ÖPNV Schweinfurt: Zwei Gastbeiträge zur Fahrplanänderung

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22. Januar 2019

Linienbus in Schweinfurt. Symbolfoto: Pascal Höfig
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Linienbus in Schweinfurt. Symbolfoto: Pascal Höfig

Für viel Aufregung sorgte in letzter Zeit der neue Fahrplan der Schweinfurter Stadtwerke. Vor allem Bewohner der Gebiete Hochfeld, Gochsheim, Haardt und Sonnenteller/Eselshöhe waren von Streichungen betroffen. Glücklicherweise hat der Aufsichtsrat der Stadtwerke Schweinfurt mittlerweile eine Ausweitung des Angebots des seit 1. Januar 2019 geltenden Fahrplans beschlossen. Mit der Ausweitung des Angebots sollen nun Takte und Betriebszeiten des laufenden Fahrplans wieder spürbar erhöht werden. Noch vor dem Beschluss erreichten unsere Redaktion zwei Meinungsbeiträge von betroffenen Schweinfurterinnen.

Isabella:

„Ich wohne seit 8 Jahren in Schweinfurt und nutze seither intensiv den Stadtbus, sowohl beruflich als auch für meine diversen Ehrenämter und Freizeitaktivitäten. Die Taktung in Richtung Haardt, wo ich früher gewohnt hatte, wie auch zur Eselshöhe, wo ich jetzt wohne, lag tagsüber im Halbstundenrhythmus und auch am Abend, nach 20 Uhr, fuhren noch drei Busse nach Hause. Damit konnte man gut klarkommen.

Der neue Busplan hat uns aber jetzt wochentags und sonntags dazu verdammt, abends zu Hause zu bleiben oder mit dem Auto zu fahren. Letzteres habe ich – soweit es ging – aus ökologischen Gründen wie auch der Innenstadt zuliebe vermieden. Überall wird versucht, den öffentlichen Personennahverkehr attraktiver zu machen, nur in Schweinfurt werden die Uhren rückwärts gedreht.
Viel schlimmer ist das Ganze noch für Menschen, die kein Auto bzw. keinen Führerschein (mehr) haben und nicht mobil genug sind zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Für diese Menschen heißt es ab jetzt: „Ihr bleibt zu Hause, ihr habt ja schließlich den Samstag!“ Das ist eine Einschränkung der Lebensqualität, die für die Betroffenen unzumutbar ist. Darüber hinaus gibt es auch eine Reihe von Menschen, deren Arbeitszeiten so sind, dass sie abends nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kommen. Viele haben auch nicht die Möglichkeit aufs Auto umzusteigen. Das ist für Viele ein großes Ärgernis, für Manche sogar jobgefährdend.

Mit fehlt jegliches Verständnis für diese rigorosen Kürzungen. Der öffentliche Nahverkehr kann ebenso wenig wie andere kommunale Einrichtungen (Theater, Schwimmbäder u.a.) kostendeckend arbeiten. Eine adäquate Versorgung der Bevölkerung muss hier die Maxime sein und nicht Kostendeckung oder gar Gewinne. Die Werbung unseres relativ reichen Schweinfurts mit Industrie und Kultur klingt wie Hohn, wenn sie darauf verzichtet, diese für alle erreichbar zu machen.“

Sandra:

„Es war der 01.01., Feiertag, ich plante am Morgen, abends ins KuK zu gehen um den Film „Loving Vincent“ anzusehen. Gesagt getan… dachte ich zumindest, bis ich den neuen Fahrplan zur Hand nahm, um mir die Fahrzeiten anzusehen – und konnte es nicht fassen. Die letzte Abfahrt vom Roßmarkt nach Hause zur Haardt wäre an einem Feiertag schon um 18:00 Uhr, sodass ich den Wunsch an einen Kinobesuch am Abend gleich wieder aus meinen Gedanken streichen konnte. Aufgrund des neuen Fahrplans musste ich zuhause bleiben, worüber ich immer noch fassungslos und entsetzt bin!

Wir leben im 21. Jahrhundert und gehen mit diesem Fahrplan einen Schritt zurück. Der Titel einer Verfilmung meines Albtraums lautet „Stirb langsam an der oberen Haardt“ – das meine ich ernst. Ich besitze kein eigenes Fahrzeug. In der heutigen Zeit und bezüglich der Umwelt ist es ohnehin besser, auf den Bus umzusteigen. Ich fühle mich im Moment aber eher wie in einem falschen Film – der Bus ist / war meine Selbständigkeit, meine Mobilität!

Werktags fährt der letzte Bus um 20:30 Uhr an die Haardt. Eine kulturelle Veranstaltung, wie z. B. ein Theaterbesuch, ist mir nun nicht mehr möglich. Wenn eine Vorstellung um 19:30 Uhr beginnt, kann ich nicht schon um 20:30 Uhr im Bus sitzen. Den letzten Kurs im Fitnessstudio, welcher um 19:45 Uhr beginnt, kann ich auch nicht mehr belegen. Ich fühle mich ausgeschlossen aus der Innenstadt und wie ein Kind, welches um 20:30 Uhr bzw. um 18 Uhr nach Hause muss – das kann doch wirklich nicht sein?!

Die einzige Chance, am Abend noch etwas in der Stadt zu erledigen oder an einer Veranstaltung teilzunehmen, wäre an einem Samstag, da fahren „zum Glück“ noch Busse um 22:16 Uhr und 23:30 Uhr – fragt sich nur wie lange noch?! Natürlich werde ich ab und zu auch mal abgeholt, aber ich möchte nicht jedes mal darum betteln, nur weil kein Bus mehr fährt, den ich nehmen könnte! Nicht zu vergessen sind auch die sicher zahlreichen Arbeitnehmer, deren Weg von der Arbeit nach Hause z. B. einfach gestrichen wurde. Wie kommt man z. B. nach 20:00 Uhr aus dem Hafen wieder zurück? Wer auch immer sich die neuen Fahrzeiten ausgedacht hat, ist sicher nicht auf einen Bus angewiesen… für Menschen wie mich ist die neue Situation nicht tragbar und muss bitte nochmal überdacht werden!“

Anmerkung der Redaktion

Gastbeiträge geben nicht automatisch die Meinung der Redaktion wieder. Sie sollen zur Debatte anregen  – so wie auch jeder gute Kommentar auf Facebook. Wir geben deshalb allen unseren Lesern die Chance, ihre Meinung bei uns zu veröffentlichen und diese diskutieren zu lassen. Wir freuen uns über Gastbeiträge zu allen Themen an: redaktion@swity.de.

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