling ist seit 40 Jahren damit konfrontiert, dass die Menschen in den Anden religiös in zwei Welten zu Hause sind. Er jongliert mit diesen Widersprüchen, scheint sich manchmal daran zu reiben, aber sie gehören zu seinem Leben.
Bischöflicher Finanzdirektor und Pfarrer
In Cochabamba ist Gerling mittlerweile Bischöflicher Finanzdirektor in der Verwaltung der Diözese. Doch es zieht ihn immer wieder hinauf nach Aramasi. Dort ist er dann der Pfarrer für die Menschen, die fast alle Bauern sind und mit kargen Lebensbedingungen zurechtkommen müssen.
Humorvoller Feingeist und Agrarpionier
Gerling ist ein humorvoller Feingeist, mit dem man sich über Bücher und die Musik Gustav Mahlers unterhalten kann. Er ist aber auch ein Praktiker. Zusammen mit seinem Schwager Ricardo, einem Agraringenieur, hat er im Pfarrgarten über Jahre hinweg ausprobiert, ob sich den Böden im Hochland nicht doch mehr abringen lässt, als es den Indiobauern durch die Jahrhunderte hinweg gelungen ist. Durch die massive Abholzung sind die Bergabhänge von Bodenerosion zerfressen. Die ökologisch-nachhaltigen Landwirtschaftsprojekte, die Gerling angestoßen hat, werden seit langem vom Hilfswerk Misereor unterstützt und haben sogar Widerhall in der internationalen Presse gefunden.
Kartoffelertrag vervielfacht
Man hat Bewässerungsmethoden entwickelt, um der Wasserknappheit Herr zu werden, und man hat den Bauern beigebracht, Terrassen anzulegen, um die Böden zu konservieren. Ein Lehrprogramm zeigt, wie sie mit einfachsten Mitteln ökologischen Mineraldünger herstellen können. Inzwischen hat sich der Kartoffelertrag vervielfacht, es wächst Gemüse und Obst auf den Feldern, das es vorher in dieser Höhe nicht gegeben hat.

