Deutsche TV-Serien müssen Zuschauer abholen

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Würzburg erleben

26. Oktober 2015

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

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Interview mit Literaturwissenschaftler Markus Schleich

Markus Schleich, 1985 in Oldenburg geboren, studierte Komparatistik, Psychologie und Anglistik/Amerikanistik an der Universität des Saarlandes, der Universität Athen und der Sorbonne IV in Paris. Seit 2013 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität des Saarlandes tätig und promoviert über den Einfluss literarischer Texte auf Popmusik. Als Herausgeber des Journal of Serial Narration on Television leitet Schleich die Podiumsdiskussion der unterfränkischen SPD-Landtagsabgeordneten „Wann, endlich, kommt ein deutsches Breaking Bad?“, die am Donnerstag, den 22. Oktober 2015 um 19 Uhr in der Posthalle Würzburg stattfindet.

Wie lässt sich der aktuelle Hype um Fernsehserien wie Breaking Bad, The Wire oder Mad Men erklären?

„Kaum ein Thema hat in den letzten Jahren so viel Einigkeit unter Kritikern, Forschern und ‚normalen‘ Zuschauern hervorgerufen, wie diese neue Form des Fernsehens. Neue Fernsehserien haben sich von dem Vorwurf befreit, bloße Unterhaltungsware zu sein und sind auf dem besten Wege, das kulturell vielleicht wichtigste Medium der Gegenwart zu werden. Es gibt einen neuen Kanon: Immer mehr Leute kennen ihn und können mitreden. Sich dem Sog einer Serie zu entziehen, ist schwieriger geworden als noch vor 15 Jahren. Mittlerweile spricht man von diesen Serien, die man noch sehen muss wie vor ein paar Jahrzehnten noch von Romanen, die man lesen musste. Dabei bieten diese Fernsehserien ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung, Unterhaltung und Anregungen zur Reflexion über die Gesellschaft und das Individuum in ihr.

Während die Welt des Kinos langsam aber sicher vom Fortsetzungsblockbuster verschiedener Superhelden zunehmend an kultureller Bedeutsamkeit verliert, ist die Bewegung im Fernsehen eher gegenläufig: Vor, unter und hinter der Kamera versammeln sich immer mehr Größen der Filmindustrie. Mit doch recht üppigen Budgets und beachtlicher kreativer Freiheit werden interessante Geschichten durchaus mutig erzählt. Die daraus entstehenden Serien bieten sich damit eben all jenen Zuschauern an, die das Interesse an Batman 6 oder Hulk vs. Spiderman verloren haben.“

Was ist Quality-TV und wodurch unterscheidet es sich vom ’normalen‘ Fernsehen?

„Man munkelt, dass diese Frage Ausgangspunkt einiger hitziger Debatten ist und die damit verbundenen Antwortmöglichkeiten genug Material für ganze wissenschaftliche Abhandlungen liefert. Zwar gibt es richtiggehende Kataloge für Qualitätsfernsehen, aber die Wirklichkeit ist doch etwas komplexer, als dass sie sich mit einer einfachen Checkliste greifen ließe. Aber immerhin gibt es Trends und Tendenzen, die auffällig sind, wenn man das gros der allseits gelobten Serien betrachtet. Die Figuren sind vielschichtiger und auch abgründiger: Die Zeiten, in denen uns die Protagonisten von MacGyver, Knight Rider oder Magnum als strahlende Helden ohne innere Konflikte für das Gute kämpfen, sind vorbei.

Der neue Serienheld hat Probleme, gerne viele davon. Drogenabhängig, depressiv, todkrank, sexbesessen, blutrünstig, manipulativ oder wenigstens einfach nur unausstehlich muss er sein, damit ihm irgendeine Kommentarfunktion für den aktuellen Zeitgeist zugeschrieben werden kann. Generell wird das Moralverständnis im Qualitätsfernsehen eher in den Grauzonen verhandelt. Diese Charakterstudien werden zumeist in komplexe Handlungen eingebunden, die sich einer Auflösung am Ende einer einzelnen Episode zumeist entziehen. Eine solche Art des Fernsehens verfügt über ein Gedächtnis und schreckt auch nicht vor non-linearen Erzählverfahren zurück – das gilt interessanterweise nicht nur für Dramaserien, sondern lässt sich auch in Sitcoms nachweisen. Wenn man jetzt noch ein paar andere Ausdrücke ins Rennen schicken wollte, um sich diesem Phänomen zu nähern, bieten sich Kinoästhetik, Drastik, Tabubrüche und symbolische Mehrfachcodierungen an.

Das klingt jetzt vielleicht alles nach schwer erträglichen französischen Schwarzweißfilmen mit Überlänge, aber diese Form des Fernsehens will bei aller Vielschichtigkeit natürlich nach wie vor unterhalten. Wie unterscheidet sich das ganze vom „normalen“ Fernsehen? Nun, bei Breaking Bad von MacGyver haben beide Protagonisten gemein, dass sie gerne mit Kram experimentieren – und damit enden die Gemeinsamkeiten dann auch.“

Warum beschäftigt man sich als Literaturwissenschaftler mit solchen Serien-Formaten?

„Das hat viele Gründe: Einerseits greift die serielle Struktur Erzählverfahren des 19. Jahrhunderts auf, die eine vergleichbare Popularität erfahren haben, wie Serien es heute tun. Zum anderen werden Fernsehserien wie The Wire vermehrt als Romane des 21. Jahrhunderts betitelt und Serienmacher wie Matthew Weiner oder David Chase betonen romanhafte Züge ihrer Serien oder vergleichen einzelne Episoden mit Kurzgeschichten. Zudem sind diese Serien mit einer intertextuellen Verweisfreude gesegnet, die Literaturwissenschaftlern eine Vielzahl möglicher Anknüpfungspunkte bietet.

Warum ist Francis Underwood ein amerikanischer MacBeth, was hat Walter White mit Faust gemeinsam und welche Rolle spielt Walt Whitman für Breaking Bad, was hat The Wire mit Balzac zu tun, warum liest Don Draper ausgerechnet Dantes Göttliche Komödie und was ist die tiefere Bedeutung von Yeats Gedicht „The Second Coming“ in The Sopranos? All das und vieles mehr macht die literaturwissenschaftliche Arbeit mit Serien sehr gewinnbringend. Gleichzeitig erweisen sich Fernsehserien zunehmend als Spielfeld für die Stoff- und Motivgeschichte.“

Sehen wir bald mehr deutsche Serien im Fernsehen? Wie müsste der nächste Exportschlager nach Derrick aussehen?

„Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Frage zu bejahen: Von so ziemlich allen Sendeanstalten lässt sich momentan lesen, dass man mehr Serien mit komplexerer Ausrichtung produzieren will. Als Exportschlager könnte sich Deutschland 83 erweisen, wobei man in diesem Fall noch nicht einmal weiß, ob dieses Format im eigenen Produktionsland angenommen wird. Den deutschen Machern sollte daran gelegen sein, Serien zu produzieren, die den Zuschauer dort abholen, wo er steht. Ein gutes Beispiel dafür wäre die Entwicklung des Polizeiruf 110 aus Rostock, der zwar nach wie nach einem klassischen case of the week-Aufbau funktioniert, aber Raum für Personenentwicklung zulässt und geschickt episodenübergreifende Handlungen in den Erzählfluss einbringt.

Nach Serien wie Derrick und Kommissar Rex gilt es, behutsam vorzugehen. Der Kriminaldauerdienst war zwar eine hochgelobte Serie, aber in seiner Ausrichtung zu sperrig für den Ottonormalverbraucher. Als gutes Beispiel für eine kluge Serie, die den Zuschauer unterhält und gleichzeitig genug Substanz für tiefere Auseinandersetzungen mit philosophischen Themenkomplexen bietet wäre der Tatortreiniger. Was dieses Kammerspiel von Folge zu Folge an absurden und skurrilen Settings und Situationen auf die Beine stellt, ist aller Ehre wert – und lässt sich ja sogar international verkaufen. Wenn die Macher aus der Zeitung von der internationale Vermarktung erfahren, dann zeugt dies allerdings davon, dass der Weg zu mehr innovativen Serien nach wie vor ein weiter ist.“

Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Universität Würzburg/Das Interview führte Julien Bobineau

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