Fachschaftsmitglieder veranstalteten Flashmob vor Festsymposium
Anzeige
Würzburg erleben
27. Januar 2016

Symbolbild Würzburg
Aussagen des Ehrensenators in der Kritik
Wie bereits berichtet hat die studentische Initiative „Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen“ ihre Teilnahme am Festsymposium zum 90. Geburtstag des Ehrensenators Albrecht Fürst zu Castell-Castell abgesagt. Diese Entscheidung beruhte auf einem Zeitungsinterview mit dem Fürsten, indem er seine Abneigung gegen Homosexualität zum Ausdruck brachte, sowie frauen- und wissenschaftsfeindliche Äußerungen gegenüber der Augsburger Allgemeinen von sich gab. Am Montag kündigten „Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen“ auf ihrer Facebook-Seite an, den Fürsten mit einer Gruppe von Studentinnen und Homosexuellen in seinem Schloss in Castell zu besuchen, um das Gespräch zu suchen.
Heute fand das Festsymposium in der Neubaukirche statt. „Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen“ und das Schwulesbische Zentrum Würzburg schloßen sich in diesem Zuge zusammen und veranstalteten ab 15.30 Uhr einen halbstündigen Flashmob vor der Kirche, um so auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Hierbei wurde der nachfolgende Flyer verteilt:
„Wir wollen die Zukunft“
Durch die Universität Würzburg verläuft ein Riss. Er spaltet die Vergangenheit von der Zukunft. Rückwärtsgewandte Ansichten, für die kein universitärer Repräsentant so sehr steht, wie Ehrensenator Albrecht Fürst zu Castell-Castell, lehnen wir ab. Wir wollen eine Universität der gleichen Rechte und Chancen: für Frauen, für Homosexuelle, für alle.
Albrecht Fürst zu Castell-Castell war jahrelang Vorsitzender des Universitätsbundes, einer Art Förderverein der Universität. Für diesen warb er Mitglieder und Gelder, sodass die Förderung von Wissenschaft und Universität verstärkt werden konnte. Hierfür wurde er 1984 zum Ehrensenator ernannt. Warum sein Verdienst um den Universitätsbund nicht mit der Ernennung zu dessen Ehrenvorsitzenden gewürdigt wurde, sondern eine Ehrung der Universität selbst zur Folge hatte, ist nicht klar. Klar ist hingegen, dass er mit seinen Ansichten, die man mit (zu) viel gutem Willen bestenfalls als antiquert bezeichnen kann, in einem krassen Widerspruch zu vielen Studierenden der Universität Würzburg steht:
Die Frau dem Herd, nicht der Universität.
Die moderne Universität ist weiblich: 58,5% der Studierenden sind Studentinnen. Gleichzeitig versucht die Universität mit ihrem Gleichstellungskonzept mehr Frauen in die akademische Karriere zu führen. Eines großen Lobes bedarf es dafür nicht, da gleiche Chancen für die Geschlechter schon durch Artikel 3 des Grundgesetzes gesellschaftlicher Konsens sind. Vielmehr bedarf es eines Tadels für den Ehrensenator. Seine Ansicht, dass „einer Frau anderes zugeordnet [ist] als dem Mann“, ist schon für sich kritikwürdig, aber noch lange nicht der Gipfel, wenn man weiß, welche Rolle der Fürst den Geschlechtern zuweist: „Der Mann ist für den Kampf, für den Broterwerb geschaffen und die Frau ist primär für die Familie geschaffen.“
Nicht nur Misogynie, auch Homophobie
„Das ist ein Irrtum“, entgegnet zu Catell-Castell jenen, die „die sexuelle Orientierung als ‚Gegebenheit'“ ansehen und sagen, „dass Homosexualität nichts mit krankhafter Veranlagung oder Neigung zu tun hat.“ Neben inakzeptabler Homophobie bekennt der Fürst damit auch, Homosexualität für eine Krankheit zu halten. Damit stellt er sich gegen die Meinung der Weltgesundheits-organisation, die Homosexualität explizit nicht als „Krankheit“ führt, und auch gegen die medizinische Praxis und Forschung, wie sie in Würzburg und weltweit gelebt wird.
Die Welt drehte sich, der Fürst blieb stehen.
Der Riss zwischen Vergangenheit und Zukunft mag verständlich sein, bedenkt man, dass der Fürst in eine Zeit geboren wurde, in der der § 175 StGB „Unzucht zwischen Männern“ bis 1994 unter Strafe stellte und Männer bis 1958 die Befugnis hatten, für ihrer Frau die Anstellung zu kündigen. Zu Castell-Castell war damals 69 beziehungsweise 34 Jahre alt. Seitdem ist viel Zeit vergangen: Die Erde hat sich in dieser Zeit rund 21.000 beziehungsweise 8.000 mal um 360° gedreht. Die Positionen des Fürsten um kein einziges Grad. Wäre der Fürst irgendwer – zum Beispiel der eigene Opa oder die eigene Uroma, von denen viele ähnliche Ansichten haben dürften –, wäre das nicht weiter schlimm. Der Fürst ist aber nicht irgendein 90 Jahre alter Mann, dessen reaktionäre Stimme leicht zu überhören ist.
Wir wertschätzen den Menschen und seine Leistungen
Umso wichtiger ist es, dieser Meinung das entgegenzusetzen, was die Universität Würzburg wirklich ausmacht und was von dem übergroßen Teil ihrer Angehörigen gelebt wird: Toleranz, Offenheit und Gleichberechtigung. Im Rahmen dieser Werte bringen wir dem Fürsten den gleichen Respekt entgegen, wie jedem anderen Menschen. Der Protest ist auch kein Zeichen von Missachtung, sondern Mittel des Diskurses, in dessen Rahmen an einer jeden Universität tagtäglich Meinungen kritisch hinterfragt und kontrovers diskutiert werden. Man kann in der Sache streiten, ohne persönlich herabzuwürdigen. Man kann sogar in der Sache streiten und persönliche Wertschätzung empfinden. Wertschätzung verdienen viele Aspekte des Wirkens von Albrecht zu Castell-Castell: sein herausragendes Engagement für die Aussöhnung mit den Opfern der NS-Genozide, sein unermüdlicher Einsatz um die Universität und sein langjähriges aktives Wirken im Universitätsbund, für das er seine heutige Ehrung sicherlich verdient hat.
Aber: Riss bleibt Riss.
Gemeinsamkeiten in einem Bereich und Dankbarkeit für bestimmte, herausragende Leistungen können und dürfen nicht über eklatante Differenzen in anderen, ebenfalls sehr wichtigen Bereichen hinwegtäuschen. Wer solche mehr als provokanten Thesen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte formuliert, überregional publiziert und über evangelikale Netzwerke protegiert, muss damit rechnen, dass ihm genauso provokant widersprochen wird. Nicht um des Widersprechens Willen, sondern als positives Statement für eine offenherzige Universität und als ein weiterer Schritt zu deren Verwirklichung.
Dieser Artikel beruht auf Informationen der Fachschaftsmitglieder – Erfahrung wählen.

