Das Leben in vollen Zügen

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Katharina Kraus

22. Dezember 2016

Würzburg - Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Würzburg

Symbolbild Würzburg

Ein Gastbeitrag von Michael W. Liebl.

Unterwegs mit dem Nachtzug

Von Würzburg über München nach Rom – mit dem Nachtzug. Zwölf Stunden lang, mehr als tausend Kilometer Schienenstrecke, laut, dreckig, unbequem, antiquiert, kurzum: ein Abenteuer, wie es im Buche steht. Bevor die Deutschen Bahn Ende des Jahres die traditionsreiche City-Night-Line-Verbindung endgültig still gelegt hat, sind wir noch ein letztes Mal eingestiegen.

Relikt vergangener Jahrhunderte

In einer Zeit, in der man für ein Butterbrot schnell zum Shoppen nach London oder Paris jetten kann, ist das Reisen für die meisten zur Normalität geworden. Und an Bord eines Billig-Fliegers mit gestressten Eltern, schreienden Kindern und streitenden Pärchen auf Wochenend-Trip hat sich die Flucht aus dem 0815-Einerlei sowieso erledigt. Wer heute noch um der Reise selbst willen reisen möchte und nicht bloß, um anzukommen, sieht sich nach Alternativen um. Beinahe wie ein Relikt aus vergangenen, romantischeren Jahrhunderten tuckert er nun daher: der Nachtzug.

Synonym für Erfahrungen, die bedeutend mehr wert sind, als unzählige Festplatten mit digitalen Urlaubsfoto-Leichen, die man sich ohnehin niemals mehr ansieht. Ein zeitlos unbequemes, unästhetisches, lautes und wackeliges Refugium für Backpacker, Sonderlinge und Menschen, denen man eigentlich nicht einmal bei gleißendem Sonnenlicht mittags um 14 Uhr in einer belebten Fußgängerzone begegnen wollen würde. Kurz gesagt: ein klein wenig Aufregung in einer unaufregenden Welt.

Espresso zur Hölle?

Ich muss gestehen: Ich reise nicht gern. Warum? Einpacken, auspacken, einchecken, auschecken, einladen, ausladen, ankommen, abreisen, Uhren umstellen – all das widerstrebt meinem gemütlichen Gemüt. Aber sei’s drum: Der Kern des menschlichen Lebens bildet sich aus neuen Erfahrungen. Und für die Liebe tut man bekanntlich einiges. Da sich meine Freundin entschlossen hat, ihr nächstes Studienjahr in Rom zu verbringen – Würzburg ist schön und gut, aber als Archäologin gibt es in der italienischen Hauptstadt doch ein klitzekleines Bisschen mehr zu entdecken – stellte sich für mich irgendwann die Frage:

„Wie kommst Du da hin?“ Von den zahlreichen „Notruf an Bord der 737“ oder „Die Katastrophe von Flug ABC1234“-Filmen auf einschlägigen TV-Sendern gehörig verunsichert, flog die luftige Option für mich sprichwörtlich aus dem Möglichkeiten-Katalog. Und mit dem Auto nach Italien zu fahren – dass das nicht gut gehen kann, haben die Älteren unter uns noch von „Go Trabbi, go“ in Erinnerung. Für’s Pilgern habe ich meiner Meinung nach noch nicht genug Sünden begangen – blieb nur noch der Nachtzug.

„Komfortklasse“ im 6er-Abteil

Also informierte ich mich bei der freundlichen Bahnmitarbeiterin – und war überrascht. Circa 150 Euro kostete mich das City-Night-Line-Ticket, inklusive ICE-Transfer nach München. Hätte ich früher gebucht, wäre ich auch mit rund 60 Euro hin und zurückgekommen – inklusive Steuern und soviel Gepäck, wie ich tragen könnte, wenn ich stärker wäre! Aus Mangel an weiteren finanziellen Mitteln und Erlebnis-Lust wählte ich die „Komfortklasse“ im 6er-Abteil. Liege- oder gar Schlafwagen wären aufpreispflichtig gewesen – und auch auf gewisse Art nicht ganz so „ehrlich“. Die Fahrt von München Hauptbahnhof nach Roma Termini mit dem CNL dauert exakt 12 Stunden. Ein Klacks – oder?

Runaway Train

Das spannende am Nachtzug ist nicht der Nachtzug, sondern die Menschen. Als ich um 20 Uhr in München aus dem ICE stieg, fand ich am Nachtzug-Gleis ein buntes Sammelsurium an Mitreisenden aus aller Herren Länder, umgeben von einem undurchdringbaren Sprachengewirr. Also Attacke, rein in die Höhle des Löwen. Platz gesucht, Platz gefunden und – gewundert. Von Außen war der DB-CNL schon nicht so ganz der Orient-Express – und von Innen auch nicht! Das Abteil maß gerade ein paar Quadratmeter, die Gepäckablage über meinem Kopf fasste kaum mehr als mein Backpack – aber wie gesagt: Nicht der Nachtzug an sich zählt, ebensowenig der Komfort sondern die Menschen. Also wartete ich gespannt auf meine Konversationspartner für die nächsten Stunden.

Dazu ein kleiner Exkurs: Im Grunde besteht im DB-CNL eine Reservierungspflicht. Das bedeutet: Man kann eigentlich kein Ticket kaufen, ohne gleichzeitig einen Sitzplatz zu ordern. Eigentlich! Anscheinend schaffen es doch ein paar gewiefte Menschen, weshalb ich die ersten dreißig Minuten circa 20 Personen „kennernlerne“, die im Nachtzug nach Rom Reise nach Jerusalem spielen. Das heißt: aufstehen, platznehmen, aufstehen, platznehmen, meckern, meckern, meckern, aufstehen, platznehmen, verschwinden.

Italiener und Psychologin

Nach diesem bunten Spielchen schien sich meine Gesellschaft für die Nacht nach einiger Zeit zu manifestieren: Ein junger namenloser Italiener (namenlos deshalb, weil er natürlich kein Englisch sprach und ich nicht wusste, wie man auf jemanden auf Italienisch nach seinen Namen fragt), der auf dem Oktoberfest war und mit zwei Maß auch noch Nachtzug fahren kann sowie eine Psychologin mittleren Alters aus Würzburg, die in diesem Text bestimmt ein Indiz dafür sieht, dass ich eigentlich nur meinen Vater töten und mit meiner Mutter schlafen möchte. Sechs Plätze, drei belegt, fehlten also noch drei. Ich wartete gespannt, während ich mir alle Mühe gab, mich aus dem verhaltens-analysierenden Blickfeld der Psychologin fernzuhalten und möglichst immer nur „ja“, „nein“ oder „öhm“ auf ihre Fragen zu antworten.

La Familia

Darmstadt. Kein Ort, an dem man gewesen sein muss. Wie das schon klingt. DARM-Stadt. Tobi kommt aus Darmstadt. Und Kati. Und Jenny auch. Das ist an sich nicht das Problem. Das Problem sind vielmehr ihre 67 Klassenkameraden, die eben auf die Idee kamen, eben an jenem Tag eine Klassenfahrt mit dem Nachtzug nach Rom zu unternehmen. Als ich gerade versuchte, dem namenlosen Italiener per Langenscheidt-Wörterbuch zu erklären, wie ich heiße und dabei aus dem Augenwinkel misstrauisch auf die Psychologin schielte, erschütterte das Getrampel von rund 140 Füßen die Erde unter uns. Die Klassen hatten tatsächlich den kompletten Wagon reserviert – bis auf meinen Platz, den des Namenlosen und den der Psychologin.

Gemeinsame Odysee

Die nächsten 15 Minuten bis zur Abfahrt bestanden hauptsächlich darin, dass merkwürdig aussehende Schüler in unser Abteil guckten, grinsten, sich setzten, aufstanden und vor allem schrien: „Hey, wo müssen wir hin, Hey, wo müssen wir hin. Hey hey hey“. Das ging so lang, bis sich schließlich Tobi, Kati und Jenny in unser Abteil setzten, die – ich dankte Gott dafür – eher zu dem ruhigeren Schülertypus gehörten.

Kurze Zeit später setzte sich der Nachtzug endlich in Bewegung und unsere gemeinsame Odyssee begann. Denn wenn es ein Gesetz im Nachtzug gibt, dann dieses: Für die Zeit, die du damit fährst, ist dein Abteil deine Familie. Man schläft zusammen, man vertraut sich (wohl oder übel muss man das), man schwitzt zusammen und man fühlt sich zusammen nach der Fahrt irgendwie „bääääh“.

Unterwegs

Zeit. Davon hat man an Bord des Nachtzugs genug. Vor dem Fenster ziehen im Dunkeln die Landschaften vorbei, erkennbar werden nur schemenhafte Umrisse von Hügeln, Feldern, Straßen. Städte und ihre Bahnhöfe bieten dem suchenden Auge dann und wann flüchtige Anhaltspunkte. Die ersten Stunden auf dem Weg nach Rom verbrachten wir mit halb-verlegenen Small-Talk-Gesprächen. Dabei erfuhr ich nur sehr wenig über die Persönlichkeiten hinter den Menschen und gab im Gegenzug nur sehr wenig von mir Preis.

Im Nachhinein mag das wohl daran gelegen haben, dass ich es – wie wahrscheinliche viele – schlichtweg nicht mehr gewohnt bin, mit völlig Fremden ein Gespräch zu beginnen, dass über die üblichen „Wo kommen Sie her“ und „Was arbeiten Sie“ hinausgeht.

Sprachbarrieren & Co.

Als die Uhr kurz vor zwölf zeigte, verfolgte schließlich jeder seine individuelle Strategie. Die drei Schüler sahen sich Filme auf einem Tablet an, die Psychologin verfiel in Schlaf, der immer wieder jäh durch den enormen Lärm der Schulklasse an Bord des Wagons unterbrochen wurde – lediglich der namenlose Italiener war gelegentlich zu einem kurzen Gespräch bereit – auch wenn die Sprachbarriere beinahe unüberwindbar zwischen uns stand. Bemerkenswert, wie ungleich interessanter ein Mensch sein kann, einfach nur, weil er aus einem anderen Land kommt … Und so zogen die weiteren Stunden mal schnell, mal langsam auf den endlosen Gleisen dahin, zwischen Langenscheidt-Wörterbuch, kurzen Schlaf-Phasen, meinem iPod mit „Die Vermessung der Welt“ und – stilecht – Goethes Italien-Reise in gedruckter Form.

Schulter an Schulter

Wer im Nachtzug fährt, sollte gelenkig sein. Nicht nur, weil die Komfort-Klasse ihren Namen nicht einmal im Ansatz verdient – auch weil es mit fortgeschrittener Uhrzeit immer schwieriger wird, das Abteil zu verlassen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war endlich auch ein Großteil der Schüler in den umliegenden Abteilen eingeschlafen (natürlich im Suff!) und auch in meinem Abteil hörte man nicht mehr viel außer den regelmäßigen Atemzügen meiner „Familienmitglieder“. Schulter lehnte an Schulter und Füße lagen kreuz und quer auf allen Sitzen und in alle Richtungen.

Down to earth

Pech, wer sich da ein Fensterplatz gebucht hatte und nachts auf die Toilette musste. Also Pech für mich. Sportliche Betätigung mitten in der Nacht, kurz nach Bologna und einigen unregelmäßigen Stops in der norditalienischen Butnik. Mit Indiana-Jones-artiger Grazie hangelte ich mich in Richtung Abteil-Tür, trat dabei trotz äußerster Vorsicht allen Mitfahrern in alle möglichen Körperteile.

Endlich auf dem Gang angekommen war ich überrascht: Tatsächlich saßen dort einige Zugreisenden auf den Notsitzen oder lagen gar in den Gängen beziehungsweise im Fahrradabteil. Hallo Bandscheibenvorfall! Wie die Toiletten im Nachtzug nach Benutzung von wohl über hundert Leuten anmuteten, verschweige ich an dieser Stelle. Das muss man erlebt haben! Da bekommt „Down to earth“ eine ganz neue Bedeutung.

Soul Asylum

Zwölf Stunden im Zug sind eine lange Zeit – dachte ich. Schon die zweistündige ICE-Fahrt nach München kam mir ewig vor. Allerdings fühlte ich mich nach den ersten Kilometern im Nachtzug sehr wohl – aus welchen Gründen auch immer. Es war wie erwartet äußerst unbequem, stickig, laut, dreckig und auch die Konversationen erwiesen sich nicht als tiefgreifende philosophische Diskussionen um den Sinn des Lebens.

Roma Termini

Als der Zug um exakt 9:05 Uhr am Morgen in Roma Termini einlief, verschwanden die Menschen so schnell aus meinem Leben, wie sie gekommen waren. Ab da ging jeder wieder seinen eigenen Weg. Ich trottete etwas gedankenversunken in Richtung Ausgang, umringt vom Trubel, wie es ihn nur auf einem italienischen Bahnhof geben kann, und suchte mit selbst ein Fazit meiner Reise:

Vielleicht muss man öfter mit dem Nachtzug fahren, seine Scheuklappen komplett ablegen und noch offener mit den Menschen umgehen, um in der begrenzten Zeit wirklich etwas von ihnen zu erfahren. Ich kann nicht sagen, dass mir die Fahrt keinen Spaß gemacht hat. Um ehrlich zu sein: Spaßiger bin ich seltener gereist – unkomfortabler natürlich auch, aber mit 27 hält man so einiges aus. Letzten Endes kam ich zu dem Schluss: Wer im Nachtzug fährt, sucht Erlebnis, Aufregung, interessante Stunden, ein bisschen Ungewissheit – und vielleicht auch ein bisschen sich selbst.

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