Interview: Autor Andreas und seine „Würzburger Gschichtli“
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Würzburg erleben
21. September 2020

Andreas Arnold am Würzburger Hauptbahnhof. Foto: Privat
Andreas Arnold ist nicht nur verheiratet und vierfacher Vater, sondern auch Autor, Heilpraktiker, Dozent und die Liste geht noch lange weiter. Der Unterfranke liebt seine Heimat und engagiert sich trotz seiner vielen Leidenschaften und Berufe ehrenamtlich kulturell für Kinder- und Jugendarbeit. Durch das Versprachlichen seiner Gefühle entdeckte er die Leidenschaft zum Schreiben und hat neben diversen Kurzgeschichten in Anthologien bereits zwei eigene Bücher veröffentlicht, worauf nun die „Würzburger Gschichtli“ folgen. Worum es in seinem neuen Werk geht, woher seine Motivation und Inspiration nimmt und was er für die Probleme unserer heutigen Zeit hält, erfahrt ihr im Interview mit ihm.
„Meine Leidenschaft ist dreigeteilt“
Würzburg Erleben (WE): Hallo Andreas, stell dich doch einmal kurz vor!
Andreas: Hallo! Ich heiße Andreas Arnold, bin Zeit meines Lebens Unterfranke und liebe meine Heimat, obwohl ich gern auf Reisen bin. Meine Leidenschaft ist dreigeteilt, aber zielt letztlich immer auf das Gleiche: Ich will Menschen helfen, ein gutes Leben führen zu können. Direkt tue ich das in meiner Psychotherapie-Praxis in Oberdürrbach, weniger erkennbar durch Lieder, die ich komponiere und singe und natürlich durch mein Schreiben. Dabei glaube ich, dass das, was mir hilft, auch einigen anderen guttut. Ich bin verheiratet und als vierfacher Vater ausgelastet, engagiere mich aber trotzdem ehrenamtlich kulturell und für die Kinder- und Jugendarbeit.
WE: Wie kamst du dazu Schriftsteller bzw. Autor zu werden? Hat dich das Schreiben schon immer begleitet oder gab es einen Punkt in deinem Leben, an dem du das Interesse dafür entdeckt hast?
Andreas: Seit ich ein Teenager bin, reflektiere ich Erlebnisse durch Schreiben. Ich habe gemerkt, dass es mir bei der Verarbeitung von Gefühlen hilft, wenn ich diese versprachliche, oder besser: die Sprache darum wickle. Dabei sind viele Gedichte entstanden. Professioneller wurde es 2006, als ich bei Krystyna Kuhn in die Lohrer Schreibschule ging und bei André Hille in die Leipziger Textmanufaktur. Dazu kam meine Mitgliedschaft im Autorenkreis Würzburg, den Infinite Monkey und aktuell im Literaturhaus Würzburg e.V. Durch den Austausch mit anderen AutorInnen erweitere ich meine Sachkenntnisse und erhalte neue Ideen, was in mir ist, noch präziser auszudrücken. Zurzeit profitiere ich besonders von meinem nebenberuflichen Kulturwissenschaftsstudium.
WE: Neben dem Schreiben bist du auch Heilpraktiker für Psychotherapie, Dozent für Gesundheitsberufe und Redakteur eines regionalen Monatsmagazins. Fällt es schwer, alles unter einen Hut zu bekommen und wo liegen deine Prioritäten?
Andreas: Ich liebe die Abwechslung. Und ich habe für mich festgestellt, dass mir die Interessensvielfalt sehr gut hilft, mich in andere Menschen einfühlen zu können und sie und ihr Leben besser zu verstehen. Das gilt für meine Psychotherapie- und Coachingtätigkeit, wo ich mit verschiedensten Berufen und Lebenssituationen konfrontiert werde und mit meinen Klienten Auswege aus Krisen suche, wie auch für meine Dozententätigkeit, in der ich durch das Einfühlen in meine Studierenden komplexe Sachverhalte einfach und verständlich erklären kann, damit diese erfasst werden. Priorität hat für mich die Tätigkeit, die ich im Augenblick tue. Ich versuche, bewusst zu leben und genau das, was ich tue, so gut ich es jetzt kann, zu tun. Dadurch wird es leicht, zu jonglieren. Immer der Ball, der gerade gefangen werden soll, ist für mich der Wichtigste. Die anderen bleiben in ihrer Flugbahn und finden zu anderer Zeit mehr Beachtung.
Werke und Inspiration
WE: Woher nimmst du deine Ideen und Inspiration?
Andreas: Ich gehe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt. Selbst kleine Beobachtungen oder Sprachfetzen animieren mich dazu, mir eine Geschichte dahinter auszudenken. Wer ist derjenige, der so etwas sagt? Warum sagt er es? Was will er damit erreichen? Was will er eigentlich in seinem Leben? Das sind Fragen, die ich mir ganz automatisch stelle. Daraus ergibt sich dann eine Geschichte.
WE: Wie viele Bücher gibt es bisher von dir? Gibt es nur Prosa oder auch andere Schriftstücke?
Andreas: Es gibt – außer Kurzgeschichten in diversen Anthologien – drei Bücher von mir. Den Gedichtband: „Nun sitz ich hier am Flügelhain“, den Ratgeber: „Glück finden und behalten“ und jetzt neu: „Würzburger Gschichtli“. Für das Monatsmagazin „Der kleine Lohrer“ schreibe ich die Kolumne: „Ich hätt ämaol ä Broblem“.

Andreas Arnold am Würzburger Hauptbahnhof.
Foto: Privat
„Ich wollte den typischen Unterfranken tatsächlich darstellen“
WE: Du hast ein neues Buch geschrieben – worum geht es und welchen Titel trägt es?
Andreas: Das Buch „Würzburger Gschichtli“ ist ungewöhnlich auf vielerlei Art. Zum einen ist es ein stabiles Taschenbuch in kleinem Format, dass man selbst in einer kleinen Handtasche mitnehmen kann, die Schrift ist größer und es enthält wunderbare Illustrationen des Künstlers Klaus Hinkel. Die Schreibweise ist dramatisch: in Dialogform, ohne dass sich der Autor dabei als Person einmischt. Und die Geschichten sind Kürzestgeschichten, die auch bei wenig Zeit nebenbei gelesen werden können. Das Besondere ist allerdings der ostunterfränkische Dialekt, der aber nur angedeutet wird, damit das Buch lesbar bleibt.
Die beiden Protagonisten der Geschichten sind Hermann und Rudi, zwei Stadtstreicher am Würzburger Hauptbahnhof. Rudi ist umtriebig. Ihn zieht es überall hin, bis er schließlich mit Neuigkeiten zu Hermann kommt und ihm alles berichtet, was der vielleicht gar nicht hören will. Die Art, wie die beiden miteinander kommunizieren, ist typisch fränkisch. Aus dem Muffel Hermann entwickelt sich ein guter Gesprächspartner, der Zeit für ein Gespräch hat und seine Meinung sagt. Der unstete Rudi hingegen kommt bei Hermann zur inneren Ruhe und kann sich die Welt danach wieder ein wenig besser erklären.
WE: Wieso hast du dich für eine Parodie des typischen Franken entschieden? Und warum ist deine Wahl als Ort des Geschehens auf Würzburg gefallen?
Andreas: Ich wollte den typischen Franken nicht parodieren, sondern tatsächlich darstellen. Die fränkische Gemütsruhe und Gelassenheit halte ich für den besten Stoizismus, den man sich nur vorstellen kann. Eine gelassene Haltung, wie bei Hermann, ist in unseren Zeiten bewundernswert. Parallel dazu steht Rudis hektisches Hin- und Hergetrieben sein, ständig auf der Suche nach irgendetwas, von dem er selbst nicht weiß, was es eigentlich ist. Da sehe ich Parallelen zu uns. Wer von uns hat noch Zeit, sich auf die Suche nach substanziell relevanten Antworten zu machen? Wir scheinen so lange alles zu wissen, bis wir vor einem größeren Problem stehen. Dann wollen wir Lösungen haben, damit die Tür aufgeht. Dazu nutzen wir den schnellstmöglichen Weg: Das Internet. Aber ist das nicht zu einfach? Jede Antwort kann nur so gut sein, wie ihre Frage. Ist es überhaupt die richtige Tür, vor der wir stehen und die wir unbedingt öffnen wollen? Welche Fragen bräuchten wir, die sinnvoll sind? Und wo können wir Antworten finden, die uns dauerhaft zufrieden machen? Das sind die Probleme unserer Zeit. In „Würzburger Gschichtli“ sucht Rudi Antworten bei Hermann; von Mensch zu Mensch. Ich glaube, dieses Modell braucht ein Revival. Wir sollten wieder auf andere zugehen und von ihnen Hilfe erbitten, anstatt uns in der Anonymität des Internets zu verkriechen.
Würzburg ist als Ort der Handlung perfekt. Groß genug, viel zu erleben und genau richtig klein genug, bestimmten Menschen immer wieder zu begegnen. Ich fahre gern mit der WVV und betrachte dabei Würzburger und ihre Nöte und Ängste, ihren Schmerz und ihre Freude. Wie kann Literatur lebendiger sein, als von lebendigen Menschen abgeschaut und mit eigener Phantasie gewürzt?
WE: Warst du beim Schreiben schon erfahren im ostunterfränkischen Dialekt oder musstest du ihn dir erst ein bisschen aneignen?
Andreas: Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Der Dialekt war lebendig und ist es in den Dörfern Unterfrankens immer noch. Ich war immer stolz darauf, Dialekt verstehen und sprechen zu können. Ich finde es schade, wenn jemand, der in eine Großstadt zieht, dort seinen Dialekt komplett ablegt, als schäme er sich für die Herkunft aus einem „minderwertigeren“ Dorf. Ich freue mich über Traditionspflege, weil ich glaube, nur so können wir eine gute Zukunft haben: Aus der Tradition heraus in die Zukunft. Wer weiß, woher er kommt, weiß, wer er ist und was er aus sich machen kann. Oder wie Hermann sagt: „Mer kann nur e mal an em Platz sei un da is dann die Welt. Wemmer sein Platz kennt, kennt mer a die Welt.“
Neue Projekte und mögliche Zukunft für Hermann & Rudi
WE: Was ist in der Zukunft geplant? Gibt es schon neue Buchpläne, vielleicht auch wieder in neue Richtungen?
Andreas: Aktuell sitze ich an mehreren Projekten. Unter anderem arbeite ich an einem Roman über eine Ärztin und wie sie ihr Leben – trotz viele Schwierigkeiten – meistert. In Corona-Zeiten haben wir erkannt, wie wertvoll medizinische Hilfe für uns alle ist. Für mich, als ehemaligen Krankenpfleger, ist es natürlich besonders interessant, dahinter zu schauen. Was macht die Arbeitsbelastung in diesem System mit einem Menschen? Sind unsere Helden auch einmal erschöpft? Schaffen sie es, ihr Privatleben mit dem fordernden Berufsleben auf die Reihe zu kriegen?
Das interessiert mich. Für meine Literatur liebe ich starke Charaktere. Personen, denen es trotz Handicaps gelingt, ihr Leben zu bewältigen. Davor habe ich den größten Respekt. Das ist meine Form der Heldenverehrung. Ein zweites Romanprojekt begleitet mit seit Jahren. Es geht um Sexualität trotz Behinderung. Darf das sein? Wenn ja, wie geht das? Wer macht das? Ich bin gespannt, wohin mich meine Gedanken noch treiben. Da will ich mich selbst überraschen lassen. Auch an einer Fortsetzung der „Würzburger Gschichtli“ arbeite ich, weil es mir so viel Spaß mit Hermann und Rudi gemacht hat, dass ich gar nicht damit aufhören kann, an sie zu denken.

