Essstörung & ADHS – psychoanalytische Erklärungen
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Würzburg erleben
25. Mai 2015

Symbolbild Würzburg
Psychische Erkrankungen
Den Hunger stillen und satt sein – für die meisten Menschen ist das ein angenehmes Gefühl. Manche jedoch empfinden jede Mahlzeit als große Qual, versuchen der Situation zu entfliehen und verzichten auf immer mehr Nahrungsmittel. In Deutschland waren laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im Jahr 2013 rund 1,1 % der Frauen und 0,3% der Männer magersüchtig. Auch ADHS ist eine psychischen Erkrankung, sogar die Häufigste von der Kinder und Jugendliche betroffen sind. Betroffene leiden unter Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen.
Aber was sind die Ursachen für solche psychischen Erkrankungen? Pierre-Carl (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Würzburger) sowie Alex und Max (Studierende) sind die Initiatoren der Vortragsreihe über Psychoanalyse und haben uns einen Einblick aus Sicht der Psychoanalyse gegeben und diese Störungen anhand von Beispielen aus der Praxis näher gebracht.
Pierre-Carl über Magersucht und ADHS – Ein Gastbeitrag
Wenn Gewichtsverlust das Selbstbewusstsein stärkt
Zur Verdeutlichung der Relevanz der psychoanalytischen Perspektive sollen Praxisbeispiele wie folgende dienen:
Emily ist 19 und leidet an einer Essstörung. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, worüber ihr Vater nie hinweggekommen ist. Sie wuchs alleine auf, ihr Vater war durch seinen Beruf als Fernfahrer oft unterwegs. Kam er nach Hause, schlug er sie häufig. Als sie ungefähr dreizehn war, vergewaltigte er sie das erste Mal nach einer durchzechten Nacht. Sie konnte dem nicht entfliehen, war ihr Vater doch ihre einzige Bezugsperson, und so gingen die Misshandlungen weiter, sowohl physisch als auch sexuell. Sie war ihm ausgeliefert. Doch entdeckte sie für sich, dass zumindest durch ihr Essverhalten sie es war, die ihren Körper beeinflussen konnte, dass sie es war, die sich selbst in dieser Hinsicht verändern konnte.
Sie verbrachte somit immer mehr Zeit damit, über ihr Essen nachzudenken, gewisse Nahrungsmittel auszuschließen, sich selbst Regulationen aufzulegen und diese sorgfältig einzuhalten. Sie fühlte sich stolz und gewann Selbstbewusstsein durch den steten Gewichtsverlust, der ihr die direkte Kontrolle über ihren Körper anzeigte. Vor einem Jahr kam Emily in therapeutische Behandlung, sie wog nur noch knapp 40kg. Seitdem hat sie etwas zugenommen und ist dabei, ihre Vergangenheit systematisch aufzuarbeiten. Sie hat begriffen, dass ihre Essstörung eine Kompensation für den erlebten Kontrollverlust durch die Misshandlungen ihres Vaters ist.
Essverhalten als Kontrollmechanismus
Die Aktualisierung psychischer Störungen ist nie auf eine allgemeine Ursache rückführbar und zeugt nicht selten von einer Funktionalisierung. So ist beispielsweise eine Essstörung wie Anorexie oder Bulimie nicht zwingend Ausdruck eines Schlankheitswahns, sondern kann als Kontrollmechanismus über den eigenen Körper verstanden werden, aus dem Selbstbewusstsein gewonnen wird. Dies kann nach oder während der Erfahrung extremer Fremdbestimmung wie körperlichen oder sexuellen Missbrauchs als Kompensationsleistung verstanden werden, um eine Selbstbestimmung des eigenen Körpers (wieder) zu erlangen.
Mode-Diagnose ADHS
Ein weiteres Beispiel ist die „Mode“-Diagnose ADHS. Der Berliner Psychoanalytiker und Professor für Verhaltensgestörtenpädagogik Bernd Ahrbeck sieht einen evidenten Zusammenhang zwischen individuellen Störungsbildern und kultureller Entwicklung. So betrachtet sind Verhaltensauffälligkeiten als ein symptomatischer Ausdruck einer erschwerten lebensgeschichtlichen Entwicklung zu verstehen, die sich nach Ahrbeck „im Spannungsfeld von kulturellen Rahmenbedingungen, innerer Konflikthaftigkeit und (möglicher) organischer Beeinträchtigung entfalten“ (Ahrbeck 2007, S. 41). Somit plädiert auch das Psychoanalyticum gegen eine reine Symptom- und Verhaltenskorrektur bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und vertritt die kardinale Relevanz der professionellen Beschäftigung mit dem psychischen Innenleben des Menschen und dessen kulturellen historisch-gewachsenen Rahmen- und Lebensbedingungen.
Reizüberflutung & Zeitknappheit
Die psychoanalytische Perspektive auf das Krankheitsbild einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung bereichert und erweitert das Verständnis und die Möglichkeiten der Prävention und Behandlung dieser Störung. In der heutigen Zeit haben sich die Lebensverhältnisse beschleunigt und das Alltagsleben wird von Reizüberflutung und Zeitknappheit beeinflusst, wenn nicht sogar bestimmt. Solche kultur- und zeitgeschichtlichen Phänomene werden, außer in der Psychoanalyse, in den wenigsten Therapieverfahren professionell reflektiert und miteinbezogen.
Lebensgeschichten berücksichtigen
Die derzeitige Therapie nach Empfehlung der Bundesärztekammer beschränkt sich aus psychoanalytischer Sicht auf eine reine Symptomkorrektur. Wenn wir ehrlich sind, hat sich eine zufriedenstellende Lösung auf diesem Weg nicht eingestellt. Wichtig wäre, und das leistet zum Beispiel die Beschäftigung mit der Psychoanalyse im Würzburger Psychoanalyticum, die Berücksichtigung individueller Lebens- und Konflikt-geschichten und einen transdisziplinären Dialog zwischen den einzelnen Disziplinen Psychologie, Medizin, Philosophie, Pädagogik und Kulturwissenschaft, damit auch kulturtheoretische Erkenntnisse die Fachdiskussion bereichern und zum Wohle der Erkrankten beitragen können.
Psychoanalyse als Orientierung
Die Psychoanalyse nur als klinische Methode zu betrachten, würde ihre Möglichkeiten stark einschränken. Sie ist auch eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass wir in dieser Welt leben. Das klassische freudsche Vokabular spiegelt nach hundert Jahren Entwicklung und Veränderung zwar nicht mehr den Stand der aktuellen Psychoanalyse wieder – sie kann in ihrer prägnanten Formulierung dennoch Orientierung bieten.
An weiteren Themen interessiert?
Seit dem 22. April bieten Studierende der Humanwissenschaften an der Uni Würzburg eine spannende Einführung in die Psychoanalyse im Rahmen einer transdisziplinäre Vortragsreihe. Die Bandbreite der Themen ist groß: Sie reicht vom Träumen über Pädagogik bis zum Terror. Alle Interessierten können die Vorträge an bestimmten mittwochs um 20.15 Uhr im Psychologischen Institut am Röntgenring 10 (Seminarraum 219) besuchen. Der nächste Vortrag findet am 03. Juni statt. Alle Themen aus der Uni findet Ihr übrigen in unserer Facebook-Gruppe Uni Würzburg.
Anmerkung der Redaktion
Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen oder sogar anstacheln – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@wuerzburgerleben.de.

