„Ich möchte schmerzfrei durch die Stadt“
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Würzburg erleben
15. März 2017

Norbert Sandmann. Foto: Sabrina Muth
Stadtbesuch wird zur Tortur
Platten, Pflaster, Stufen – beim Gang durch die Innenstadt nehmen wir unseren Untergrund meist gar nicht wahr. Was für uns nebensächlich ist, wird für Rollstuhlfahrer und auch Nutzern von Rollatoren zur Bewährungsprobe.
Barrierefreiheit ist für Menschen mit Behinderungen unabdingbar und bedeutet, dass die gesamte Umwelt so gestaltet wird, dass sie von Menschen mit Beeinträchtigungen ohne Erschwernis und fremde Hilfe wahrgenommen werden kann. Wir sind mit Norbert Sandmann, der seit drei Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, durch die Innenstadt und haben uns die Situation in Schweinfurt mal angeschaut.
Kopfsteinpflaster und zu steile Rampen
„Die Stadt macht viel, was aber wirklich schlecht ist, ist das viele Kopfsteinpflaster“, erklärt uns Norbert unterwegs. Denn die Pflastersteine führen zu Erschütterungen, was wiederum Schmerzen verursacht. Ein großes Problem sieht er in der Spitalstraße. Die Plattenwege sind immer wieder mit Plaster durchzogen. Für ihn ist es schlichtweg unmöglich, die Straße Richtung Marktplatz erschütterungs- und damit schmerzfrei zu durchqueren.
In dieser Woche starteten die Sanierungsarbeiten in der Spitalstraße. Wird sich hier womöglich künftig etwas ändern? Wir haben bei der Stadt Schweinfurt nachgefragt und die Auskunft bekommen, dass sich am Belag der Straße auf Grund der schonenden Bauweise nichts ändern werde. „Darüber hinaus handelt es sich ja um keine städtische Baumaßnahme, sondern um eine der Stadtwerke Schweinfurt GmbH, d.h. es wird nicht die Straße saniert, sondern nur die darunter befindlichen Gasleitungen, erklärt uns die Pressestelle“.
Keine Möglichkeit hineinzukommen
Aber nicht nur das Pflaster wird für Norbert zum Stolperstein, in viele Geschäfte und Gaststätten kann er überhaupt nicht hinein. Stufen machen den Eintritt für ihn unmöglich. Im Vergleich zum europäischen Ausland bedarf es hierzulande und auch in Schweinfurt immer noch einiger Mühe, ein Restaurant oder einen Modeladen mit barrierefreien Zugang zu finden. Sind Rampen vorhanden, sind diese oft zu steil.
Und das ist nicht nur an direkten Geschäftseingängen der Fall. Beispielsweise ist zwischen Marktplatz und Cinema Bar kein Weiterkommen, die Steigung der Rampe ist viel zu groß. Essensgänge müssen somit weit im Voraus geplant werden. Etliche Bäckereien oder Cafes rund um den Marktplatz bleiben komplett verwährt.
Straßenbeläge unter der Lupe: Top oder Flop
Die Keßlergasse ist laut Norbert top für Rollstuhlfahrer. Rund um den Marktplatz hat man neben den Platten immer wieder Pflastersteine. Quer über den Platz führt zwar ein Plattenweg durch das Pflaster, dieser ist allerdings sehr schmal und wird bei Veranstaltungen häufig mit Ständen oder Stehtischen zu gestellt. „Was auch unmöglich ist, ist die Johanniskirche. Da hat man keine Möglichkeit barrierefrei hinzukommen“, erklärt uns Norbert. Ebenso wie zum Schrotturm.
Barrierefreiheit muss verstanden werden
Norberts Wunsch ist es, dass Barrierefreiheit verstanden wird. „Jeder sagt, oh ja ich bin für Barrierefreiheit, aber die verstehen es gar nicht. Die sagen da ist eine Stufe, da kann man ja rauf helfen. Aber das hat nichts mit Barrierefreiheit zu tun“, erklärt er uns beim Rundgang. In seinen Augen wird zudem oft unüberlegt gehandelt und nicht an barrierefreie Aspekte bei Baumaßnahmen gedacht. Hauptziel ist es für Norbert daher, die Barrieren in den Köpfen der Entscheidungsträger abzubauen. Wenn diese die Dinge aus Sicht der Behinderten sehen, werden Hindernisse verschwinden, so Norbert.
https://youtu.be/u49HcsX6Owc
Doch was bedeutet Barrierefreiheit eigentlich konkret? Damit Wege überhaupt barrierefrei sind, müssen sie laut Definition u.a. stufenlos und erschütterungsarm sein. Zudem ist eine Mindestbreite von 1,80 Metern für die Rollstuhlfahrer wichtig. Bei Rampen gilt eine Steigung bis 6 Prozent als barrierefrei, „da kommt dann auch ein schwächerer Rollstuhlfahrer hoch“, fügt Norbert der Norm hinzu.
Autos blockieren die Gehwege
Mit Behindertenparkplätze ist Schweinfurt relativ gut ausgestattet, auch in den Wehranlagen sind nach Norberts Engagement drei neue Plätze geschaffen worden. Allerdings belegen immer wieder nicht berechtigte Autofahrer die dringend benötigten Behindertenparkplätze. Auch das Gehwegparken ist ein Problem. Blockieren die Autos die Gehsteige, hat man mit dem Rollstuhl oder Kinderwagen keine Möglichkeit durchzukommen. Neben der Beeinträchtigung ist Gehwegparken, wenn es nicht ausdrücklich ausgeschildert ist, verboten und kann mit einem Bußgeld von 35 Euro geahndet werden.
Nur nicht auf Toilette müssen
„Wenn man Abends in die Stadt geht, sollte man nicht so viel trinken“, berichtet uns Norbert. In der Innenstadt gibt es nur eine Behindertentoilette am Roßmarkt, ansonsten kann man während der Dienstzeiten das Rathaus aufsuchen. Haben Geschäfte Behindertentoiletten, kommt es nicht selten vor, dass diese zu schmal sind, Haltegriffe fehlen oder die Toiletten gar zugestellt sind und als Lagerräume für Putzzeug oder Kinderstühle genutzt werden.
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