Studentische Gremien kritisieren Äußerungen des Ehrensenators
Anzeige
Würzburg erleben
18. Dezember 2015

Symbolbild Würzburg
Boykott des Festsymposiums
Die Mitglieder des Sprecher/innenrat Uni Würzburg und der Senator von Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen kritisieren in starkem Maße die Ehrung von Albrecht Fürst zu Castell-Castell und sagen die Teilnahme am Festsymposium ab. Die Entscheidung beruht auf einem Zeitungsinterview mit dem Fürsten, das in der Augsburger Allgemeinen veröffentlicht wurde und laut einem Posting auf der Facebook-Seite von „Fachschaftsmitgliedern – Erfahrung wählen“ als nicht entschuldbarer „Ausrutscher“ betitelt wird. Mit dieser Ankündigung möchten die studentischen Gremien ihre klare Stellung gegen Homosexuellen-, Frauen- und Wissenschaftsfeindlichkeit zum Ausdruck bringen – im genannten Interview äußerte sich Herr zu Castell-Castell nach Sicht der Studierenden diesbezüglich in befremdlicher Weise.
Studierende suchen direktes Gespräch
Des Weiteren äußert das studentische Gremium auf seiner FB-Seite: „Wir verurteilen Herrn zu Castell-Castell nicht aufgrund einer Ferndiagnose via Augsburger Allgemeinen, sondern regen zur Zeit über Universitätspräsident Prof. Dr. Forchel ein Gespräch mit ihm an, zu dem wir homosexuelle und weibliche Studierende einladen werden. Außerdem sagen wir explizit, dass wir seine „grundfesten Glauben […] nicht per se verurteilen. Wir stehen klar hinter dem Recht der Glaubensfreiheit.“
Dennoch erklären die Studierenden, dass es nach ihrer Ansicht Glaubensansichten gibt, die mit der Wissenschaft nicht zu vereinbaren sind. Solche Ansichten als Ehrensenator einer Wissenschaftseinrichtung öffentlich zu äußern kritisieren sie stark. Das Gremium erwartet von dem Fürsten, wie auch von anderen Ehrenträgern einer Wissenschaftseinrichtung, die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Offener Brief des Sprecher/innenrates
Im folgenden sind Passagen des Interviews aufgeführt, die der Sprecher/innenrat als besonders kritisch und befremdlich ansieht. In einem offenen Brief antwortet das studentische Gremium auf die Zitate des Fürsten.
„Ich hätte [einen homosexuellen Pfarrer für meine Gemeinde] bestimmt nicht benannt, weil es für mich unvereinbar ist – ein praktizierender Homo im Pfarrhaus als Hirte der Gemeinde“
Diese Aussage mag verzeihbar sein, wenn man bedenkt, dass der Fürst anlässlich seines 90. Geburtstages geehrt wird. Er ist somit Jahrgang 1925. Männer und Frauen dieses Jahrgangs erlebten die Verschärfungen der Strafe für das „Verbrechen“ der Homosexualität im sogenannten Dritten Reich (1935) ebenso, wie die Beibehaltung des § 175 StGB („Unzucht zwischen Männern“) in der Bundesrepublik Deutschland sowie dessen Bestätigung durch das Bundesverfassungsgericht 1957.
Dieser unserer Meinung nach unsägliche Paragraph wurde 1994, als seine Durchlaucht 69 Jahre alt war, aufgehoben. Wir werfen ihm daher nicht vor, dass er eine Ansicht, die den größten Teil seines Lebens staatlich gestützt wurde, nicht mit der Abschaffung des Gesetztes abgelegt hat. Wir widersprechen dem jedoch deutlich.
„Außerdem ist einer Frau anderes zugeordnet als dem Mann – auch durch die Schöpfungsordnung. Der Mann ist für den Kampf, für den Broterwerb geschaffen und die Frau ist primär für die Familie geschaffen.“
Auch diese Aussage mag vor den Lebensrealitäten der Generation des Fürsten zu Castell-Castell verzeihbar sein, wurchs er doch in einem Land auf, in dem Frauen der Erlaubnis ihres Mannes bedurften, um arbeiten zu gehen, und der Mann ohne Einvernehmen der Frau die Befugnis hatte, fristlos für sie zu kündigen. Dieses Gesetz existiert jedoch seit 1958 nicht mehr. Seine Durchlaucht war damals im 34. Lebensjahr. Man könnte meinen, das sei ein Alter, in dem man noch lernfähig ist.
Dennoch soll, aus den oben genannten Gründen, verziehen sein, dass der Fürst Frauen auf ihre Gebärmutter und die für ihn scheinbar daraus erwachsenden familiären Pflichten reduziert. Wir können damit jedoch überhaupt nichts anfangen und lehnen diese Meinung sowohl allgemein als auch im akademischen Umfeld, wo Frauen seit langer, langer Zeit hervorragende Leistungen erbringen, entschieden ab.
„Es gibt ein paar Grundgesetze. Dazu gehört die Schöpfungsordnung. Und die wird zurzeit ausgehebelt.“
Die Schöpfungsordnung, von der Herr zu Castell-Castell spricht, besteht aus zwei Teilen: Erstens, dass Gott den Mann und aus dessen Rippe die Frau schuf, weshalb sie ihm untergeordnet sei, woran seine Durchlaucht mehr als offensichtlich zu glauben scheint, sowie zweitens, dass Gott die Welt in sechs Tagen geschaffen habe und am siebten ruhte. Es steht zu befürchten, dass seine Durchlaucht auch hieran wörtlich glaubt, wofür es keine Entschuldigung aufgrund früher Geburt gibt – Charles Darwins Evolutionstheorie war am Geburtstag des Fürsten bereits 87 Jahre veröffentlicht und wohlbekannt.
Wir sind froh darüber, in einem Land zu leben, in dem die Religion vom Staat getrennt ist und in dem trotzdem jedem das Recht eingeräumt wird, zu glauben, was er für richtig hält, weshalb wir den grundfesten Glauben des Fürsten nicht per se verurteilen. Aber wir sagen klar, diese Ansicht ist falsch und wird von uns in keiner Weise geteilt.
.
Es gibt viele Widersprüche zwischen den Ansichten des Fürsten zu Castell-Castell und den Werten der Universität Würzburg, welche von einem Ehrensenator verkörpert werden sollte. Diese Diskrepanzen lassen sich an drei Fragen festmachen:
1. Möchte sich die Universität mit Personen gemein machen, die Menschen homosexueller Neigung als „Homo“ bezeichnen und sie so auf ihre Sexualität reduzieren, aufgrund der sie einen Anlass zur Diskriminierung der Person ableiten?
2. Möchte die Universität Würzburg tatsächlich einem Vertreter der Meinung, dass eine Frau ausschließlich zur Leitung der Familie bestimmt sei, das Wort reden und damit die akademische Leistung ihrer rund 16.000 Studentinnen und zahlloser Absolventinnen nihilieren?
3. Möchte die Universität sich von ihrem Auftrag, nach wahrhaftem Wissen zu streben, distanzieren, indem sie sich hinter einen Vertreter wissenschaftlich widerlegter Ansichten, die gegen die eigene Lehr- und Forschungpraxis stehen, stellt?
Wir erwarten eine ernsthafte Auseinandersetzung innerhalb der Universität Würzburg über diese Widersprüche und Diskrepanzen.
Dieser Artikel beruht auf Informationen des Facebook-Postings der Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen.

