Das Ludwig: Ein Lokal und ein Stück Würzburger Geschichte
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Philipp Heilgenthal
29. April 2026

Cafe Ludwig im Jahr 1953. Foto: Club Ludwig
Egal, ob als Café oder Club Ludwig: Jede Generation verbindet seine ganz eigenen, besonderen Erinnerungen an das Ludwig in der Kaiserstraße. Seit 2018 ist es mit dem Ludwig zu Ende. Zeit, auf eine ganz besondere Location mitten in Würzburg zurückzublicken, die wohl mehr Paare zusammengeführt hat als alle Zeitungsannoncen der Main-Post.
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Schon seit 1926 – aus der Ludwigsstraße wird der Name mitgenommen
Schon 1926 hat Otto Weigand das Café Polander – damals noch in der Ludwigstraße 1 – erworben. Damit war der Grundstein für eine langjährige Geschichte und Familientradition gelegt. Das Lokal war im Stil eines schicken Wiener Kaffeehauses eingerichtet und zog vor allem die Oberschicht an. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude ebenso wie das Wohnhaus der Polanders in der Kaiserstraße völlig zerstört. Auf deren Ruinen des Wohnhauses baute die Familie 1948 ein erstes behelfsmäßiges Häuschen und nahm den Namen des früheren Standorts mit. Das Café Ludwig war geboren. Dieser bescheidene Anfang und der stetige Ausbau des Cafés spiegelt eindrucksvoll symbolisch die Würzburger Nachkriegsgeschichte wider. Dem kleinen Übergangsgebäude mit vorgestelltem Biergarten folgte schon bald ein größerer einstöckiger Bau mit auffälliger Dachterrasse. Eine weitere Attraktion des Ludwigs der 50er Jahre waren die größten im Boden versenkten Glasscheibe Deutschlands, die von der Kaiserstraße einen völlig offenen Blick ins Café erlaubten.
Vom kleinen Übergangsbau zum „Großen Lu“
Sohn Kurt Weigand übernahm 1951 und schon bald entwickelte sich das Café Ludwig zum Szenetreff für junge Leute einer langsam sich von den schrecken des Krieges erholenden, wirtschaftlich aufstrebenden Stadt. Doch das Lokal war viel mehr als nur ein Kaffeetreff am Nachmittag: Bis in die 1990er Jahre wurde täglich zu Livemusik bis in die Nacht getanzt. Es begann die Zeit, in der unzählige Würzburgerinnen und Würzburger ihre ganz persönlichen Geschichten im Ludwig erlebten.
Hier gibt es bis heute noch regelmäßig Livemusik: Kleine Bühnen und private Theater in Würzburg
1965 folgte mit dem Umbau des Gebäudes zu seiner jetzigen Größe der Umzug in den ersten Stock. „Das Große Lu“, wie das Lokal bald von seinen Gästen genannt wurde, bot Caféhaus-Atmosphäre, leicht französisch angehaucht und mit gedämpfter Beleuchtung. Bis zu 14 Konditoren waren gleichzeitig dort beschäftigt. Hier erhielt man warme Küche bis weit in die Nacht, serviert von einem bekannten Stammpersonal, was häufig 10 bis 20 Jahre oder länger in dem Café tätig war.

Das Café Ludwig 1976 als es als Tanzcafé zu den angesagtesten Locations des Würzburger Nachtlebens gehörte. Archiv: Willi Dürrnagel
Das Café Ludwig als Tinder im Würzburg der Nachkriegszeit
Nicht zuletzt bot der Umbau am Abend noch mehr Platz zum Tanzen. Über Jahrzehnte war das Café Ludwig eine der angesagten und wichtigsten Anlaufstellen im Würzburger Nachtleben. Nicht wenige junge Erwachsene haben hier beim ersten gemeinsamen Tanz ihren späteren Ehepartner kennengelernt. Das Café Ludwig war somit das Tinder im Würzburg der Nachkriegszeit. Besonders befeuert wurde die Partnersuche beim damaligen regelmäßig stattfindenden „Ball der einsamen Herzen“. Eine besondere spätere Attraktion: In Zeiten, lange bevor Handys etabliert waren, gab es an jedem Tisch ein Telefon, von dem man andere Tische anrufen und so beispielsweise eine junge Frau zum Tanz auffordern konnte.
Die 1990er: Das Tanzcafé kann mit den modernen Diskotheken nicht konkurrieren
In den 1990er Jahren waren die goldenen Zeiten des Tanzcafés zu Ende. Das große Lu fand immer mehr moderne Konkurrenz im Nachtleben. „Wir hatten mit Livemusik gegen die Diskotheken keine Chance mehr“, erzählte Udo Weigand, der das Café Ludwig 1989 übernahm, einst der Main-Post. Neue Locations, neue Musikrichtungen und neue Trends ließen das alte Tanzcafé immer altbackener erscheinen. Nach und nach musste der Tanzbetrieb heruntergefahren und 1996 schließlich ganz eingestellt werden; die Stammkunden starben förmlich aus. Bis 2007 bestand das Ludwig als Tagesrestaurant weiter, ehe ein großes Kapitel zu Ende ging und ein völlig neues aufgeschlagen wurde.

Der damalige Main-Post-Artikel über die Schließung des Café Ludwig 2007. Foto: Club Ludwig
Das „Tanzcafé Ludwig“ macht aus dem Tanzcafé einen Nachtclub
2009 wurde das Konzept völlig geändert. Aus dem ehemaligen Tanzlokal wurde ein moderner Club. Getanzt wird nun ebenfalls jede Nacht, nur eben zu Hip-Hop und House statt zu Walzer und Cha-Cha-Cha. Zunächst übernahm der Pächter Mischa Steigerwald einige Elemente des alten Caféhauses, wie die alten Sitzrondelle und gab den Club als Hommage an die glorreichen alten Zeiten den Namen „Tanzcafé Ludwig“. Die Gäste sprachen aber schnell schlicht von „das Ludwig“. Und die DJs legten an exakt derselben Stelle auf, an der früher die Tanzkapellen ihre Bühne hatten.
Wie schon Jahrzehnte zuvor lernten sich künftige Paare auf der Tanzfläche kennen. Außerdem schlossen Würzburgerinnen und Würzburger sowie junge Leute von außerhalb in dem Club in der Kaiserstraße viele Freundschaften und feierten besondere Momente.

Im Club „Tanzcafé Ludwig“ von 2009 bis 2013 blieben einige alte Elemente bestehen, wie diese Sitzrondelle aus den 1960er Jahren. Foto: Club Ludwig
Berühmt-Berüchtigter Mädelsabend und legendäre Erasmuspartys
2013/14 folgte ein weiterer Umbau. Die Elemente, die an das alte Café erinnerten, verschwanden endgültig zugunsten einer zeitgemäßen Einrichtung eines modernen Clubs. Fortan hieß der Club in der Kaiserstraße auch offiziell „Club Ludwig“. Stammgäste erinnern sich, dass der Club weder betrunkene Störenfriede noch arrogantes „Schickimicki“ Publikum anlockte, sondern genau die richtige Mischung fand. Berühmt-berüchtigt wurde der Mädelsabend: Jeden Montag gab es ab 22 Uhr für Frauen einen Begrüßungsdrink und vergünstigte Getränkepreise. Männer hatten dafür ab 23 Uhr freien Eintritt. Das günstige wöchentliche Event zog Studentinnen und Studenten gleichermaßen an.
Legendär waren dagegen die Erasmuspartys zweimal pro Semester im Ludwig. „Ich erinnere mich daran, dass der letzte Bus vom Hubland in die Stadt immer komplett voller internationaler Studenten war, die darin schon richtig Party gemacht haben“, sagt Jan Putensen, ehemaliger Vorstand der Erasmusorganisation „Würzburg International Network“, kurz „WIN“. Bis 12 Uhr gab es für alle, die beim Facebook-Event von WIN zugesagt haben, kostenlosen Eintritt. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass sich die Schlange kurz vor 12 oft durch die halbe Kaiserstraße zog, so beliebt war das!“, betont Putensen.

Der Club Ludwig nach seinem letzten Umbau 2014 mit zwei voneinander abgetrennten Areas. Foto: Silvia Gralla
Schließung und Umwandlung wird monatelang als Umbau verkauft
Doch auch der Club Ludwig hatte mit der Zeit mit Problemen zu kämpfen. Nicht nur bei den Erasmuspartys gelangte der schmale Nachtclub schnell an seine Kapazitätsgrenzen. Vor allem aber beschwerten sich zunehmend Anwohnerinnen und Anwohner über Lärm der Gäste vor der Tür und im Raucherbereich im Hinterhof. Dennoch bleiben die Gründe für die Schließung des Club Ludwig und die Umwandlung in eine Pizzeria 2018 dubios. Zumal hielt Betreiber Mischa Steigerwald die Schließung sowohl gegenüber dieser Redaktion als auch gegenüber WIN geheim und sprach bis einem Monat vor der Eröffnung von „MariaMaria“ monatelang nur von einem weiteren Umbau des Clubs. So fand das Ludwig in der Kaiserstraße als Tanzlocation, Nachtlokal und Begegnungsstätte nach 70 Jahren ein jähes Ende. Die Pizzeria MariaMaria wurde ein Flopp und schloss während der Corona-Pandemie. Heute befindet sich mit dem Kokono in den Räumlichkeiten des ehemaligen Ludwig ein Sushi-Restaurant. Die Erasmuspartys finden seit der Schließung des Club Ludwig im Club Zauberberg statt.


