Ein Interview über Juden in Würzburg, Terror und die WüGIDA

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Würzburg erleben

23. Januar 2015

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Alexander Shif von „Shalom Europa“ im Interview

Ein Gastbeitrag von Julian Marius

„Integration ist immer beidseitig“ – Unser Gastautor hat ein Interview mit Alexander Shif, einem Jugendarbeiter im jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“, geführt. Dieser erzählt ihm unter anderem über Juden in Würzburg, Terror und die WüGIDA.

Julian Marius: Herr Shif, Sie haben vor 17 Jahren Russland den Rücken gekehrt und sind ausgewandert. Wie kamen Sie darauf, nach Deutschland zu kommen?

Alexander Shif: Vor knapp 20 Jahren gab es ein Projekt, in Deutschland das jüdische Leben wieder zu beleben. Nach Würzburg sind ca. 2.000 Juden und Familienangehörige gekommen.

JM: Warum haben Sie Russland verlassen?

AS: Die ökonomische Situation war nicht einfach. Ich hatte zwar Arbeit, aber dennoch war das Land insgesamt instabil. Hinzu kam der offene und versteckte Antisemitismus.

JM: Dann sind Sie nach Würzburg gekommen. Was ist Ihre Aufgabe bei „Shalom Europa“?

AS: Ich beschäftige mich mit der Jugendarbeit. Das heißt, ich arbeite viel mit  Familien, aber auch Studenten.  Was ich auch bin, ist das „Mädchen für alles“. (Lacht)

JM: Wie haben die Juden in Würzburg die Anschläge in Paris vor zwei Wochen erlebt?

AS: Für uns sind Anschläge leider nichts Neues. Wir leben immer mit dieser Gefahr. Ich habe einige Zeit in Israel gelebt, da war die Gefahr allgegenwärtig. Das Thema begleitet uns immer wieder.

JM: Fühlen sich die Juden in Würzburg sicher?

AS: Seit ich in Würzburg bin, trage ich Kippa. Viele meinen, das sei zu gefährlich. Ich habe aber keine Anfeindungen erlebt.

JM: Also würden Sie sagen, dass Juden in Würzburg ohne Gefahren leben?

AS: Bis vor zwei Wochen hätte ich gesagt: ja. Aber jetzt… Terrorismus hat sich verändert. Früher brauchte man dazu große Netzwerke. Heute kann sich jeder die Gebrauchsanweisungen für Bomben aus dem Internet besorgen.  Ich mache mir Gedanken über meine Sicherheit. Ich werde mein Leben nicht ändern, denn das ist, was die Terroristen wollen. Aber tief in mir habe ich Angst.

JM: Einerseits hatten wir es mit den Anschlägen in Paris mit einem Angriff auf die Pressefreiheit zu tun, andererseits war, gerade der zweite Anschlag, auch ein Antisemitischer Angriff

AS: Dass sich der islamistische Terror die Juden aussucht, ist ja nichts Neues.  Dennoch hat sich etwas verändert. Der Bruch war am 11.9.2001. Ich bin immer in Frankfurt neben dem Bahnhof durch diese Straße gelaufen, wo viele muslimische Geschäfte sind. Mich hat das interessiert. Als ich nach den Anschlägen auf das World Trade Center wieder durch die Straße lief, fühlte ich mich unwohl.

Wenn ich heute, zwei Wochen nach den Anschlägen in Paris,  mit islamisch oder arabischen Menschen spreche, fühle ich eine gewisse Anspannung. Ich lebe weiter. Ich werde meine Einstellung zum Leben nicht ändern. Als ich früher im Ausländerbeirat saß, haben wir viel mit Muslimen zu tun gehabt. Aber was bleibt, ist die Anspannung.

JM: Was hat der islamische Terror gegen die Juden?

AS: Juden waren immer besonderen Gefahren ausgesetzt.  Als religiöser Mensch habe ich auf diese Frage keine Antwort. Als europäischer Mensch vielleicht ein wenig.

In unseren Büchern steht, dass wir das auserwählte Volk sind. Das bedeutet, dass wir die Thora lernen und die Weisheit weitertragen. Dieses „Auserwähltsein“ ist für uns eine schwere Last. Es ist nicht leicht Jude zu sein (lacht). Diese ganzen Schwierigkeiten zeigen uns Juden, dass wir besondere Aufgaben in dieser Welt haben. Mit Logik aber ist der Terror gegen uns nicht zu erklären.

JM: Sehen Sie noch weitere Gründe, warum gerade von Muslimen so viel Antisemitismus hervorkommt?

AS: Das Judentum ist mit dem Islam näher verwandt, als mit dem Christentum. Zum Beispiel dürfte ich in einer Moschee, im Gegensatz zu einer Kirche, beten. Sie wissen ja, Konflikte zwischen Verwandten sind sehr viel aktiver, als zu Anderen.

JM: Also glauben Sie, dass der Antisemitismus des Islams ein Teil des Islams selbst ist?

AS: So wie der christliche Antisemitismus ein Teil des Christentums ist.

JM: Das würde auch kein Christ bestreiten. Andererseits erleben wir zur Zeit den strikten Versuch, Islam und Islamismus zu trennen.  Doch wenn der Antisemitismus ein Teil des Islams ist, dann ist auch der Islamismus ein Teil des Islams.

AS: Was ich gelernt habe ist, dass jede in jeder Religion positive und negative Kräfte hat. Auch im Judentum. Wir Juden sagen,  beide Gefühle müssen im Einklang sein. Doch ohne negative Gefühle gibt es auch keine Entwicklung. Der Islamismus ist geprägt vom Stolz auf die eigene Religion, was eigentlich ein positives Gefühl ist. Aber diese Gewalt gegen alles, was anders ist, geht auch gegen den gemäßigten Islam.

JM: Wie hat sich das Judentum von der Gewalt emanzipiert?

AS: Vor 2000 gab es in Israel Jihad ohne Ende! Und zwar  zwischen Juden und Juden. Bei den Christen gab es die Kreuzzüge. Doch beide haben die Gewalt abgelehnt. Der Islam ist nun mal die jüngste Religion. Ich hoffe, dass die gewaltfreie Zeit nun bald gekommen ist.

JM: Wenn man die Anschläge auf Charlie Hebdo so ansieht, könnte man auch anderer Meinung sein.

AS: Das stimmt. Ich habe mir die Karikaturen angesehen. Die Zeitung hat sich ja über alle möglichen Religionen lustig gemacht. Auch über das Judentum. Mir haben die Zeichnungen nicht gefallen. Das heißt nicht, dass ich mir eine Kalaschnikow besorgen und sie töten werde. Doch warum der Islam das tat, warum sie sich nicht gewehrt haben mit Demonstrationen oder einer Zeitung selbst, das steht auf einem anderen Blatt.

JM: Kann man Islamophobie mit Antisemitismus gleichsetzen?

AS: Ja und nein. Der Fremdenhass in Europa ist uralt. Ich habe den Eindruck, dass die Europäer viele Entscheidungen treffen, die wenig durchdacht  waren. Im Ausländerbeirat haben wir uns viel mit den Gastarbeitern beschäftigt. Da gibt es einen berühmten Satz:  „Die Deutschen wollten Arbeitskräfte und was kamen sind Menschen.“ So ist das mit den Muslimen. Deutschland kann ohne fremde Hilfe nur schwer existieren.

Vielleicht war das vor 1000 Jahren mit den Juden in Europa ähnlich.  So gesehen haben wir das mit den Muslimen gemeinsam. Wir sehen anders aus, wir essen anders und beten anders.

JM: Doch das Judentum verübt keine Anschläge in Europa.

AS: Wir haben gelernt, dass das Gesetz in dem Land, wo du wohnst, unser Gesetz ist. Und wenn uns das nicht passt, müssen wir das Land verlassen. Wir haben nur ein Land, wo wir etwas verändern können. Die Einstellung im Islam ist da ein wenig anders, das verschärft den Konflikt hier.

JM: Glauben Sie, dass dieser Konflikt zwischen den Kulturen auch ein Grund für WüGIDA ist?

AS: Ich kann die Leute teilweise gut verstehen. Sie haben das Gefühl, dass ihr Land verschwindet. Es verändert sich ja viel. Das Würzburg vor 17 Jahren ist ein völlig anderes!

Aber mit dieser alten europäische Einstellung ist es schwer, neue Dinge zu akzeptieren. Aber wenn ich Manche so ansehe, dann sehe ich Leute, die sich nicht immer an die deutschen Gesetze halten.

JM: Wo sehen Sie einen Lösungsansatz?

AS: Im Ausländerbeirat haben wir immer über beiderseitige Integration gesprochen. Beide Seiten müssen sich ändern. Die Ausländische, aber auch die Deutsche.

JM: Vertritt PEGIDA dieses „alte Europa“?

AS: Ja. Und ich muss sagen, dass ich ein mulmiges Gefühl habe, wenn PEGIDA demonstriert  Sie sprechen über christlich-jüdisches Abendland. Aber so bald die Muslimen weg sind, wird dieses christlich-jüdisches Abendland nicht mehr existieren. Ich bin vorsichtig mit der Bewegung. Ich kann sie verstehen, aber man muss abwägen.

Über den Autor

Julian Marius  (27) Lebensmittelpunkt ist Würzburg, wo er auch studierte. Er sieht sich selbst als liberaler Skeptiker, der „Zeitgeist“ und „Mainstream“ stets hinterfragt. Neben der Ökonomie ist Julians Schwerpunkt nach eigenen Angaben die Islamkritik, die seiner Meinung nach aktueller ist denn je. Auf seinem Blog kann man neben Kommentaren, auch Fotografien von ihm ansehen.

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen oder sogar anstacheln – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de.

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