Militärkritisches Mittagssymposium
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Würzburg erleben
9. Dezember 2015

Symbolbild Würzburg
Gelungener Versuch eines friedlichen Dialogs
Am Tag der Jobmesse, auf der sich auch dieses Jahr wieder die Bundeswehr als Arbeitgeber präsentierte, stellte die Studierendenvertretung dem das „Militärkritische Mittags-symposium“ entgegen. Ziel war es, laut Pressemitteilung der Studierendenvertretung, nicht, die Bundeswehr zu verunglimpfen oder schlecht zu reden, sondern den Studierenden eine Plattform zu geben, die die Bundeswehr nicht als normalen Arbeitgeber sehen. Eine Sichtweise, auf die eine Studierendenvertretung, die wirklich alle Studierende vertreten möchte, eingehen muss. Eine Sichtweise, die neben dem Werben der Bundeswehr für sich selbst, zu einem allumfassenderen Bild dieses Arbeitgebers beigetragen hat. Und eine Möglichkeit für Studierende, kritisch zu sein ohne Gewalt anzuwenden.
Friedlicher Protest statt Gewalt
Im Gegensatz zur „Study & Stay“ 2014 blieb es diesmal friedlich: keine Rangeleien, keine Tätlichen Angriffe, keine Beleidigungen gegen Angehörige der Bundeswehr. Entsprechend zufrieden ist der Sprecher- und Sprecherinnenrat, dass seine Aufrufe, Unmut ausschließlich friedlich, konstruktiv und produktiv kundzutun, Gehör gefunden haben. Selbst die Protestierenden, die sich nicht dem „Militärkritischen Mittagssymposium“ angeschlossen haben, beließen es beim Verteilen von Flyern und stillen Unmutsäußerungen auf Transparenten. Allen, die sich hingegen für den Besuch des Symposiums entschieden hatten, wurde ein reichhaltiges Programm geboten, das zum kritischen und konstruktiven Weiterdenken anregt.
Was ist eine Zivilklausel und was bringt sie?
Im ersten Vortrag, der von Daniel Janke gehalten wurde, ging es um das Thema Zivilklausel. „Eine Zivilklausel ist die Selbstverpflichtung einer Hochschule, nur für nicht-militärische Zwecke zu forschen.“, erklärte der Referent. Daniel stellte zuerst die verschieden Zivilklauseln vor, die an Universitäten in Deutschland bereits existieren und machte den Unterschied zwischen einer Zivil- und einer Friedensklausel klar. Es wurde auf Kritik an der Zivilklausel, wie die Dual-Use-Problematik, sowie auf Zuspruch, wie Entmilitarisierung der Gesellschaft, eingegangen. Er persönlich sprach sich für eine Zivilklausel an der Uni Würzburg aus, so wie es auch Beschlusslage der Studierendenvertretung ist, schreibt die Studierendenvertretung. Abschließend stellte sich Daniel noch den Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Geschichte des Pazifismus zwischen den Weltkriegen
Dieses Themas nahm sich der Würzburger Historiker Riccardo Altieri an. Altieri legte dabei zwar seinen Schwerpunkt auf die Zwischenkriegszeit, begann aber bei den Wurzeln des Pazifismus, die er bei Kant ausmachte, um sich anschließend über die großen Vordenker des Pazifismus der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg anzunähern. Während diese Zeit von einigen herausragenden „Friedensmachern“, so die wörtliche Übersetzung des Wortes Pazifist, insbesondere in der deutschen Linken, geprägt war, war die Grundstimmung der deutschen Bevölkerung eine romantische Verklärung des Krieges. Ein Nährboden, auf den die Nationalsozialisten trefflich aufbauen konnten, um ihre Kriegstreiberei zu vollführen und ihre Widersacher, allen voran auch die pazifistisch gesinnten Strömungen, zu unterdrücken.
Was genau ist Pazifismus?
Dabei war es den Nazis egal, ob die Personen den Pazifismus eher streng oder eher offen vertraten. Dies führte direkt in die Frage, was Pazifismus eigentlich ist. Hier gibt es, so Altieri, durchaus Meinungen, dass ein militärisches Eingreifen, um schlimmeres Unheil zu verhindern, mit einer pazifistischen Grundhaltung vereinbar sei. Diese These führte im Ausblick über die weitere Entwicklung des Pazifismus nach der Zeit des Nationalsozialismus, wo die Friedensbewegung der 80er Jahre unter ihrer Vordenkerin Petra Kelly einen großen Raum einnahm, direkt in die Frage, ob es legitim ist, militärisch gegen Regime wie den sogenannten Islamischen Staat vorzugehen. Eine Diskussion, die im Rahmen der anschließenden Diskussionsrunde mit dem KHG-Pfarrer Burkhard Hose, eine Vertiefung finden sollte.
Zwischenruf eines Theologen
Bei dessen Vortrag „Dienst an der Waffe – ein ganz normaler Job?“ fanden sich ca. 25 Personen in der Frankenstube ein, um dem „Zwischenruf eines Theologen“, wie es im Veranstaltungstitel weiter hieß, beizuwohnen. Aus einem bereichernden Vortrag über Humanität, zivilem Ungehorsam und Nächstenliebe entwickelte sich schnell eine Diskussion aller Teilnehmenden zu Themen rund um die Bundeswehr und deren Vereinbarkeit mit jenen angesprochenen Punkten. Obgleich heftig diskutiert wurde, herrschte dennoch Konsens darüber, dass der Dienst an der Waffe mitnichten als „normaler Job“ zu bezeichnen ist, auch wenn über die Existenzberechtigung der Bundeswehr als Organisation kein gemeinsamer Nenner unter den Studierenden auszumachen war.
Kritische Beiträge des deutschen Fernsehens
Nach dem Ansehen der Doku „7 Tage bei der Bundeswehr“, die zwar Individualschicksale beleuchtet, jedoch nicht die Bundeswehr als hierarchische Organisation in Frage stellt oder diese in einen größeren Kontext setzt, begann die wohl kontroverseste aller Diskussionen. Gesprächsleiter Marc Selariu (SSR) sorgte jedoch dafür, dass sowohl die zu Wort kamen, die die Bundeswehr kategorisch ablehnten, als auch deren Stimme gehört wurde, die Verständnis für die Individualschicksale Einzelner und deren Einstellung zum Bund zeigten. Im großen Ganzen war der Charakter der Diskussion wohl von knallharter Ablehnung auf der einen und teilweiser Zustimmung von der anderen Seite geprägt. Insgesamt war jedoch klar spürbar, dass das Werben der Bundeswehr als „ziviler“ Arbeitgeber auf dem Campus eher auf Ablehnung als auf Zustimmung stieß.
Ein Erfolg – für Teilnehmer und StuV
Besonders erfreulich vielen der friedfertige und auch der konstruktive Geist der Veranstaltung auf. Die insgesamt rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den verschiedenen Veranstaltungen diskutierten rege und es war deutlich, dass viele einiges an Neuem mitgenommen haben. Sicher ist auch, dass über die ein oder andere aufgeworfene Frage noch länger hätte diskutiert werden können. Aber schon der Anstoß zu einem privaten Weiterdenken dieser Fragen, ist ein Erfolg. Und letztendlich wird es auch 2016 wieder eine Jobmesse und damit eine Gelegenheit zur Fortsetzung des friedfertigen Austausches geben.
Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Studierendenvertretung Würzburg.

