Dr. Schmidt: Zwischen OP und Bühne
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Würzburg erleben
10. Juli 2016

Symbolbild Würzburg
Bodybuilder und Mediziner
Fast nackt und tiefbraun, am anderen Tag im weißen Kittel mit Skalpell – so lebt Dr. Christian Schmidt. Er vereint zwei extrem zeitintensive, fordernde Lebenswelten. Neben seiner Arbeit als Assistenzarzt ist er Bodybuilder. Als Natural Bodybuilder hat er bereits ordentlich abgesahnt. Unter anderem erreichte er den Vizeeuropameistertitel. Im Interview erzählt er über seinen Spagat zwischen zwei extremen Leidenschaften. Außerdem haben wir ihn zum Thema Stereoide, seinen Zielen und Schwierigkeiten gefragt.
WE: Welche Leidenschaft kam zuerst? Bodybuilding oder Medizin?
Dr. Christian Schmidt: Die Liebe zu diesem Sport zuerst. Ich begeisterte mich bereits als Jugendlicher, wie wahrscheinlich die meisten anderen auch, für muskulöse Körper. Natürlich geprägt von den Actionfilmen der 80er und 90er mit Arnold Schwarzenegger und Co. Mit 15 fing ich zu Hause mit Liegestützen und Situps an. In dieser Zeit spielte ich noch Fußball im Verein. Doch der Bodybuilding Virus hatte mich infiziert. Ich intensivierte mein Training, kaufte Hanteln, Zeitschriften, versuchte mich „sportspezifischer“ zu ernähren. Die ersten Ergebnisse waren unglaublich für mich. Angespornt durch den wachsenden Bizeps meldete ich mich schließlich mit 16 in einem Fitnessstudio an. Fortan trainierte ich 5 mal pro Woche. Fußball gab ich schließlich ganz auf.
11 Wochen Tortur
Zur Zivildienstzeit wechselte ich das Studio und lernte dort einige Wettkampfathleten kennen. Dort entstanden auch erste Pläne, an einem Bodybuildingwettkampf teilzunehmen. Gesagt getan. Ich absolvierte eine Wettkampfdiät und verlor binnen 11 Wochen 19 Kilogramm. Auf der Bühne hatte ich ein Gewicht von 79,9 kg. Diese Diätphase war damals das Härteste was ich jemals durchgemacht habe.
Medizinstudium in Würzburg
Im Rahmen des Zivildienstes absolvierte ich noch eine Ausbildung zum Fitness- und Ernährungstrainer – primär, um mein eigenes Wissen in diesem Sport zu erweitern. Dadurch kam ich in Kontakt mit der Anatomie des Körpers, Muskelfunktionen… Da kam letztlich die Idee, Medizin zu studieren. Also bewarb ich mich für Medizin und fand mein Studentenglück in Würzburg.
WE: Was sind Deine weiteren Ziele?
Dr. Christian Schmidt: Beruflich gesehen befinde ich mich gerade im letzten Jahr als Assistenzarzt. Im Anschluss möchte ich mich als Orthopäde/ Unfallchirurg niederlassen und als Belegarzt 2 bis 3 Tage wöchentlich in einer Klinik operieren. Zudem werde ich mich auf dem Gebiet der Sportmedizin weiterbilden.
Zwei Jahre „off season“
Sportlich gesehen wurde ich bereits für meine harte Arbeit belohnt: Vizebayerischer Meistertitel, Deutscher Meistertitel im Natural Bodybuilding im Schwergewicht sowie Vizeeuropameistertitel. Ob ich jemals daran anknüpfen kann wird sich zeigen. Jetzt kommen erstmal zwei Jahre „off season“, also eine Wettkampfpause. Mein Körper muss sich von den Strapazen durch Diät, Training und Diabetes Typ I erholen. Außerdem werde ich die Zeit nutzen, um Dinge nachzuholen, die während 20 Wochen Wettkampfvorbereitung liegen geblieben sind. Meine Freundin steht dann an erster Stelle. Sie hat mich zu 100% unterstützt und wie ich gelitten. Während der Vorbereitung gab es neben dem Fokus auf den Wettkampf nichts anderes für mich.
Bis ins hohe Alter
Selbstverständlich möchte ich irgendwann wieder auf die Bühne. Wobei man ja dann aufhören sollte wenn es am schönsten ist. Und der Erfolg dieser Saison wird höchstwahrscheinlich nicht wiederholbar sein. Das Schöne am Natural Bodybuilding ist jedoch dass man es bis ins hohe Alter betreiben kann. Von welchem Leistungssport kann man das heute behaupten?
WE: Wie sieht Dein Trainingsalltag aus?
Dr. Christian Schmidt: In der off season trainiere ich nur 4 bis maximal 5 mal pro Woche, wobei ich nach einem sogenannten Split trainiere. Das bedeutet, der Körper wird in Bereiche aufgeteilt. Je nach Trainingstag wird ein großer und eventuell ein kleiner Muskel mit vielen Übungen, Sätzen und Wiederholungen belastet. Cardiotraining steht dann kaum an, denn es geht darum, Muskelmasse aufzubauen.
In der Wettkampfvorbereitung trainiere ich mehr: 6 bis 7 Krafttrainingseinheiten pro Woche plus 6 bis 7 Cardioeinheiten. Ziel in dieser Phase ist es, möglichst viel Fett zu verlieren und gleichzeitig hart antrainierte Muskelmasse zu erhalten.
WE: Was schlemmst Du nach einer Wettkampfdiät?
Dr. Christian Schmidt: Während der Diät steigt der Appetit von Tag zu Tag ins schier Unermessliche. Jeder Geruch von gutem Essen führt zu Gelüsten. Am liebsten esse ich direkt nach dem Wettkampf Burger oder Döner und natürlich Schokolade. Ich liebe Schokolade. In der Diät verzichte ich völlig auf Milchprodukte, Süßigkeiten, süße Getränke, Obst und natürlich Alkohol. Selbst Süßstoffe konsumiere ich nicht. Deshalb wird hinterher alles verschlungen was monatelang „verboten“ war.
WE: Wie passen Bodybuilding und Gesundheit für Dich zusammen?
Dr. Christian Schmidt: Das Leistungsniveau des allgemein bekannten „normalen“ Bodybuilding ist meist nur durch Medikamenten- und Drogenmissbrauch erreichbar. So ist es auch bei vielen anderen Leistungssportarten. Der Unterschied ist, dass im Bodybuilding die „einzige“ Leistung des Athleten die Optik ist. Steroidkonsum sieht man Bodybuildern sofort an.
Ehrliche Arbeit
Ich betreibe schon immer Natural Bodybuilding. Das bedeutet, ich verzichte auf chemische Hilfsmittel. Damit halte ich mich an meine genetischen Grenzen. Natürlich wirke ich dadurch wesentlich weniger muskulös als andere Bodybuilder. Jedoch ist meine Muskelmasse durch ehrliche Arbeit und eigene Leistung entstanden. Ich verurteile niemanden, der sich für den nicht-natürlichen Weg entscheidet. Solche Athleten sind diszipliniert und leiden genau wie naturale Athleten. Sie erreichen einfach ein anderes Level.
Ungesunder Leistungssport
Wie ich ihn betreibe, ist dieser Sport nicht ungesund. Im Gegenteil: Der Bewegungsapparat profitiert bis ins Alter. Die Phase vor einem Wettkampf ist dagegen weniger gesund. Das liegt mitunter am Entwässern und Salzentzug. Beides ist notwendig, um auf der Bühne alle Details in den Muskel sichtbar zu machen. Ein gesunder Körper steckt das jedoch problemlos weg. Letztendlich ist kein Sport auf Leistungsniveau immer nur gesund.
WE: Müsstest Du wählen – Bodybuilder oder Unfallchirurg?
Dr. Christian Schmidt: Oh das ist schwierig. Ich glaube als Profibodybuilder möchte und könnte ich nicht Leben. Das würde ein Leben in ständiger Askese bedeuten. Dafür liebe ich das normale Leben neben Sport und Wettkampf zu sehr. Unfallchirurgie ist mein Beruf, meine Existenzgrundlage und natürlich auch eine Leidenschaft. Weder das Eine noch das Andere möchte ich missen.
WE: Dein Tipp an angehende Mediziner und Bodybuilder?
Dr. Christian Schmidt: Wenn der Sport und das Leiden keinen Spaß machen, sollte man sich etwas anderes suchen. Bodybuilding ist ein wunderschöner Sport, der mir viel gegeben hat, aber auch unheimlich viel fordert. Wäre die Leidenschaft nicht da, hätte ich mir einen „entspannteren“ Sport gesucht. In keinem anderen Sport lässt sich der Körper so gezielt gestalten. Das finde ich nach wie vor faszinierend.
Medizin ist tatsächlich vergleichbar – ein toller Beruf, der viel gibt und viel fordert. Auch hier mein Tipp: Um etwas zu erreichen, muss man sich durchbeißen, Ehrgeiz und Disziplin zeigen. Harte Arbeit macht sich bezahlt.

