Sieben Oberbürgermeister in vier Jahren
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Katharina Kraus
6. Juni 2016

Symbolbild Würzburg
Gastbeitrag von Roland Flade
Erster Nachkriegsbürgermeister
Pistolengurt und Reitpeitsche lagen griffbereit auf dem Tisch, als Colonel Maurice E. Henderson, damals Chef der amerikanischen Militärverwaltung in Würzburg, den ersten Würzburger Nachkriegsoberbürgermeister zur Entgegennahme von Befehlen empfing. Gustav Pinkenburg, der von April 1945 bis zum Juni 1946 an der Spitze der Stadtverwaltung stand, war von den Amerikanern sofort nach der Eroberung Würzburgs und noch vor dem Ende des Krieges eingesetzt worden. Sein Vorgänger Theo Memmel, ehemaliger Gymnasiallehrer und überzeugter Nationalsozialist, hatte sich wohl am 5. April 1945 mit ihm unterstellten Volkssturm-Männern in Richtung Oberfranken abgesetzt.
Memmel offiziell entlassen
Am 30. Mai 1945 wurde Memmel offiziell von der neuen Stadtführung entlassen. „Alle bis jetzt nicht mehr ausgezahlten oder nicht überwiesenen Dienstbezüge kommen nicht mehr zur Auszahlung“, hieß es im entsprechenden Bescheid.
Das Verhältnis von Besatzern und Deutschen besserte sich bald, wie Otto Stein, zeitweise einer von Pinkenburgs Stellvertretern, beobachtete: „Schon nach kurzer Zeit gewannen unsere Kommandeure offenbar den Eindruck, dass nicht alle Deutschen blutrünstige Barbaren sind, und der Verkehrston wurde von Tag zu Tag freundlicher.“
Keine Wahl durch Bevölkerung
Als Pinkenburg aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat (er gehörte allerdings noch bis 1956 dem Stadtrat an), wurde für sieben Wochen der 41-jährige Michael Meisner sein Nachfolger. Eine Wahl durch die Bevölkerung gab es, wie bei Pinkenburg, nicht, doch war inzwischen zumindest der erste Nachkriegs-Stadtrat gewählt worden und dieser bestimmte am 6. Juni 1946 Meisner, einen angesehenen Juristen, der später Mitherausgeber der Main-Post wurde, zum OB.
CSU in Würzburg verboten
Eigentlich sollte an diesem Tag ein ganz anderer Oberbürgermeister werden, nämlich der 74-jährige Hans Löffler, ein alter Hase der Würzburger Kommunalpolitik. Löffler hatte die Geschicke der Stadt bereits von 1921 bis 1933 gelenkt, als er von den Nazis abgesetzt wurde. Hatte sich Löffler in der Weimarer Republik zur linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei bekannt, so gehörte er jetzt der CSU an.
Zum Zeitpunkt der OB-Wahl war die CSU jedoch von der Militärregierung in Würzburg kurzfristig verboten worden, da das ehemalige NSDAP-Mitglied Kaspar Dürr zum Vorsitzenden gewählt worden war; Löffler lehnte eine Kandidatur ab.
Meisner: Verzicht nach 52 Tagen
Obwohl Michael Meisner, 1946 Mitbegründer der aus dem Stand erfolgreichen „Wahlgemeinschaft Wiederaufbau Würzburg“, am 6. Juni 1946 ebenfalls nicht kandidierte, da er bereits Landrat war, erhielt er 31 von 39 abgegeben Stimmen. Er nahm nach mehrtägiger Bedenkzeit die Wahl unter der Bedingung an, Landrat bleiben zu dürfen.
Als er nach 52 Tagen aufgrund einer neuen Bestimmung vor die Entscheidung gestellt wurde, einen der Posten aufzugeben, verzichtete er auf das Amt des Oberbürgermeisters. Jetzt führte kein Weg mehr an dem erfahrenen Hans Löffler vorbei, denn die CSU war inzwischen wieder zugelassen worden.
Löffler wieder Stadtoberhaupt
Vom August 1946 an war also nochmals Löffler Stadtoberhaupt. Er und die Stadtverwaltung sahen sich mit der praktisch unlösbaren Aufgabe konfrontiert, möglichst schnell Wohnungen zu errichten. Löffler legte das Amt aus Altersgründen am 30. Juni 1948 nieder; zu diesem Zeitpunkt waren immerhin 430 Gebäude, meist an der Peripherie, mit 466 Wohnungen vollendet, während sich 792 Häuser mit 2233 Wohnungen im Bau befanden, häufig aber wegen des Mangels an Material nicht fertiggestellt werden konnten.
OB Nummer fünf und sechs
Löfflers Nachfolger sollte Hermann Hagen werden, der geschäftsführendes Vorstandsmitglied des württembergisch-badischen Städteverbandes und Leiter der städtischen Wirtschafts- und Versorgungsverwaltung in Karlsruhe war. Hagens schwache Gesundheit sorgte dafür, dass er dem Ruf gar nicht erst folgen konnte.
Oberbürgermeister Nummer sechs war der 36-jährige Karl Grünewald, der am 29. Oktober 1948 vom Stadtrat gewählt wurde und danach immerhin gut ein Vierteljahr seine Aufgaben wahrnahm. Dem Mitglied der Bayernpartei kam dann freilich die Entnazifizierung in die Quere. Er wurde suspendiert und im Spruchkammerverfahren später als Nazi-Mitläufer eingestuft; als solcher konnte er nicht OB sein.
1952: Erstmals Wahl durch Bürger
Nach mehrmonatigem Vakuum an der Rathausspitze kehrte am 1. Juli 1949 mit dem parteilosen Franz Stadelmayer für längere Zeit Ruhe ein. Der 58-Jährige hatte bereits vor 1933 der Stadtverwaltung angehört und dann bis zum März 1934 als zweiter Bürgermeister amtiert, bevor er das Amt aus politischen Gründen niederlegen musste. Auf Bitten des Stadtrats kehrte er 1949 aus München zurück, wohin er gezogen war.
Als die Würzburger 1952 erstmals selbst ihr Stadtoberhaupt wählen durften, bestätigten sie Stadelmayer im Amt. In diesem Jahr lebten schon wieder 85.000 Menschen in der Stadt, viele allerdings noch in Notunterkünften, Kellern und Gartenhäusern. 25.000 Bürger waren als Wohnungssuchende gemeldet. Am 30. September 1956 legte Stadelmayer sein Amt nieder, um Intendant des Bayerischen Rundfunks zu werden.
Seit 1956 nur sechs Neue
In den 60 Jahren seither hat Würzburg nur sechs weitere Oberbürgermeister hervorgebracht: Helmuth Zimmerer (parteilos, 1956 bis 1968), Klaus Zeitler (damals SPD, 1968 bis 1990), Jürgen Weber (Würzburger Liste, 1990 bis 2002), Pia Beckmann (CSU, 2002 bis 2008), Georg Rosenthal (SPD, 2008 bis 2014) und Christian Schuchardt (CDU, seit 2014).
Autor Roland Flade berichtet regelmäßig auf seiner Facebook-Seite „Würzburg vor 70 und 100 Jahren“ über Würzburger Ereignisse.
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