ADHS: Weltweit größte Studie gestartet
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Würzburg erleben
27. Januar 2016

Symbolbild Würzburg
Auch Erwachsene von ADHS betroffen
ADHS-Patienten stehen im Mittelpunkt einer neuen, bundesweiten Studie. Daran beteiligt sind auch Mediziner und Psychologen der Würzburger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ziel ist es unter anderem, Merkmale zu identifizieren, die eine optimale, maßgeschneiderte Therapie ermöglichen.
Laut Pressemitteilung der Uni Würzburg seien Menschen, die an der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung ADHS erkrankt sind hyperaktiv, äußerst impulsiv und können sich nur schwer über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren. Entgegen der landläufigen Meinung, dass diese Krankheit in erster Linie Kinder betreffe, zählen auch Jugendliche und Erwachsene zu den Patienten.
Breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten
Für sie gibt es mittlerweile ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten, angefangen bei Selbsthilfeprogrammen über Verhaltenstherapien und Trainings für Eltern und Erzieher bis hin zu Medikamenten. Allerdings ändern sich die Antworten auf die Frage, wie die beste Therapie aussieht, von Patient zu Patient und je nach Altersstufe.
Altersspezifische Therapieangebote
In einer neuen, bundesweiten klinischen Studie wollen Wissenschaftler nun herausfinden, welche Therapieangebote in welcher Altersgruppe am besten helfen. Gleichzeitig suchen sie bei den Teilnehmern nach spezifischen Merkmalen, die in Zukunft eine Vorhersage darüber ermöglichen, welche Therapieform bei dem einen Patienten anschlägt, während sie einem anderen vermutlich nicht oder nur wenig hilft. Der Name der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Studie: ESCAlife.
Weltweit größte Therapiestudie zu ADHS
„Es handelt sich dabei um die weltweit größte Therapiestudie zu ADHS“, erklärt Professor Marcel Romanos, Direktor der Uniklinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPPP) in Würzburg, laut Pressemitteilung der Uni. Rund 1.200 Patienten sollen daran teilnehmen – verteilt auf mehrere Studienzentren in Deutschland und auf eine Laufzeit von vier Jahren. Sie gliedert sich in vier, nach Altersbereichen getrennte Teilstudien mit speziell konzipierten therapeutischen Programmen für Vorschul- und Schulalter, für Jugendliche und für junge Erwachsene. Romanos und sein Team sind an drei dieser vier Teilstudien beteiligt; die Studie mit Jugendlichen im Alter von zwölf bis 15 Jahren koordinieren sie federführend.
Erhöhtes Risiko für psychische Leiden
„Was ist die ADHS-Kernsymptomatik und wie können wir den Betroffenen dabei helfen? Bei welchen Merkmalen handelt es sich um zusätzliche Schwierigkeiten, und was können wir dagegen tun?“: Mit diesen Worten beschreibt Marcel Romanos die zentralen Fragen von ESCAlife. Denn Menschen, die an ADHS erkranken, kämpfen häufig nicht nur mit Konzentrationsproblemen und ihrer Hyperaktivität. Sie tragen zusätzlich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, an anderen psychischen Leiden wie beispielsweise einer Depression zu erkranken. Eine gesteigerte Aggressivität, Drogenmissbrauch sowie kriminelles Verhalten können weitere Folgen sein, schreibt die Uni Würzburg in ihrer Pressemitteilung.
Angeleitete Selbsthilfe
„Für all diese Fälle haben wir ein Therapieangebot an der Hand, das in der Regel relativ niedrigschwellig beginnt, beispielsweise mit angeleiteter Selbsthilfe“, erklärt Romanos in der Pressemitteilung. In diesem Fall erhalten die Patienten Broschüren und regelmäßige Anrufe, ohne dass sie vor Ort in der Klinik sein müssen. Erst wenn dieses Angebot keine Besserung der Symptomatik nach sich zieht, werden intensivere Maßnahmen ergriffen. „Adaptives gestuftes Design ‚Stepped Care‘“ heißt diese Vorgehensweise in der Fachsprache.
Suche nach der besten Therapie
In einem zweiten Schritt werden die Forscher untersuchen, welches dieser Angebote am besten hilft. „Dann verteilen wir die Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip auf die verschiedenen Therapieverfahren, also beispielsweise Verhaltenstherapie, Neurofeedback oder eine zusätzliche Medikation, und kontrollieren anschließend das Ergebnis“, erklärt Romanos laut Pressemitteilung der Uni Würzburg. Über all dem stehe die Frage: Bringen diese Angebote tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen?
Gehirnströme und -aktivitäten messen
So viele Therapieangebote, die sowohl vom Aufwand als auch von den Kosten her stark variieren: Da ist es aus Sicht der Patienten verständlich, wenn diese möglichst früh das für sie ideale erhalten wollen – von der Sicht der Therapeuten und der Krankenkassen ganz zu schweigen. Aus diesem Grund sind auch einige weitergehende Untersuchungen zentraler Bestandteil von ESCAlife. Beispielsweise werden die Wissenschaftler Blut- und Speichelproben der Studienteilnehmer entnehmen oder die Gehirnströme und -aktivität messen. Dort suchen sie nach Merkmalen, die eine Vorhersage darüber ermöglichen, welche Therapie bei wem am besten wirkt.
Der Einfluss der Gene
„Es ist mittlerweile bekannt, dass bestimmte Varianten von einigen Genen das Risiko erhöhen, an ADHS zu erkranken“, erklärt Romanos in einer Pressemitteilung der Universität. Welche Rolle diese Varianten spielen, wenn eine Therapie anschlägt oder dies eben nicht tut, sollen die Untersuchungen zeigen. So könnten beispielsweise Gene, die das Dopamin-System beeinflussen, Aufschluss darüber geben, ob ein Patient gut oder schlecht auf eine medikamentöse Behandlung anspricht. Ein anderes Gen, das den Prozess der neuronalen Plastizität mit regelt – also die Fähigkeit des Gehirns, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen – könnte dafür verantwortlich sein, dass eine Verhaltenstherapie anschlägt oder nicht. Und vielleicht lassen sich ja aus Gehirnströmen im EEG Hinweise darauf ablesen, ob Neurofeedback bei diesem Patienten wirkt oder nicht.
Teilnahme an der Studie
Wer an der Studie teilnehmen möchte, muss auf alle Fälle ein Kriterium erfüllen: Seine ADHS-Erkrankung muss als behandlungsbedürftig eingestuft sein. Er erhält dann eine ADHS-Behandlung, die den aktuellsten Stand der Wissenschaft in Deutschland widerspiegelt. Mit seiner Bereitschaft zur Teilnahme leistet er einen wichtigen Beitrag zur Forschung im Bereich ADHS.
Anmeldung zur Teilnahme an der Studie hier.
Dieser Artikel beruht auf einer Pressemitteilung der Universität Würzburg.

