Tätowierer kritisieren Benachteiligung bei Corona-Lockerungen
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Würzburg erleben
9. März 2021

Beim Tattoo stechen. Foto: Pascal Höfig
Anfang März wurden von der Bayerischen Regierung einige inzidenzabhängige Lockerungen ausgesprochen: Der Einzelhandel darf je nach Region öffnen, private Kontakte werden gelockert und auch für die Gastronomien gibt es Perspektiven. Friseure feiern bereits seit dem 1. März wieder ein „Come-back“. Eine Branche fühlt sich durch die neuen Regelungen allerdings stark benachteiligt: Tätowierer fordern nun die Erlaubnis, auch in Bayern öffnen zu dürfen – denn es handelt sich hierbei um das einzige Bundesland, wo Tattoostudios dieser Schritt noch verwehrt bleibt.
Chancengleichheit in ganz Deutschland
„Freitag, der 5. März 2021, der 150. Geburtstag von Rosa Luxemburg, und in Bayern bleibt den Tätowierern die Luft stehen. Ein Geist von Ungerechtigkeit, Wut und Unverständnis geht um!“, so David Kniess, Inhaber des Studios „Schwarzes Blut Tattoo“ in Ochsenfurt, in einer Pressemitteilung. Der Grund für das Ärgernis: Die Lockerungen, auf die sich Bund und Länder einigten, machen Öffnungen für körpernahe Dienstleister möglich – anders aber in Bayern. „Seit dem neuen Pandemie-Beschluss müssen Tattoo-Studios in Bayern noch mindestens bis zum 28. März 2021 geschlossen bleiben. Als einzige Branche in ganz Deutschland, während alle anderen Bundesländer die Betriebe der Tattoobranche wieder öffnen dürfen“ – unverständlich, findet Kniess. Er fordert stattdessen eine Chancengleichheit für die gesamte Branche in ganz Deutschland.
Hygienestandards sehr hoch
„Ich fordere die Regierungen auf, Verantwortung zu übernehmen. Besuchen Sie ein Tattoo-Studio. Stellen Sie fest, dass die Schließung von fünf Monaten nicht notwendig gewesen wäre, Hygienestandards in Tattoo-Studios immer da waren. Dass Ersparnisse für die Zukunft aufgebraucht werden mussten und wirtschaftliche Branchen im Stich gelassen wurden“.
Damit steht David Kniess aber nicht alleine da: Auch weitere Tätowierer in und um Würzburg teilen seine Meinung und äußern sich kritisch auf ihren Social Media Kanälen. „Sie lassen Betriebe geschlossen, die pro Tätowierer mit 1-4 Kunden pro Tag ihre Auslastung erreichen. Das ist sehr wenig und kann kaum als relevanter Infektionsherd gesehen werden“, so das Tattoo-Studio „House of Pain“ in einem offenen Brief an Markus Söder. Auch schon vor der Pandemie seien die Hygienestandards höher als in anderen Betrieben, so ein Argument. „Infektionsrisiken gibt es überall. Besonders niedrig ist es aber in Tattoo-Studios.“
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Eine plausible Antwort darauf, warum Tattoo-Studios von den Öffnungen ausgeschlossen wurden, findet auch Franziska Fischer von „Pennys Tattoo“ nicht. „Steht mit auf und zeigt Gesicht! Macht mit und fragt WARUM WIR!“, fordert sie in einem Posting.
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Laufende Kosten, kaum Hilfe
Auch das Würzburger Studio „Stichfest“ ist entsetzt und richtet sich ebenfalls mit einem Posting an den Ministerpräsidenten. „Ist es nur ein gewaltiger Fehler? Wenn das so weiter geht, wird es für uns Tätowierer in Bayern dunkel! Die Nächte sind schlaflos und die Taschen bald leer!“ Laufende Kosten wie Miete, Versicherungen etc. seien nach wie vor vorhanden, auf Hilfsgelder müsse man aber vergeblich warten.
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Dagegen wehrt sich auch Jana: Die Tätowiererin, die ihr Studio einst auch in Würzburg betrieb, beteiligt sich an der Aktion #IhrMachtUnsNackt – ein stiller Protest auf Instagram. Rund 1.000 Euro habe sie zur Unterstützung vom Staat bekommen – insgesamt, seit der Schließung. „1.000 € für 4 Monate, von denen ich und meine Familie leben sollen. 250 € pro Monat für Lebensmittel, Miete, Kredit, Strom“, offenbart die Mutter einer 1-jährigen Tochter. „Mein Tattoo-Studio muss zu bleiben. Es gibt kein Click & Collect, kein to go. Ihr lasst uns ausbluten!“.
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Petition für Öffnung
12.800 Unterstützer zählt auch eine Petition, die genau diese bundesweite Ungleichheit kritisiert:
Eine medizinische Begründung für die Schlechterstellung gibt es nicht, bei entsprechenden Hygienekonzepten (nur mit Termin, aktueller negativer Schnelltest, Hygieneschleuse mit Händedesinfektion sowie mit Handwaschbecken, welches mit Fuß zu bedienen ist, FFP2 Masken, Beschränkung der Personenzahlen im Studio, Abstände UND Zwischenwände, Desinfektion des Arbeitsplatzes, Einwegmaterialien, …) ist die Ansteckungsgefahr nicht größer als bei Nagelpflege oder Haare schneiden. Tätowierstudios dürfen nicht schlechter gestellt werden, nur weil die subjektive Wahrnehmung der “Wichtigkeit“ der Branche von den Entscheidern unterschiedlich eingeschätzt wird zu den anderen Dienstleistungen!
Ein weiterer Hilferuf der Tattoo-Branche, denn eine Perspektive gibt es derzeit noch nicht. „Genaue Informationen, wann es Tattoo-Studios erlaubt werden könnte, sind uns derzeit nicht bekannt. Uns fehlen die Worte und es tut uns für unsere Kolleginnen und Kollegen in Bayern sehr leid“, äußert sich der Bundesverband Tattoo auf ihrem Instagram Profil.

