Wenn aus Spielen eine Sucht wird
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Würzburg erleben
22. Mai 2018

Symbolfoto Glücksspielautomat. Foto: Pascal Höfig
Wir spielen seitdem wir klein sind und haben auch im Erwachsenenalter noch Freude daran. Denn es ist eine schöne Abwechslung zum sonst recht ernsten Alltag und macht vor allem in einer gemeinsamen Runde Spaß. Doch was ist, wenn aus Spielen Ernst wird? Was ist, wenn man alles auf eine Karte setzt und vom Spielwahn nicht mehr los kommt?
Ruckzuck im Bann der Spielsucht
Man trifft sich in der Freizeit zu einer kleinen Poker- oder Skatrunde und spielt um kleine Geldbeträge. Mal gewinnt man und mal verliert man eben – ganz normal. Doch für manche wird das Spielen immer wichtiger, sie verlieren die Kontrolle und investieren immer mehr Zeit und Geld in die Glücksspiele. Wie bei vielen Suchterkrankungen auch, entwickelt sich die Spielsucht in verschieden Phasen, wobei der Beginn einer Sucht schwer zu bestimmen ist. Glücksspiele unterscheiden sich von anderen Spielen in dem Sinne, dass man Geld oder einen Vermögensgegenstand einsetzt. Außerdem entscheidet meist der Zufall, wie das Spiel ausgeht.
Gewinnphase
In der ersten Phase, auch Gewinnphase genannt, ist der Spielende zunächst euphorisch, denn er hat immer wieder kleine Summen gewonnen. Der Erfolg wird auf das eigene Geschick zurückgeführt, dass es jedoch eher auf Glück und Zufall beruht, wird ausgeblendet. Der Spielende ist guter Dinge, spielt weiter um noch größere Gewinne zu erzielen. Dabei bemerkt er nicht, dass er bereits in die Spielsucht hineingerutscht ist. In der „Glückszene“ werden zunehmend Kontakte geknüpft, man taucht in eine andere Welt und ist in der Einstiegsphase sehr risikobereit.
Gewöhnungsphase
Was folgt ist die kritische Gewöhnungsphase, in der der Spielende durch die höheren Verluste bereit ist, auch höhere Beträge einzusetzen. Das Spielen wird für die Betroffenen immer wichtiger, unzählige Stunden werden in der Spielhalle verbracht und dabei Familien und Freunde vernachlässigt. Oft kommt es dazu, dass sich die Glücksspieler Geld leihen und sich regelrecht Ausreden dafür ausdenken. Allerdings kann in dieser Phase das Glückspielen noch gebremst werden.
Verzweiflungsphase
Im dritten Stadium, auch Verzweiflungsphase genannt, hat der Betroffene komplett die Kontrolle über das Spielen verloren. Der Gewinn wird sofort wieder eingesetzt, Beginn und Ende des Spielens kann kaum noch unterschieden werden. Alles dreht sich nur noch um das Glücksspiel, die Ausreden für die Familie und die Freunde werden größer, die Selbstverzweiflung wächst. Bei vielen treten Entzugserscheinungen auf, welche sogar zu Selbstmordgedanken führen können. Von der anfänglichen Freude ist nichts mehr zu spüren, so automatisch-verloren.de.
Wie kann man helfen?
Wie kann man nun Menschen, die spielsüchtig sind, aus ihrer Sucht heraus holen und wer verfällt vor allem der Spielsucht? Petra Müller, Leiterin der psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme des Caritasverband Würzburg hat uns diese Fragen aus ihrer Erfahrung heraus beantwortet.
Würzburg erleben (WE): Wer verfällt denn vor allem der Spielsucht?
Petra Müller: „Es existiert keine eindeutige Spielercharakteristik, häufigstes gemeinsames Merkmal ist vor allem das Geschlecht (junge Männer sind besonders gefährdet). Entstehungs- und aufrechterhaltende Bedingungen einer Suchterkrankung sind nie monokausal zu erklären, sondern abhängig von dem Zusammenwirken von psychischen/biologischen Faktoren, Umwelterfahrungen und wiederholter Suchtmittelexposition (Anm.d.Red. „wiederholt Suchtmitteln ausgesetzt sein“).“
WE: Wie sieht der Weg aus der Sucht heraus aus?
Petra Müller: „Eine ambulante Behandlung, z.B. in einer Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme kommt bei pathologischen Glücksspielen in Betracht, wenn das soziale Umfeld des Betroffenen eine unterstützende Funktion hat, eine stabile Wohnsituation vorhanden ist und/oder der pathologische Glücksspieler beruflich noch so ausreichend integriert ist, dass spezifische Leistungen zur Vorbereitung einer beruflichen Wiedereingliederung voraussichtlich nicht erforderlich sind.“
WE: Wie unterstützt der Caritasverband die Betroffenen?
Petra Müller: „Die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern finanziert in Würzburg eine Fachstelle für pathologische Spieler, welche an die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme (PsB) angegliedert ist. Neben Beratung/Therapie zur Förderung von Veränderungsbereitschaft, Aufarbeitung der Suchtproblematik, Durchführung spezieller Maßnahmen und Rückfallprophylaxe, bietet die PsB seit Januar 2009 eine Gruppe für pathologische Spieler an. Die therapeutisch angeleitete Gruppe trifft sich wöchentlich und ist offen für Menschen, die sich für die Beendigung ihres Glücksspielens oder pathologischen PC-Spielens entschieden haben.“
Angehörige brauchen Hilfe
Auch Angehörige von abhängigen Spieler/innen leiden häufig psychisch und physisch unter der belastenden Situation der Sucht des Betroffenen. Meist fanden über eine längere Zeitspanne gescheiterte Versuche statt, dem Betroffenen „Unterstützung“ anzubieten: Begleichen von Rechnungen und Schulden, Übernahme von Verpflichtungen und Verantwortung für den Spieler, sei es in beruflichen oder privaten Belangen – in den meisten Fällen führte dies jedoch oftmals nicht zum gewünschten Effekt, sondern verlängerte eher die Abhängigkeit des Betroffenen, so Petra Müller.
Deshalb ist es für Angehörige wichtig, dahingehend unterstützt zu werden, klare Grenzen zu ziehen und Sorge für sich zu tragen. Die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme in Würzburg bietet daher neben der Beratung von Angehörigen, ein Entlastungstraining psychoedukativ (ETAPPE) und auch eine therapeutisch angeleitete Gruppe für Angehörige von pathologischen Spielern an.
Stationäre Rehabilitation
Eine stationäre Rehabilitation kommt bei pathologischen Spielern insbesondere in Betracht, wenn das soziale Umfeld des Betroffenen keine ausreichende unterstützende Funktion (mehr) hat, eine stabile Wohnsituation nicht vorhanden ist und/oder dem Klienten auch die Fähigkeit zur aktiven Mitarbeit fehlt.
Hilfe holen ist keine Schande
Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen haben ca. 455.000 Deutsche mit der Spielsucht zu kämpfen. Die Spielsucht ist also keine Seltenheit. Für Betroffene ist es besonders wichtig, sich Hilfe zu holen und über die Sucht zu sprechen. Zögert bitte also nicht, euch professionelle Hilfe zu holen, wenn ihr selbst betroffen seid oder jemand in eurem Umfeld! Eine Anlaufstelle ist die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme (Röntgenring 3). Außerdem bietet die Ambulanz für Spielsucht der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz anonyme und kostenlose Beratungen an. Zudem gibt es die Hotline Glücksspielsucht. Unter 0800-0776611 können sich Betroffene und Angehörige hier professionell beraten lassen.

